Welche Nato-Länder sich nicht am Kampfjet-Manöver in Deutschland beteiligen
VonNils Bothmann
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An dem Mega-Manöver Air Defender 2023 nehmen 24 Nato-Länder und zwei weitere Partner teil, mehrere NATO-Mitglieder jedoch nicht. Das sind die Gründe.
Köln – 25 Nationen nehmen mit rund 240 Flugzeugen an der Übung Air Defender 2023 teil. Das riesige Kampfjet-Manöver ist laut Bundeswehr die „bis dato größte Luftoperationsübung seit Bestehen der Nato“. Aus den ursprünglich geplanten 18 Teilnehmern sind inzwischen 26 geworden, auch die Anzahl der Flugzeuge schraubte sich von anfangs 220 angedachten Maschinen hoch. Zwar bilde der Ukraine-Krieg einen „verschärften Kontext“ für das Manöver, erklärte Generalleutnant Ingo Gerhartz, Inspekteur der Luftwaffe, geplant sei die Übung jedoch schon seit 2018. Es sei wichtig, dass Deutschland beweise, dass es bereit sei, mehr Verantwortung innerhalb der Nato zu übernehmen.
Nato-Neumitglied Finnland steuert Kampfjets für Air Defender 2023 bei
23 der teilnehmenden Länder sind Mitglieder in der Nato, darunter auch Neumitglied Finnland. Das skandinavische Land teilt sich eine 1340 Kilometer lange Grenze mit Russland und hatte angesichts des Ukraine-Kriegs eine Mitgliedschaft in dem Verteidigungsbündnis beantragt. Finnland schickt vier Kampfjets zu der Luftoperationsübung, bei denen es sich um F/A-18 Hornet des US-Herstellers McDonnell Douglas handelt. Zur gleichen Zeit wie Finnland beschloss der unmittelbare Nachbar Schweden ebenfalls den Nato-Beitritt, der jedoch aktuell durch das Veto des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan blockiert wird. Die Schweden nehmen trotzdem an Air Defender 2023 teil.
Mit Japan ist ein weiteres Nicht-Nato-Mitglied dabei. Allein durch die geografische Lage abseits des Nordatlantik ist eine Mitgliedschaft in der „North Atlantic Treaty Organisation“ ausgeschlossen. Außerdem schreibt die japanische Verfassung vor, dass Japan nur Streitkräfte einsetzen darf, wenn Japan und seine Bürger bedroht sind, was nicht mit den Bündnisfallregeln der Nato kompatibel ist.
Doch schon seit den 1990ern unterhält Japan eine enge Beziehung zu dem nordatlantischen Verteidigungsbündnis und war einer der ersten „Partners Across the Globe“ (deutsch: weltweite Partner) der Nato. Aktuell haben acht andere Länder außer Japan diesen Status: Afghanistan, Australien, Kolumbien, Irak, Republik Korea, Mongolei, Neuseeland und Pakistan. 2013 und 2014 wurde die Kooperation Japans mit der Nato durch neue Vereinbarungen vertieft. Am 29. Juni 2022 nahm mit Fumio Kishida erstmals ein japanischer Premierminister an einem Nato-Gipfel teil.
Diese Nato-Mitglieder sind nicht bei Air Defender 2023 dabei:
Solche Bilder wird es bei Air Defender 2023 nicht geben: amerikanische F-15 und kanadische CF-18 Seite an Seite während der Übung „Noble Defender“ im Oktober 2022.
Die Nato hat aktuell 31 Mitgliedsstaaten. Acht davon nehmen nicht an dem Kampfjet-Manöver teil. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Island verfügt beispielsweise über keine eigenen Luftstreitkräfte, weshalb andere Nato-Partner wie Norwegen sich mit der Überwachung des isländischen Luftraums abwechseln. Die albanische Luftwaffe hingegen verfügt über gerade mal 19 Maschinen – ausschließlich Hubschrauber, die daher nichts zu einem Kampfjet-Manöver wie Air Defender 2023 beitragen können.
