FR-Interview

Drogenbeauftragter Streeck warnt: „Jugendliche kommen immer leichter an gefährliche Substanzen“

  • schließen

Der Drogenbeauftragte Hendrik Streeck spricht im Interview über strengere Regeln beim Alkohol, ein neues Schulfach und eine „schwer zu greifende“ Sucht bei Kindern und Jugendlichen.

Hendrik Streeck ist vielen noch in seiner Rolle als Corona-Virologe bekannt. Seit der Bundestagswahl sitzt er nun für die CDU im Parlament – und hat direkt einen Posten abbekommen: Streeck ist der neue Drogen- und Suchtbeauftragte. Als solcher hätte er das Cannabis-Gesetz so nicht verabschiedet, sagt er. Streeck kann es sich auch „sehr gut vorstellen, dass das Gesetz nochmal geändert wird“, wie er im Interview mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA betont.

Herr Streeck, während der Corona-Zeit saßen Sie im Expertenrat der Bundesregierung. Warum sind Sie nun in die Politik gegangen?
Als Arzt geht es mir immer darum, Menschen zu helfen. Während der Corona-Pandemie habe ich aber erlebt, dass die Sorgen und Nöte vieler Bürgerinnen und Bürger nicht mehr gehört und auch wissenschaftliche Standpunkte ideologisch benutzt wurden. Das hat meine Motivation politisch gemacht. Ich habe viel aus dem Maschinenraum der Politik in den letzten Jahren gelernt und festgestellt: Da will ich etwas anders machen. Wir brauchen mehr Wissenschaftlichkeit und weniger Emotionalität im Parlament. Die Herausforderungen sind so groß, dass wir sie nicht durch Polarisierung lösen können – was die Politik braucht, ist eine sachliche Diagnose-Therapie-Denkweise. 
Sie sitzen jetzt im Bundestag. Warum für die CDU?
Ich bin 2017 in die CDU eingetreten. Mir geht es da –  und das hat sich während der Pandemie verstärkt – vornehmlich auch um eine Frage: Wie halten wir unsere Gesellschaft zusammen? Unsere Kultur hat sich über Jahrhunderte auf der Grundlage christlicher Werte entwickelt. Das ist der Kit, der unsere Gesellschaft zusammenhält, und das stellt die CDU am stärksten ins Zentrum ihrer Politik.
Stehen Sie damit auch für eine konservativere Drogenpolitik?
Nein. Ich stehe für eine wissenschaftsbasierte Drogenpolitik. Mir geht es nicht um Ideologie, nicht um Sitte oder Moral, sondern darum, was medizinisch und wissenschaftlich der beste Weg ist, mit bestimmten Drogen und Süchten und den oft sehr bedauernswerten Lebensgeschichten dahinter ernsthaft engagiert umzugehen.
Der Drogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU, re.) im Gespräch mit Politikreporter Andreas Schmid.

Cannabis-Eigenanbau: „Ein guter Gärtner bekommt mit einer Ernte 350 Gramm“

Hätten Sie das Cannabis-Gesetz verabschiedet, wenn Sie damals in politischer Verantwortung gewesen wären?
Nein
Warum nicht?
So wie das Cannabis-Gesetz jetzt aufgebaut ist, ist es in sich nicht schlüssig. Ein Beispiel: Zu Hause darf man bis zu 50 Gramm Cannabis haben und mit bis zu drei Hanfpflanzen sein eigenes Cannabis anbauen. Ein guter Gärtner bekommt aus einer Hanfpflanze aber mit einer Ernte bereits bis zu 350 Gramm. Soll der Rest dann entsorgt werden? Das Gesetz ist logisch nicht durchdacht. Viel wichtiger aber ist: Viele besorgte Stimmen von Ärzten, Kinderpsychologen, Eltern- und Lehrerverbänden oder von Polizisten wurden in der Debatte nicht gehört.
Es gab ja durchaus Stellungnahmen im Ausschuss, aber gehen wir doch mal auf eine dieser Stimmen ein. Sie sind Mediziner, erklären Sie doch mal die ärztliche Perspektive auf Cannabis, Stichwort Hirnreife.
Meine ärztliche Empfehlung ist: gar nicht kiffen, aber erst recht nicht in jungen Jahren. Viele wissen nicht, dass die Hirnreifung erst mit 25 Jahren abgeschlossen ist. Cannabis kann wie Alkohol erhebliche Schäden verursachen – bei Impulskontrolle oder der Lernfähigkeit. Der Peak der Cannabis-induzierten psychologischen Probleme liegt zwischen 20 und 24 Jahren.
Sollte es eine Altersgrenze geben – Cannabis erst ab 21 oder 25 Jahren?
In einer idealen Welt würde man zusätzliche Altersgrenzen miteinbeziehen. Aber das ist unrealistisch.
Jetzt soll das Gesetz erst einmal evaluiert werden. Nehmen Sie uns mal mit: Was wird da evaluiert? 
Es geht um die Auswirkungen des Gesetzes: Konsumverhalten, Schwarzmarkt oder Konsum von Medizinalcannabis. Im Herbst bekommen wir erste Ergebnisse. Noch können wir da keine seriösen Antworten geben.
Könnte es sein, dass das Gesetz nochmal geändert wird?
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das Gesetz nochmal geändert wird.
Und dass es komplett gekippt wird?
Das ist eine Mutmaßung. Ich möchte die Evaluation abwarten. 
Hendrik Streeck sitzt seit 2025 im Deutschen Bundestag. Seine Stelle als Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn pausiert der Mediziner aktuell – und bekleidet das Amt des Beauftragten der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen.

