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Die „Werkself“ macht Leverkusen stolz. Doch die Stadt entfremdet sich zunehmend von Bayer, dem Unternehmen, dem sie ihre Existenz verdankt. Eine Reportage.
Leverkusen – Das Wahrzeichen ist weg. Als die Firma Bayer 1999 auf den 100-jährigen Erfolg ihres Bestsellers Aspirin zurückblickte, verkleidete sie das markante Bayer-Hochhaus in Leverkusen mit einer gigantischen Aspirin-Schachtel in einen spektakulären Werbeträger.
Jetzt, zum 125. Jahrestag des Medikaments, gibt es diese Möglichkeit nicht mehr. Das Hochhaus wurde 2012 abgerissen. Die neue Konzernzentrale ist breit, nicht mehr hoch..
Bei manchen Menschen in Leverkusen verursacht nicht nur dieses fehlende Wahrzeichen Phantomschmerzen, die mit Aspirin nicht zu lindern ist. Auch anderes ist verloren gegangen. Das Carl-Duisberg-Bad etwa, das mit Abwärme aus der Produktion auf angenehme Temperatur gebracht wurde, musste vor 20 Jahren schließen, weil der Konzern die Kosten nicht mehr tragen wollte. Heute begrüßt Bayer dort seine Besucherinnen und Besucher.
Der Stolz der Stadt ist jetzt nicht mehr das Unternehmen, sondern der Fußballverein, der dessen Namen trägt: Bayer 04 Leverkusen. Die Fußballmannschaft, die jahrzehntelang ein Schattendasein gegenüber den benachbarten Traditionsvereinen aus Köln, Dortmund oder Bochum führte, strahlt mit ihrem erfolgreichen und schönen Spiel europaweit aus. Die Mannschaft bezeichnet sich als „Werkself“, was nicht mehr so recht stimmt. „Früher haben viele bei Bayer gearbeitet“, berichtet Reinhold Braun, der Vorsitzende des Bergischen Geschichtsvereins, Abteilung Leverkusen-Niederwupper, der selbst seit Jahrzehnten eine Dauerkarte hat. Heute wohnten die meisten Profikicker nicht einmal mehr in Leverkusen.
Bayer-Leverkusen-Trainer Xabi Alonso im Werkskasino
Doch noch immer bereitet sich die Mannschaft im Bayer-Kasino auf Heimspiele vor. Beim Rundgang mit den Gästeführer:innen entdecken wir die Taktiktafel, mit der Trainer Xabi Alonso seine Elf auf die letzte Begegnung eingestellt hat – wieder einmal mit Erfolg.
Leverkusen wurde groß als Bayer-Stadt und benannt nach dem Unternehmensgründer Carl Leverkus. Generation auf Generation fanden hier Arbeit, kauften im Bayer-Kaufhaus ein, wohnten in Bayer-Werkssiedlungen, betrieben Sport in einem Verein mit dem Bayer-Kreuz und vergnügten sich im Bayer-Erholungshaus. Immerhin, das Erholungshaus wird noch von der Bayer-Kulturabteilung betrieben. Aber aus vielen anderen Bereichen hat sich das Unternehmen zurückgezogen. Die einstige Apotheke der Welt wurde in viele Einzelteile zerschlagen.
Bayer-Patriarch Carl Duisberg: Beschäftigte wie Familie behandelt
Wenn man sich von Daniela Rothschuh, Christa Stopp und Roland Hartmann rund um das Werk führen lässt, die im munteren rheinischen Ton über den Wandel in Leverkusen erzählen, spürt man die Entfremdung von dem Unternehmen, das seine Beschäftigten unter dem legendären Patriarch Carl Duisberg wie eine Familie behandelte. Die einstige Personalerin Rothschuh und der IT-Fachmann Hartmann haben jahrzehntelang bei Bayer gearbeitet, aber vor einigen Jahren dankend eine Abfindung angenommen, weil der Konzern Personal abbaute. Stopp, die ebenfalls in Leverkusen geboren ist, war nicht beim Chemiekonzern tätig, heiratete aber „in eine Bayer-Familie“ hinein. Alle drei zeigen ihre Stadt nun Besucherinnen und Besuchern im Verein Gästeführer:innen Leverkusen und Bergisches Land, dem Hartmann vorsitzt.
