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Ukraine mit gezielten Attacken auf Russlands Raffinerien: Drohnen-Angriffe weiten sich aus

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Zerstörtes Gebäude nach dem Angriff durch eine ukrainische Drohne im russischen Belgorod. Laut dem regionalen Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow, der das Bild auf Telegram gepostet hatte, wurde eine Person getötet und elf verletzt. Telegram/afp
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Die Ukraine ist unerwartet wieder in der Offensive. Und das im Luftraum über Kern-Russland. Dort attackieren ihre Drohnen russische Raffinieren – und treffen Moskaus wunden Punkt.

Die Fernfahrer auf der M7, Russlands Hauptstraße von Moskau Richtung Sibirien, machten große Augen. Direkt hinter Nischnij Nowgorod hing eine riesige Rauchfahne pechschwarz über der Lukoil-Raffinerie. Am 12. März schlug eine ukrainische Kampfdrohne in einem der Haupttürme der Großanlage an der mittleren Wolga ein, 800 Kilometer östlich der ukrainischen Grenze. Ein Volltreffer, Russlands viertgrößte Raffinerie, die jährlich 17 Millionen Tonnen Treib- und Schmierstoffe produziert, und schon vorher wegen fehlender westlicher Kompressor-Ersatzteile nur zur Hälfte arbeitete, wurde sehr schwer beschädigt.

Dieses Jahr attackierten die gelenkten Flugsprengkörper der Ukrainer über ein Dutzend russischer Raffinerien und schalteten nach verschiedenen Schätzungen zwischen 7 und 13 Prozent der gesamtrussischen Treibstoffproduktion aus, zwischen gut 80 000 und über 120 000 Tonnen Benzin täglich. Nach Einschätzung von Experten ist das nicht kriegsentscheidend, aber schmerzhaft. Und die ukrainische Drohnenflotte werde ihren Feldzug gegen Russlands Raffinerien fortsetzen, sagt der Kiewer Militärexperte Oleksyj Melnyk. „Sie sind der wunde Punkt der russischen Wirtschaft.“ Oder wie es Francisco Serra-Martins, Chef der US-Firm Terminal Autonomy, die in der Ukraine Drohnen baut, gegenüber den Moscow Times formuliert: „Russland ist eine Tankstelle mit eigener Armee. Und wir haben vor, diese Tankstelle zu zerstören.“

Industrie Russland in Reichweite

Bisher sind die ukrainischen Erfolge für Russland eher ärgerlich als fatal. Aber sie könnten zum Problem werden. Offenbar per Starlink gesteuerte Feinddrohnen fliegen nicht nur Raffinerien in den Grenzregionen Rostow und Krasnodar an, sondern auch in Kstowo, Sysran und Nowokujbischewsk an der Wolga, also in Kernrussland. Nach Einschätzung des Rohstoffexperten Sergej Wakulenko befinden sich 60 Prozent der ölverarbeitenden Industrie Russlands in ihrer Reichweite. „Und Raffinerien sind sehr groß, ihre häuserblockhohe Technik kann man viel leichter treffen als etwa Kampfjets auf einem Flughafen.“

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Die Zerstörungen, die die ukrainischen Angriffe bisher verursacht haben, erhöhten die Großhandelspreise für Benzin in Russland allein vom 11. bis zum 15. März um 1,7 bis 1,9 Prozent. Angesichts der Folgepreissteigerungen im Transportwesen fürchten Experten schon einen neuen Inflationsschub. Um den Treibstoffbedarf für die Armee, für Autoverkehr und die vor der Aussaat stehende Landwirtschaft sicherzustellen, hat Moskau den Benzinexport bis Ende August verboten. Was wiederum die Einnahmen der Exporteure mindert, laut dem Branchenanalytiker Michail Krutichin um 153 Dollar pro Tonne, monatlich eine knappe halbe Milliarde Dollar.

Mobile Drohnenjagdkommandos der Ukraine beeindrucken Russland

In Russland denkt man jetzt nach ukrainischem Vorbild über die Schaffung mobiler Drohnenjagdkommandos nach, die in Jeeps mit aufmontierten Schnellfeuerflaks unterwegs sind. Aber die hätten in Russland viel größere Entfernungen zurückzulegen. Außerdem will man etwa die Lukoil-Raffinerie bei Kstowo mit Panzir-S1-Luftabwehrsystemen schützen. Dafür muss Russland wiederum die 15-Millionen Dollar teuren Hightech-Stücke von der Front abziehen, ein Vorteil für den Feind.

Bisher griffen die Ukrainer die Raffinerien mit modifizierten Strisch-Aufklärungsdrohnen sowjetischer Bauart aus Aluminium an, 900 Stundenkilometer schnell, aber von Radarsystemen durchaus einzufangen. Laut Melnyk sind auch viel langsamere, sehr niedrig fliegende und schwierig zu ortende Plastiksperrholzmodelle unterwegs. „Das Spektrum ist breit.“

In der Ukraine gibt es inzwischen etwa 200 Hersteller. Sie können nach Angaben des zuständigen IT-Ministers Mychajlo Fjodorow über zwei Millionen Drohnen im Jahr produzieren. Auch wenn dafür die Finanzen fehlen, dürften dieses Jahr immer neue Geschwader ukrainischer Sprengstoffmücken die Raffinerien von Lukoil, Slawneft oder Surgutneftegas umschwirren. „Der große terroristische Krieg gegen Russland hat leider erst angefangen“, ärgert sich das Portal reporter.ru.

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