- VonQuirin Hackerschließen
Kommunikationsexpertin Annett Heft über den Umgang der AfD mit digitalen Medien, den Einfluss der Algorithmen und die Verantwortung Einzelner. Ein Interview.
Frau Heft, ein Bericht der Otto-Brenner-Stiftung zum Umgang der AfD mit sozialen Medien kommt zu dem Ergebnis, dass der Auftritt der Partei im Netz oft überschätzt wird. Wie kommt der Eindruck zustande, dass die AfD digitale Medien besser beherrsche als andere?
Insgesamt ist die Präsenz der AfD im digitalen Raum schon recht groß. Studien finden immer wieder eine höhere Aktivität der AfD auf verschiedenen digitalen Plattformen im Vergleich zu anderen Parteien. Insgesamt liegt die starke Präsenz aber nicht nur an der Aktivität der Partei selbst. Sondern auch an den Unterstützer:innen, die Inhalte weiterverbreiten und kommentieren. Das können rechte Influencer:innen sein oder auch Alternativmedien im Netz, die mitunter auch analoge Entsprechungen haben. Das ist ein eng miteinander verflochtenes digitales Netzwerk. Bei vielen dieser Accounts können wir auf den ersten Blick keine parteipolitische Zuordnung festmachen. Aber sie bespielen die Themen der AfD: Anti-Gender, Anti-Klima, Migration. Damit erhöhen sie die Gesamtmenge an Kommunikation aus dem extrem rechten Lager und sorgen so für hohe Sichtbarkeit.
Warum ist im Netz rechts so viel mehr los als links?
Das ist ein grundsätzliches Problem der Aufmerksamkeitslogik: Wenn Inhalte Kritik, Aufregung und Empörung ausdrücken, ziehen sie mehr Klicks und Follow-Up-Kommunikation nach sich. Unter etwas Erfreuliches wird weniger oft kommentiert. Außerdem bewegen sich viele Menschen auf Plattformen wie Telegram, die dort ihren Unmut in einer Weise ausdrücken, wie die herkömmlichen Medien ihn nicht abbilden wollen. Und schließlich inszeniert die AfD sich als Vertreterin der „normalen Bürger“ und gibt vor, sich gegen die etablierten Eliten zu stellen. Dieser Populismus erweckt Zuspruch im Netz und hilft, ihre Inhalte weiter zu verbreiten.
Worin genau besteht diese populistische Kommunikations-Strategie?
Sie suggerieren den Bürger:innen, dass sie die einzigen seien, die die Meinung eines imaginierten Volkes vertreten. Dabei wird ein binäres Freund-Feind-Schema aufgerufen, das komplexe Sachverhalte vereinfacht und Sündenböcke anbietet. Außerdem gelingt es zum Beispiel rechten Influencer:innen gut, ihre ideologische Position durch Themen, die die Menschen alltäglich bewegen, in die Breite zu bringen. Zum Beispiel Familie oder regionales Essen. Die rechte Agenda ist in vielen Fällen zunächst nicht erkennbar.
Im Vorfeld der drei Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg ist Migration zum Hauptthema geworden. Wie schafft es die AfD, dass über ihre Themen so viel gesprochen wird?
Ein Punkt ist sicherlich eine stark orchestrierte Kommunikation. Die AfD fokussiert sich auf einige wenige Kernthemen. Das hilft ihr, stärker mit einer klaren Botschaft deutlich zu werden. Andere Parteien stellen sich thematisch breiter auf, und ihre Positionen unterscheiden sich auch innerparteilich stärker. Rechte Kommunikation ist inhaltlich recht klar. Außerdem reagiert die politische Debatte zu stark auf die Provokationen der AfD. Selbstverständlich dürfen sie auch nicht einfach ignoriert werden. Man muss aber fragen, inwieweit der Partei damit eine Bühne geboten wird, sich als Opfer zu inszenieren. Viele Versuche der Gegenargumentation und der Kritik – die definitiv nötig sind – oder auf fehlende inhaltliche Positionen hinzuweisen, können die Aufmerksamkeit auf die AfD verstärken. Zum Beispiel, wenn diese Beiträge dann ins Lächerliche gezogen werden. Medienschaffende sind sich dessen durchaus bewusst. Das ist ein schwieriger Spagat.
Was sind die Ziele der AfD auf Social Media?