Drogenbeauftragter Streeck für neues Schulfach: „Würde enorm helfen“

Kommen wir zum Thema Alkohol. Finden Sie es gut, dass ein 16-Jähriger in den Supermarkt gehen, sich zwei Flaschen Wein kaufen und sich dann besaufen kann?
Als Arzt finde ich das natürlich nicht gut. Wir brauchen einen Kulturwandel, dass insgesamt weniger Alkohol konsumiert wird. Das schafft man nur schrittweise.
Was könnten die nächsten Schritte sein?
Wir wollen mehr über die Gefahren aufklären und den Zugang zu Alkohol erschweren. Ein Weg wäre, Alkohol von Supermarktkassen in der sogenannten Quengelgasse zu entfernen. Dies würde im übrigen auch eine Erleichterung sein für ehemals Alkoholabhängige, nicht immer an den Alkohol erinnert zu werden. Ein anderer Weg wäre, den Verkauf von Alkohol an Tankstellen einzuschränken. Warum sollten Autofahrer Alkohol für die Weiterfahrt kaufen dürfen? Auch hier vor allem mit Blick auf ehemalige Alkoholiker. Das sind bisher nur Gedankenspiele, wie wir langsam einen Kulturwandel erreichen können.
Ab 16 sollte Alkohol aber erlaubt bleiben?
Erstmal muss das begleitete Trinken ab 14 weg, weil es für Kinder und Jugendliche schädlich ist. Andererseits sehen wir die positive Entwicklung, dass junge Menschen laut Studien wieder weniger Alkohol trinken. Trotzdem brauchen wir mehr Aufklärung rund um Alkohol.
Mehr Aufklärung klingt immer so unkonkret. Wie wollen Sie das angehen?
Zunächst dürfen wir nicht denken, eine weitere Plakatkampagne oder Infobroschüren allein könnten es lösen. Wichtig ist, dass die Aufklärung von jungen Menschen auf Augenhöhe stattfindet. Junge Menschen sind zum Teil höchst gesundheitsbewusst und zeigen das in sozialen Medien. Hier muss auch die Aufklärung beginnen und sich einklinken. Im klassischeren Sinne könnte man zum Beispiel auch ein Schulfach „Gesundheit“ einführen. Da könnte es darum gehen, wie man sich generell gesund hält, wie man eine Herzdruckmassage durchführt und wie man Fieber misst. Ein Schulfach „Gesundheit“ würde insgesamt der Prävention enorm helfen und die Gesundheitskompetenz von Kindern erhöhen. Es gibt einige Gesundheitspolitiker, die das eine gute Idee finden würden. 

Drogenkonsum: „Jugendliche kommen immer leichter an gefährliche Substanzen“

Bleiben wir bei Jugendlichen: Was konsumieren junge Menschen aktuell?
Es gibt zwei Strömungen. Einerseits wird weniger Alkohol und Tabak konsumiert. Andererseits sind Jugendliche risikofreudiger geworden. Die Hemmschwelle, Dinge auszuprobieren, sinkt. Immer mehr Jugendliche experimentieren mit anderen Drogen –von Lachgas über alle möglichen Partydrogen bis zu – in Einzelfällen – sogar Opioiden wie Tilidin. Mit extremen Folgen. Bei 23 Drogentoten wurde auch Lachgas im Körper festgestellt. Wir wollen den Verkauf von Lachgas jetzt erheblich einschränken. Aber damit hört es nicht auf: Jugendliche kommen immer leichter an gefährliche Substanzen. Dazu gehört auch Crack oder Kokain.
Crack und Kokain sind auch bei jungen Menschen Thema?
Crack und Kokain sind nicht die Hauptdroge bei Jugendlichen, aber auch das kommt vor. Es ist mehr Crack und Kokain im Umlauf, vor allem in Großstädten. Wir sehen in Europa gerade Rekordwerte an sichergestelltem Kokain. Angebot und Nachfrage sind da. 
Nicht nur Kokain ist verstärkt im Umlauf, sondern auch andere psychoaktive Stoffe oder Opioide wie Fentanyl. Haben Bundesregierung und Polizei überhaupt den Überblick, was im Land konsumiert wird?
Nur bedingt. Wir haben ein Monitoring-System, aber das ist zu langsam. Es kann schnell passieren, dass wir in eine pandemische Dynamik kommen und nicht mehr hinterherkommen. Wir brauchen ein echtes Frühwarnsystem, um schnell zu erkennen, welche Substanzen auf den Markt kommen und damit Rettungskräfte, Polizei und nicht zuletzt die Drogenabhängige selber warnen zu können. Andere Länder haben das.

„Schwer zu greifende“ Mediensucht: Jedes vierte Kind betroffen

Sie haben Mediensucht zu einem Kernthema Ihrer Amtszeit gemacht. Wie ernst ist das Problem?
Jedes vierte Kind hat ein riskantes Medienverhalten. Das ist in der Pandemie stark angestiegen und nicht zurückgegangen. Dazu kommen andere Süchte wie Gaming, Glücksspiel, Kaufsucht oder Pornosucht und die Konfrontation mit Extremismus, ungesunden Körperbildern und gefährlichen Challenges.
Ab wann ist man mediensüchtig?
Das ist schwerer zu greifen als bei Drogensüchten. Mediensüchtige ignorieren zum Beispiel ihr Umfeld, starren beim Essen nur noch aufs Handy. Sie vernachlässigen soziale Verpflichtungen, Hausaufgaben, Hobbys oder Sport und konzentrieren sich komplett auf soziale Medien, Games oder andere digitale Angebote. (Interview: Andreas Schmid)

Rubriklistenbild: © Jon Lasse Schmitt/IPPEN.MEDIA

Kommentare