In den Nachbarländern Nordmazedonien und Montenegro sieht es ähnlich aus. Nordmazedonien verfügt nur über eine kleine Luftstreitkraft von 20 Maschinen. Bei der Hälfte davon handelt es sich um Ausbildungsflugzeuge und -hubschrauber. Die anderen zehn Fluggeräte sind Hubschrauber aus Sowjetzeiten. Sechs bewaffnete Truppentransporter vom Typ Mil-Mi 17, die im nordmazedonischen Bestand bleiben sollen, sowie vier Kampfhubschrauber vom Typ Mil-Mi 24, die der Ukraine gestiftet werden sollen. Noch kleiner sind die Luftstreitkräfte von Montenegro: Gerade einmal fünf Kampfhubschrauber umfasst deren Inventar.
Auch die Slowakei verfügt derzeit noch über keine Kampfjets, sondern nur über 22 Hubschrauber, acht Transportflugzeuge, sieben Übungsflugzeuge und fünf Drohnen. Daran soll sich in Zukunft jedoch etwas ändern: Das osteuropäische Land hat 14 Kampfjets vom Typ F-16 Fighting Falcon des US-Herstellers Lockheed Martin geordert.
Niederlande stellen auch Stützpunkte
Auf der offiziellen Webseite der Bundeswehr sind die Niederlande aktuell zwar nicht gelistet, doch ein Sprecher der Luftwaffe sagte gegenüber 24RHEIN, dass die Niederlande durchaus an der Übung teilnehmen. Von dem holländischen Stützpunkt Volkel werden zudem Maschinen für das Manöver starten. Die drei Hauptstandorte bei der Übung befinden sich jedoch in Deutschland, nämlich auf den Fliegerhorsten Jagel/Hohn (Schleswig-Holstein), Wunstorf (Niedersachsen) und Lechfeld (Bayern). Dort werden auch die meisten Nato-Kampfjets für Air Defender 2023 stationiert sein. Für Kanada sei der Aufwand in diesem Jahr zu groß, Portugal habe nach Wissen der Luftwaffe derzeit andere Übungen, an denen das Land teilnehme, erklärte der Sprecher gegenüber 24RHEIN.
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Das bedeutet Air Defender 2023 für die deutsche Luftfahrt
Dass nicht noch mehr Länder an Air Defender 2023 teilnehmen, bedeutet allerdings eine kleine Entspannung für deutsche Flughäfen und Fluggesellschaften. Schließlich werden Flugverbotszonen für die Übungskorridore eingerichtet, die zu bestimmten Zeiten während des Manövers für den zivilen Luftverkehr gesperrt sind. Dies wiederum kann Einschränkungen für den Reiseverkehr bedeuten. Ob und in welchem Umfang dies passieren wird, ist allerdings umstritten.
Bei einem Pressetermin erklärte Luftwaffeninspekteur Gerhartz, dass er quasi keinerlei Auswirkungen auf den zivilen Luftverkehr durch das Manöver erwarte. Dazu rührte sich jedoch Widerspruch durch die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF). Deren Angaben zufolge stellen sich Fluglotsen auf massive Ausfälle ein – Simulationen rechnen mit bis zu 50.000 Minuten Verspätung pro Tag durch Air Defender 2023. Einrichtungen wie der Flughafen Frankfurt ergreifen bereits Maßnahmen, um eventuelle Einschränkungen zu kompensieren: Dort wird das Nachtflugverbot temporär wegen Air Defender 2023 aufgeweicht.
Wenn Eurofighter, Tornados, F-35 und andere Kampfjets im Sommer am deutschen Himmel Verlegeoperationen und den Verteidigungsfall proben, sind die Teilnehmer gut aufgestellt, wobei nicht alle denselben Beitrag leisten. Rund 100 der teilnehmenden Flugzeuge kommen aus den USA, Japan hingegen stellt eine Transportmaschine. So gesehen kommt das Mega-Manöver also bequem ohne weitere Teilnehmer aus. (nbo) Fair und unabhängig informiert, was in Deutschland und NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.