Zur Person
Annett Heft ist Kommunikationswissenschaftlerin und forscht an der Uni Tübingen, der Freien Universität Berlin sowie am Weizenbaum-Institut zu digitaler politischer Kommunikation. Ihr Schwerpunkt ist digitale Kommunikation von rechtspopulistischen, rechtsextremen und antidemokratischen Akteuren und wie diese Akteure digitale Medien für Mobilisierung nutzen. FR/Weizenbaum Institut
Das sind sowohl die interne Stärkung und Selbstbestätigung unter den bestehenden Anhänger:innen als auch die Ansprache von potenziellen neuen Wählerinnen und Wählern. Beides funktioniert besser als bei anderen Parteien. AfD-Mitglieder und Anhänger leiten die eigenen Botschaften stärker untereinander weiter und erhöhen so ihre Sichtbarkeit im Netz. Die Logik der sozialen Netzwerke, die eng miteinander verbunden sind, befördert zusätzlich die Weiterverbreitung auf vielfältigen digitalen Kanälen.
Welche Plattformen werden genutzt und welche Rolle spielen die jeweiligen Algorithmen der sozialen Medien bei der Verbreitung?
Für die AfD sind Facebook und Twitter weiterhin relevant. Auch auf Telegram und Tiktok sind sie vergleichsweise stark vertreten. Dabei passt die Partei ihre Inhalte auf die jeweiligen Plattform-Kulturen und Zielgruppen an. Die Algorithmen der Plattformen bevorteilen Inhalte, in denen Themen oder Personen skandalisiert werden. Was häufiger aufgerufen oder häufiger geliked wird, wird von den Plattformen bevorzugt angezeigt. Auch das hilft einer Verbreitung von Inhalten, die stärker polarisieren und auf Affekte setzen. Über die letzten Jahre hat sich die Moderation der Plattformen verbessert. Daran passen sich rechte Akteure allerdings an. Sie arbeiten mehr mit versteckten Andeutungen oder weichen auf alternative Plattformen aus. Viele Rechtsextreme pflegen gleich mehrere Accounts auf unterschiedlichen Plattformen. So können sie auf einen anderen zurückgreifen, wenn ein Account gesperrt wird.
„Oft schwer auszumachen, woher die Fake-Accounts kommen“
Welche Kommunikations-Strategie erwarten Sie von der AfD für den Wahlkampf zur vorgezogenen Bundestagswahl?
Ich gehe davon aus, dass sich fortsetzt, was wir vor den Landtagswahlen gesehen haben. Fokus auf Migration und Anti-Establishment-Rhetorik waren Hauptstrategien und werden es vermutlich auch weiterhin sein. Ich bin gespannt, ob KI-generierte Bilder beziehungsweise allgemein KI-generierte Inhalte eine größere Rolle spielen werden. Leider ist schwer auszumachen, wie viel dieser rechten Kommunikation von Fake-Accounts und koordinierten Kampagnen kommt.
Auch bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen in Rumänien gab es Indizien, dass Russland die Debatte auf Social Media manipuliert hat. Gibt es Aktivitäten aus Russland, die der AfD in die Hände spielen?
Es ist oft schwer auszumachen, woher die Aktivitäten von Fake-Accounts tatsächlich kommen. Ihr explizites Ziel besteht ja darin, ihre Identität zu verschleiern. Manipulationskampagnen sind auch keineswegs auf Fake-Accounts beschränkt und heutzutage vielfältiger und spezifischer. Für den amerikanischen Wahlkampf wurden entsprechende Netzwerke aufgedeckt. Die Plattformen suchen selbst nach koordinierten Kampagnen und versuchen, Manipulationsversuche zu unterbinden. Für uns in der Forschung ist es schwer, an diese Daten ranzukommen, beziehungsweise eine Datenbasis zu erstellen, die umfassende, vergleichende Analysen erlaubt.
Wo sehen Sie die Verantwortung zum Gegensteuern?
Die salomonische Antwort lautet: Sie liegt bei der Gesellschaft insgesamt. Es gibt viele Spieler im Feld. Die Plattformen müssen für Regulierung sorgen. Politische Akteure sollten Werte wie Freiheit und Gleichheit positiv besetzen und auch entsprechend kommunizieren. Bisher ist unsere Kommunikation zu stark negativ aufgeladen. Zur Förderung von Demokratie gehört auch eine starke Zivilgesellschaft, die entsprechend gefördert wird. Und schließlich ist es Aufgabe von jeder und jedem Einzelnen, sich zu fragen, wem ich Glauben schenke und über welche Quellen ein Inhalt gesichert ist.
