Russland

US-Reporter in russischer Haft: Gershkovich wird zum politischen Spielball

  • schließen

US-Reporter Gershkovich sitzt seit einem Jahr und ohne viel Hoffnung auf eine Lösung in russischer Haft.

Moskau – Seit genau einem Jahr sitzt Evan Gershkovich in Russland in Haft, im berüchtigten Gefängnis Lefortowo in Moskau. Gershkovich ist ein Reporter des Wall Street Journal und der erste US-Journalist seit 1986, der in Russland inhaftiert wurde. Offiziell wird ihm Spionage vorgeworfen. Anton Troianovski, Russland-Korrespondent der New York Times und nicht nur ein Kollege, sondern auch ein Freund Gershkovichs, sagt der Frankfurter Rundschau: „Nachdem Evan verhaftet wurde, habe ich zu einem russischen Journalisten gesagt, das sei der worst case – und er hat gesagt: ‚Nein, das ist nicht der schlimmste Fall.‘ Denn gerade russische Kolleg:innen sind bedroht, getötet zu werden.“

Gershkovich Ende 2023 in russischer Haft.

Troianovski: NYT-Reporter müssen bei Berichten aus Russland vorsichtig sein

Von fundamentaler Bedeutung sei der Fall Gershkovich aber trotzdem, und das nicht nur für die Pressefreiheit in Russland, sondern global in autoritären und von Konflikten geprägten Staaten, so Troianovski. Auf die Berichterstattung aus Russland habe der Fall „einen großen Effekt: Die NYT hatte drei oder vier Korrespondent:innen in Moskau, die im ganzen Land unterwegs waren und breit berichtet haben. Jetzt müssen wir sehr vorsichtig sein und Risiken abwägen. Unser Büro ist offen, aber die Sicherheit unserer Journalist:innen ist fundamental. Das führt zu weniger Berichterstattung von vor Ort.“ Troianovski selbst berichtet seit 2022 nicht mehr aus Moskau, sondern aus Berlin über Russland.

Zum Thema

Wer ist Evan Gershkovich?

Gershkovich: Sein geliebtes Russland hat sich gegen ihn gewendet

Moskau verlängert Haft für US-Reporter

Einen Prozess gegen Gershkovich gibt es auch nach einem Jahr noch nicht. Seit seiner Festsetzung wird der Journalist in Untersuchungshaft gehalten, die alle drei Monate verlängert wird – zuletzt geschah das am Dienstag in einem Moskauer Gericht. „Die russische Justiz wird komplett vom Sicherheitsapparat kontrolliert, sodass nie Zweifel daran besteht, dass die Haft verlängert wird“, sagt Anton Troianovski. Die Pro-Forma-Anhörungen sind aber die einzigen Gelegenheiten seit Gershkovichs Verhaftung, zu denen Bilder von ihm gemacht und veröffentlicht werden und auf diese Weise wichtig um zu sehen, dass er wohlauf ist. Dass es für Gershkovichs Fall keine schnelle Lösung gab, überrascht solidarische Beobachtende wie Troianovski nicht: „Ihm droht offiziell eine Strafe von 20 Jahren, und andere ausländische Gefangene haben viele Jahre in Russland in Haft verbracht.“

Putins Geisel

Nach Gershkovichs Verhaftung am 29. März 2023 sei schnell deutlich geworden, dass damit auch seine Haft lange dauern könnte, so Troianovski: „Der Moment, in dem ich realisiert habe, wie brutal ernst die Lage ist, war, als der (russische Geheimdienst) FSB am 30. März ein Statement veröffentlicht hat, Evan Gershkovich habe geheime Informationen über eine militärische Fabrik gesammelt.“ Die Spionage-Vorwürfe gegen den Reporter weisen er selbst, seine Familie, sein Arbeitgeber und die US-Regierung kategorisch zurück.

Putin hat wiederholt klargemacht, dass er Evan als Geisel ansieht“, sagt Anton Troianovski. Das bedeute, dass der Weg zur Freilassung Gershkovichs letztlich ein Deal der US-Regierung mit dem Kreml sein müsse. Dabei ist bisher noch völlig offen, wann und im Gegenzug wofür der russische Machthaber zu einem Austausch bereit ist. In der Vergangenheit gab es einen solchen etwa mit der US-Basketballerin Brittney Griner und dem russischen Waffenhändler Viktor Bout.

Die einzige Möglichkeit für Menschen außerhalb der russischen Justiz und im Ausland, Kontakt zu dem Gefangenen aufzunehmen, sind Briefe. Unterstützer:innen haben dazu eine Email-Adresse eingerichtet, dorthin adressierte Schreiben werden dann auf Russisch übersetzt, um von der Gefängnis-Zensur durchgelassen zu werden. Anton Troianovski hatte so zuletzt vor einigen Wochen Kontakt zu Evan: „Es ist beeindruckend zu lesen, dass er seinen Humor nicht verloren hat“, sagt er über seinen Kollegen und Freund. (Daniel Roßbach)

www.freegershkovich.com

Rubriklistenbild: © IMAGO/SNA

Kommentare