„Meine Großeltern waren bei Bayer in Leverkusen, meine Eltern haben bei Bayer gearbeitet, mein Mann und ich auch“, erzählt Rothschuh. Für die jüngere Generation, ihre 19-jährige Tochter und den 17-jährigen Sohn, sei Bayer als Arbeitgeber nicht mehr erste Wahl. „Sie haben nicht mehr diesen Bezug zu Bayer, zumal es ,den Bayer‘, wie es früher hieß, nicht mehr gibt.“
Und wieder wird bei Bayer Personal abgebaut
Dort, wo es früher hineinging zum Werk, steht heute eine Tafel mit den Logos von vier Dutzend Firmen. Viele davon sind aus Bayer hervorgegangen, sie tragen Kunstnamen wie Lanxess, Covestro, Currenta und Saltigo. Die Bayer AG selbst, die sich seit 20 Jahren auf ihr Kerngeschäft zurückzog, steckt seit der Übernahme der US-Pflanzenschutzfirma Monsanto in der Krise. Gerade wurde verkündet, dass die Dividende zusammengestrichen wird. Und wieder wird Personal abgebaut.
In den 1990er Jahren prangte statt des Bayer-Kreuzes zeitweise der Name der bekanntesten Marke auf den roten Trikots der Leverkusener: Aspirin. In der Villa Römer, dem Haus der Stadtgeschichte, ist ein Aspirin-Fläschchen des ersten Jahrgangs von 1899 abgebildet. Der Name sei „gesetzlich geschützt in Deutschland und den meisten übrigen Industrieländern“ steht auf dem Etikett mit dem kunstvoll verschlungenen „A“ des Markennamens. In der Tat: Am 6. März 1899, vor genau 125 Jahren, wurde das Medikament in die Warenzeichenrolle des Kaiserlichen Patentamtes in Berlin eingetragen. Welche Rolle dabei der erfolgreiche jüdische Bayer-Chemiker Arthur Eichengrün spielte, ist derzeit ein Diskussionsthema unter den Profi- und Hobby-Historiker:innen in Leverkusen. „Mit keiner Silbe“ sei er lange von Bayer erwähnt worden, sagt Roland Hartmann.
Bayer arbeitet für ein besseres Aspirin
Aspirin, das war und ist Bayers bekanntestes Produkt. Klar: „Meine erste Kopfschmerztablette war eine Aspirin“, sagt Rothschuh. Christa Stopp hat noch eine engere Verbindung zu dem Produkt. Ihr Schwiegervater Gerhard Stopp leitete einst die Herstellung von Acetylsallicilsäure (ASS), der chemischen Verbindung von Aspirin. Seine große Herausforderung war dort Ende der 1980er Jahre, dieses Pulver klumpenfrei herzustellen. Stopp entwickelte gemeinsam mit Kollegen ein Verfahren dafür, die so genannte Fließbetttrocknung. Doch kaum sei die Technik dafür reif gewesen, habe der Unternehmensvorstand entschieden, dass Bayer nicht mehr selbst ASS produziere, sondern von anderen Herstellern zukaufe, insbesondere von Rhone Poulenc in Frankreich. Bayer presste den Stoff nur noch selbst zu Tabletten. Und Gerhard Stopp musste kurz vor seiner Pensionierung den ASS-Betrieb schließen. Auch das ein Tiefschlag für einen verdienten Beschäftigten.
So gibt es viele Aspirin-Geschichten in Leverkusen. Aber eine Stadt, die Aspirin heißt? Immer wieder taucht das Gerücht auf, dass der Name eine ernsthafte Option gewesen sei, bevor die Entscheidung 1930 für den Städtenamen Leverkusen fiel. In der Tat findet sich dazu ein Zeitungsartikel im Archiv – mit Datum 1. April 1930. „Das war aber ein Aprilscherz“, erläutert die Gästeführerin. Und der wurde tags darauf in der Zeitung auch aufgelöst.
Bayer 04 Leverkusen feiert riesige Erfolge im Fußball
94 Jahre später, es ist ebenfalls April, schwimmt die Bayer-Mannschaft auf der Erfolgswelle. Und das ist jedenfalls kein Leverkusener Aprilscherz.
So sind viele Aspirin-Begebenheiten in Leverkusen zu hören, das einst aus Dörfern und Kleinstädten um das Bayer-Werk entstand. Auch die, dass der Städtename Aspirin 1930 eine ernsthafte Option gewesen sei. In der Tat findet sich dazu ein Zeitungsartikel von 1930 im Archiv. Das war allerdings ein Aprilscherz, und der wurde tags darauf in der Zeitung aufgelöst. So leicht aber wird sich der Phantomschmerz in Leverkusen nicht auflösen lassen. (Pitt von Bebenburg)


