Hat die Ukraine Russland bei Wuhledar in eine Falle gelockt?
VonFelix Durach
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Die ukrainischen Verteidiger setzen in der Region Donezk wohl verstärkt auf Hinterhalte. Russland soll deswegen in den vergangenen drei Wochen 130 Panzer verloren haben.
Kiew – In der Ostukraine kommt es aktuell nahe der Stadt Wuhledar zu erbitterten Panzergefechten zwischen Russland und der Ukraine. In Kiew wird von der größten Panzerschlacht des bisherigen Ukraine-Kriegs gesprochen. Dabei haben die russischen Streitkräfte offenbar herbe Verluste erlitten. Dem ukrainischen Militär war es offenbar wiederholt gelungen, russische Panzer in einen Hinterhalt zu locken und zu zerstören.
Eine am Mittwoch veröffentlichte Reportage der New York Timesgab tiefere Einblicke in die Strategie der ukrainischen Streitkräfte bei Wuhledar. Das ukrainische Militär hat dem Bericht zufolge bereits früh mit einem bevorstehenden Angriff auf die Region gerechnet und das Gebiet dementsprechend präpariert. „Wir waren vorbereitet. Wir wussten, dass so etwas in der Art kommen wird“, sagte der ukrainische Leutnant Wladislaw Bayak. Weite Teile des Ackerlandes seien deshalb schon früh vermint worden. Die Schotterwege und Forststraßen, welche die Felder und Wälder durchqueren, wurden jedoch bewusst ausgelassen.
„Todeszonen“ in Wuhledar: Ukrainische Soldaten hat Russland wiederholt in Hinterhalte gelockt
Die Idee dahinter: Russische Panzer sollen auf den vorgegebenen Wegen vorrücken und somit in einen Hinterhalt gelockt werden. Hinter Bäumen und Waldstücken hielten sich ukrainische getarnte Anti-Panzer-Einheiten bereit, um auf Kommando das Feuer zu eröffnen. Dabei wurden sowohl eigenen Panzer, als auch US-amerikanische Stinger-Raketen eingesetzt, um die russischen Panzer anzugreifen. Die Panzerkommandeure sollten durch die Überraschungsangriffe in Panik geraten und zum Rückzug gezwungen werden. Der Ausweg führt dabei jedoch direkt durch die gelegten Minen.
Die ukrainischen Soldaten sprachen von sogenannten „Todeszonen“, die dadurch entstehen. Die Minen könnten die Panzer bewegungsunfähig machen, wodurch sie zum leichten Ziel für schwere Waffen würden. „Eine Panzerkolonne wird am verwundbarsten, nachdem die Schießerei begonnen hat und die Fahrer in Panik geraten und versuchen, umzukehren“, erklärte Bayak gegenüber der New York Times. Es werden auch Artillerie und Mehrfachraketenwerfer eingesetzt, um die bereits beschädigten Panzer zu zerstören. Diese Waffengattungen sind im Normafall nur für den Einsatz gegen stationäre Ziele vorgesehen, werden von den ukrainischen Soldaten jedoch erfolgreich zweckentfremdet.
Russland soll 130 Panzer in drei Wochen verloren haben – Militär-Blogger toben
Solche Hinterhalts-Taktiken sind seit dem Beginn des Krieges zur charakteristischen Taktik der ukrainischen Armee geworden – und das offenbar mit Erfolg. Ukrainischen Angaben zufolge soll Russland in den vergangenen drei Wochen in der Region um Wuhledar insgesamt 130 Panzer und gepanzerte Fahrzeuge verloren haben. Die Verluste seien so weitreichend gewesen, dass man sich mittlerweile wieder auf Angriffe mit Infanterieeinheiten beschränkt habe.
Auch wenn diese Zahlen sich nicht unabhängig überprüfen lassen, berichteten auch diverse russische Militär-Blogger von erheblichen Verlusten. Der Telegram-Kanal „Grey Zone“, mit Nähe zur russischen Söldner-Armee „Gruppe Wagner“, kritisierte in einem Beitrag die Armeeführung in Moskau scharf. Die „Angehörige der Toten neigen fast zu Mord und Blutrache gegen den General“, der für die Versäumnisse in Wuhledar verantwortlich sei. Kritisiert wird dabei auch die mangelnde Fähigkeit der russischen Militärführung, aus vergangenen Fehlern zu lernen.
Militär-Experten: Russische Militärführung „unfähig, aus Fehlern zu lernen“
Auch der US-amerikanische Thinktank „Institute for the Study of War“ ordnet die jüngsten Verluste als Beweis für die „Unfähigkeit des russischen Militärs stehen, aus seinen Fehlern zu lernen“ ein. Ein Grund dafür könnte jedoch auch ein Mangel an erfahrenen Soldaten und Panzerkommandeuren sein. Denn die Panzer in der Region Wuhledar werden offenbar immer öfter von unerfahrenen oder schlecht ausgebildeten Rekruten bemannt. In dem Bericht der New York Times wird unter anderem von einem russischen Sanitäter berichtet, der in ukrainischer Gefangenschaft erklärt hatte, er sei aus Mangel an Alternativen zum Panzerkommandeur ernannt worden.
Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks
Für die Militär-Experten des ISW zeigt der Vorfall wieder einmal, dass die russische Militärführung nicht in der Lage sei, „effektive Offensivoperationen durchzuführen“. Während der Fortschritt der russischen Armee in Wuhledar stagniert, fokussiert man sich weiter nördlich auf die Eroberung der Stadt Bachmut. In den seit Wochen andauernden Kämpfen konnte man lediglich kleine Fortschritte machen und musste im Gegensatz dazu hohe Verluste einstecken. Die ukrainischen Truppen könnten sich jedoch bald aus der Stadt zurückziehen, um weitere Verluste zu verhindern. Vor knapp drei Wochen wurde berichtet, dass das russische Militär beim Kampf um Wuhledar eine komplette Elite-Einheit verloren haben. (fd)