Analyse

Kommunikationsexperte: „Die Grünen schleppen das Image der Verbotspartei mit sich herum“

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Kaum eine Partei hat so viele Probleme, ihre politischen Aussagen an den Wähler zu bringen, wie die Grünen. Sie sind für viele ein Feindbild, gelten als Moralapostel. Warum tut sich die Partei so schwer?

München – Uli Hoeneß wetterte jüngst im Bayerischen Fernsehen gegen die „Bevormundung“ durch die Grünen. „Der Herr Özdemir will mir vorschreiben, dass ich keinen Zucker mehr in den Kaffee machen darf.“ Will der grüne Landwirtschaftsminister natürlich nicht. Aber einige Menschen würden es ihm wohl zutrauen. „Die Grünen schleppen das Image der Verbotspartei mit sich herum“, sagt Ralf Hohlfeld, Lehrstuhlinhaber Kommunikationswissenschaft der Uni Passau, im Gespräch mit IPPEN.MEDIA. Ein Image, das zusehends für Probleme sorgt.

Heizungsgesetz „kommunikativ eine Katastrophe“

Das Bild des bevormundenden Regelaufdrängers habe sich die Partei lange aufgebaut, so Hohlfeld. Etwa mit Forderungen nach einem Benzinpreis von fünf Mark pro Liter (1998) oder der Einführung eines Veggie-Days in öffentlichen Kantinen (2013). „Sie konnten dieses Image nie ganz ablegen, auch wenn sie sich durchaus geändert haben.“ So würde die Partei mittlerweile mehr auf sogenannte Förderanreize setzen, „um das Verhalten der Menschen positiv zu beeinflussen“, wie Hohlfeld sagt.

Das Problem für die Partei: „Die Grünen finden keine kommunikative Gegenstrategie zu diesem Image.“ Angefangen bei ihrem „Chefkommunikator“ Robert Habeck. „Wenn man aus Frustration nicht mehr selbst überzeugt wirkt, kann man kaum noch überzeugen.“ Das habe sich etwa beim Heizungsgesetz gezeigt – „handwerklich schlecht und kommunikativ eine Katastrophe“. Diese schlechte Kommunikation bleibt bei den Menschen hängen. Auch, weil das andere Parteien ausnutzen. „Das gibt dem politischen Gegner einen Hebel in die Hand: Die Grünen sind die Partei der Vorschriften, der Regelungswut und der Bürokratie.“

Verkörpern die Grüne-DNA: Außenministerin Annalena Baerbock und allen voran Wirtschaftsminister und Vizekanzler Robert Habeck.

„Die Grünen können aktuell nur ihr eigenes Milieu überzeugen“

Diesem Image ist sich die Parteispitze durchaus bewusst. „Wir sollten uns schon fragen, warum manche Vorurteile gegen uns immer noch verfangen“, sagte Parteichefin Ricarda Lang zu t-online. „Wir sind nicht ganz unschuldig daran.“ So habe die Partei die soziale Frage lange nicht richtig beantwortet. Es dürfe zudem nicht der Eindruck entstehen, „dass wir über die Köpfe der Menschen hinweg Politik machen“. Doch dieser Eindruck entsteht aktuell vermehrt, gerade im ländlichen Raum.

Die Grünen geraten schneller ins Kreuzfeuer als andere. „Sie werden aufgrund des moralischen Anspruchs besonders hart angegangen, wenn Fehler begangen werden“, sagt Hohlfeld. Bei anderen Parteien sei das anders. „Man muss das nur mal mit den glücklosen CSU-Verkehrsministern vergleichen, die die Bahn ruiniert haben und zum Teil logen, dass sich die Balken bogen.“ Aus der Union wiederum kommen aktuell viele Angriffe in Richtung Grün.

„Die Grünen gehören nicht zu Bayern“, sagte etwa CSU-Chef Markus Söder und stilisierte sie zur Verbotspartei. CDU-Pendant Friedrich Merz wiederholte erst vor wenigen Tagen seine Aussage, die Grünen seien der Ampel-Hauptgegner der Union. Er meine damit nicht etwa die baden-württembergischen Grünen um den eher konservativ angehauchten Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, sagte er. „Hauptgegner, das sind die 20-jährigen Studienabbrecher in der grünen Bundestagsfraktion, die uns von morgens bis abends die Welt erklären“, sagte Merz laut FAZ.

Von den Grünen hört man derartige Attacken kaum. „Die Grünen sind aktuell nicht wirklich angriffslustig“, sagt Hohlfeld. „Andere Parteien, die in die Defensive rücken, keilen zurück. Von den Grünen kommt hier wenig.“ Die Folge: „Die Grünen können aktuell nur ihr eigenes Milieu überzeugen.“ In Umfragen liegt die Ökopartei aktuell um die 15 Prozent. Sie erholte sich etwas von den Tiefstwerten im Sommer, ist aber von den knapp 25 Prozent von vor rund eineinhalb Jahren weit entfernt. Vielleicht gehen die Grünen auf dem Parteitag in die Offensive. Von Donnerstag bis Sonntag kommen die Delegierten in Karlsruhe zusammen. Alle Infos im Live-Ticker zum Parteitag. (as)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Emmanuele Contini

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