Russland

Lukaschenko konterkariert Russlands Version zum Anschlag

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Bei einem Treffen im Januar demonstrierten Putin und Lukashenko Einigkeit.
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Der belarussische Machthaber Lukaschenko widerspricht Russlands Version zum Anschlag vom Freitag, die Täter hätten in die Ukraine fliehen wollen.

Die ganze Nacht hätten er und Putin nicht geschlafen, versicherte der belarussische Staatschef Alexander Lukaschenko am Dienstag. „Hilfst du, dicht zu machen?“, habe Putin gefragt. „Mache ich“, habe er geantwortet. Lukaschenko sprach vor der Presse über die Sperrung der belarussischen Grenze für die vier Terroristen, die nach dem Blutbad vom Freitag in der Crocus City Hall bei Moskau flohen. Straßensperren seien errichtet, Polizeikräfte, KGB, Grenzschutz und Armeeeinheiten herangezogen worden.

„Nirgends konnten sie nach Belarus gelangen“, freute sich Lukaschenko. „Sie haben deshalb abgedreht und sich Richtung ukrainisch-russischer Grenze bewegt.“

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Wladimir Putin dürften diese Worte geärgert bis erbost haben. Denn der belorussische Erzkumpel demolierte damit seine Aussagen zum Fluchtziel der Terroristen. Putin hatte am Tag nach dem Terrorakt erklärt, die Ukrainer hätten an der Grenze ein „Fenster“ für die Massenmörder organisiert. Später wiederholte Putin, die Täter wollten „genau in die Ukraine“ entkommen. Und er warf dem „neonazistischen Kiewer Regime“ vor, es habe das Blutbad angezettelt, um die Gesellschaft des auf dem Schlachtfeld siegreichen Russlands doch in Panik zu versetzen.

Angesichts des verbalen Ausreißers Lukaschenkos stützten Moskaus ranghöchste Stasi-Männer Putins Version nach Kräften. Nikolai Patruschew, Sekretär des Sicherheitsrates, versicherte, „vieles“ verweise auf die Ukraine. „Die Rechtsschutzorgane wissen alles und werden rechtzeitig darüber informieren.“ Und FSB-Chef Alexander Bortnikow sagte, die Täter seien in der Ukraine erwartet worden.

Nicht-Beteiligung der Ukraine offenes Geheimnis in russischem Sicherheitsapparat

Ein Großteil der russischen Medien meldete zwar, Lukaschenko habe die Grenze für die Tadschiken dicht gemacht, unterschlug aber seine Worte von ihrer Richtungsänderung. Aber nicht alle hielten sich daran, sogar die Staatsagentur Interfax gab Lukaschenkos Worte komplett wieder. Und offenbar hegen nicht nur Nachrichtenleute aktiv Zweifel an Putins Version. Vier anonyme kremlnahe Quellen sagten Bloomberg, ein Großteil der politischen und wirtschaftlichen Elite, auch Topbeamte in Putins Umgebung glaubten nicht an eine Beteiligung der Ukraine. Putin selbst wisse, dass es keine Beweise dafür gebe. Aber er nutze das Feindbild, um die Gesellschaft zusammenzuschweißen.

Auch im russischen Sicherheitsapparat scheint es ein offenes Geheimnis zu sein, dass die Bekenntnisse der afghanischen Khorasan-Fraktion des Islamischen Staates zu der Tat echt sind. Sie hatte schon im Herbst 2022 bei einem Sprengstoffanschlag auf Russlands Botschaft in Kabul fünf Menschen getötet. Laut dem investigativen Portal „Dossier“ wusste man im Sicherheitsrat bereits vor dem Anschlag, dass der IS tadschikische Migranten in Russland als Täter benutzen könne. Aber noch am vergangenen Dienstag bezeichnete Putin Anschlagswarnungen der USA von Anfang März als „offene Erpressung“, um „unsere Gesellschaft einzuschüchtern und zu destabilisieren.“ Putins antiwestliche Narrative dominieren seine Politik auch zulasten der Sicherheit der Nation.

Putin weist dem Westen Schuld am Terror zu

Oppositionelle Fachleute kritisieren indessen den FSB dafür, das Blutbad nicht verhindert zu haben, weil er seit Februar 2022 statt nach Pazifisten nach Terroristen fahnde.

Die gefangenen Täter selbst verloren bisher kein Wort über die Ukraine. Aber man wird sie wohl weiter foltern, bis sie alle Vorwürfe gegen Kiew und den Westen bestätigen. Und der Kremlchef bereitet am Montag neue Narrative vor: „Sind radikale und gar terroristische islamische Organisationen daran interessiert, Schläge gegen Russland zu führen, das für eine gerechte Lösung des eskalierenden Nahostkonflikts auftritt?“ Er scheint fest von seinem Bild Russlands als Schutzmacht der islamischen Welt gegen den neokolonialen Westen überzeugt.

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