Verteidigung

Die Nöte der Bundeswehr: Merz‘ Ziel steht vor Herausforderungen

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Laut Bundeskanzler Friedrich Merz soll die Bundeswehr die größte Armee Europas werden. Zuvor muss sie noch eine Menge Probleme lösen.

Als Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) jüngst die deutsche Panzerbrigade 45 in Litauen besuchte, bekräftigte er noch einmal eine Zahl, die noch vor wenigen Jahren als utopisch galt. Die Bundesregierung werde die Verteidigungsausgaben auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) erhöhen und weitere 1,5 Prozent zusätzlich für militärisch notwendige Infrastrukturprojekte ausgeben. Das sind insgesamt fünf Prozent des BIP für Militärausgaben. Bisher galt bereits das Ziel, zwei Prozent des BIP in die Verteidigung zu investieren, als schwer erreichbar.

Doch mit der Erhöhung des finanziellen Rahmens ist es längst noch nicht getan. Ende Juni tagt der Nato-Gipfel in den Niederlanden. Dann wird es um weitere Anforderungen an die Bundeswehr gehen. Merz sprach im Bundestag bereits davon, die größte konventionelle Armee Europas zu bilden. Jetzt werden auch dafür deutlich höhere Zahlen genannt: Bisher war man davon ausgegangen, dass die derzeit gut 181 000 Soldatinnen und Soldaten auf 203 000 aufgestockt werden soll. Doch das könnte zu wenig sein.

Reservisten bei einer Übung. Doch zu den meisten hat man den Kontakt verloren.

Bundeswehr soll größer werden: Zahl der aktiven Soldat:innen muss steigen

„Die Bundeswehr muss definitiv größer sein als die 203 300 Soldatinnen und Soldaten, die vor der Pandemie als Zielgröße ursprünglich bis 2025 benannt wurden“, sagte der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, André Wüstner, im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die künftige Zielgröße hänge von der Ausgestaltung der Nato-Fähigkeitsziele und der Lastenübernahme durch Deutschland ab, so Wüstner. „Aber ich gehe davon aus, dass wir, je nachdem, was auf dem Nato-Gipfel beschlossen wird, zwischen 40 000 und 60 000 Soldaten zusätzlich benötigen. Das bedeutet, dass die aktive Truppe schrittweise auf bis zu 260 000 Soldaten aufwachsen müsste.“

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes vermutet, dass diese Zahl, die man etwa bis 2029 erreichen wolle, allein mit der freiwilligen Rekrutierung für die Bundeswehr nicht getan ist.

Die neue Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag nicht ausgeschlossen, dass das bisher noch freiwillige Modell des Wehrdienstes in eine zumindest teilweise Pflicht umgewandelt werden kann. Derzeit ist die Wehrpflicht in Deutschland ausgesetzt, sie kann mit einfacher Gesetzgebung aber jederzeit wieder in Kraft gesetzt werden, dann würde sie aber ausschließlich Männer betreffen.

Probleme bei der Bundeswehr – trotz verstärkter Personalwerbung

Die Zahl der Männer und Frauen in der Bundeswehr ist trotz verstärkter Personalwerbung unter dem Strich rückläufig. Sie war zum Jahreswechsel auf rund 181 150 Soldaten gesunken. Ende 2022 hatte die Bundeswehr noch 183 050 Soldaten. Gleichzeitig wird die Bundeswehr immer älter: Während das Durchschnittsalter Ende 2019 noch 32,4 Jahre betrug, ist es bis Ende 2024 auf 34 Jahre gestiegen.

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat bereits in der vergangenen Legislaturperiode einen Gesetzentwurf für ein neues Wehrdienstmodell vorgelegt. Verpflichtend wäre demnach gewesen, dass junge Männer Auskunft über ihre Bereitschaft und Fähigkeit zum Militärdienst hätten geben müssen. Frauen könnten dies freiwillig tun.

Steigen soll auch die Zahl der Reservist:innen in der Bundeswehr, also Soldatinnen und Soldaten, die eine militärische Ausbildung haben, derzeit nicht aktiv sind, aber jederzeit wieder in den Dienst geholt werden können. Davon gibt es nach Angaben der Bundeswehr derzeit rund 60 000. Diese Zahl soll nach Angaben es Generalinspekteurs der Bundeswehr, Carsten Breuer, auf rund 200 000 steigen.

Merz will Bundeswehr zur größten Armee in Europa machen: Doch einige Probleme müssen gelöst werden

Das Problem: Die rund eine Million Menschen in Deutschland, die einen Dienst bei der Bundeswehr absolviert haben und noch im aktiven Alter sind, um als Reservist:innen in Frage zu kommen, sind für die Bundeswehr unerreichbar. Das hat der Vorsitzende des Reservistenverbandes, Patrick Sensburg, eingeräumt. Der banale Grund: Nachdem die Wehrpflicht 2011 ausgesetzt wurde, hat man auch die Kreiswehrersatzämter aufgelöst und damit die Adressen der ehemaligen Soldat:innen schlicht verloren.

Das passt in das Bild einer rückständig verwalteten Armee, deren Modernisierung bisher niemand große Priorität eingeräumt hat. Wüstner hat in einem früheren Gespräch mit der Deutschen Presseagentur darauf hingewiesen, dass immer mehr Soldat:innen und Zivilbeschäftigte inzwischen den Glauben verlören, dass die Bundeswehr noch eine effiziente, schlagkräftige Organisation werden könnte. „Es reicht nicht mehr, an Symptomen herumzudoktern, sondern man muss die Ursache aller Probleme angehen: Es sind Überregulierung und Zentralisierung, die das gesamte Land und insbesondere die Streitkräfte lähmen“, sagte Wüstner. 

Die Verkrustungen vor allem im Bereich der Bundeswehrverwaltung sind legendär. Die jüngst aus dem Amt geschiedene Wehrbeauftragte Eva Högl hatte immer wieder etwa auf die schleppende Beschaffung von Ausrüstung für die Soldat:innen hingewiesen. Allein im Bundeswehr-Beschaffungsamt (BAAINBw) mit Hauptsitz in Koblenz sind fast 12 000 Mitarbeitende beschäftigt. Das BAAINBw ist damit die größte technische Behörde in Deutschland, als effizienteste ist sie allerdings nicht bekannt.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Reformstau im Ministerium: Bundeswehr steht vor Problemen

Auch im Verteidigungsministerium selbst haben wechselnde Verteidigungsminister:innen bisher vergeblich versucht, kleinere und größere Reformen umzusetzen. Ursula von der Leyen etwa versuchte es mit externer Beratung, unter anderem von McKinsey. Allerdings stellten sich dessen Expertinnen und Experten eher als Teil des Problems eines „Buddysystems“ heraus, in dem man sich gegenseitig Aufträge zuschanzte. Ein entsprechender Untersuchungsausschuss des Bundestages brachte dafür eine Reihe von Belegen ans Licht, eine effektive Organisation und Digitalisierung des Ministeriums steht aber immer noch aus.

Dass es nicht am Geld allein liegt, sieht auch André Wüstner. „Ein steigender Verteidigungshaushalt ist eine gute Grundlage, macht aber nicht allein glücklich“, sagte er im dpa-Gespräch. „Wer in den nächsten Jahren erfolgreich sein will, muss mehr denn je „out of the box“ denken, braucht Mut für echte Weichenstellungen und darf keine Angst vor teils disruptiven Prozessen haben.“

Rubriklistenbild: © Christoph Schmidt/dpa

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