Konflikt könnte eskalieren

„Wird aufhören zu existieren“: Ukraine-Krieg bedroht weiteres Land – EU-Beitrittskandidat wappnet sich

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Mit dem Hilfeersuchen Transnistriens könnte der Konflikt zwischen Russland und der Republik Moldau eskalieren. Die Einwohner sind auf das Schlimmste vorbereitet.

Odessa – Vom Zentrum Odessas bis zur Grenze zur Republik Moldau sind es gerade einmal 50 Kilometer. Die Stadt im Süden der Ukraine ist derzeit massivem Beschuss durch Russland ausgesetzt, obwohl sie weit weg von den aktuellen Frontlinien im Ukraine-Krieg ist. Kremlchef Wladimir Putin wird immer wieder vorgeworfen, auch einen Angriff auf die Republik Moldau zu planen. Die Menschen im Land sind besorgt – und auf das Schlimmste vorbereitet.

Plant Putin Einmarsch in Republik Moldau? Eskalation in Transnistrien befürchtet

Das hat auch mit dem Hilfeersuchen Transnistriens an Russland zu tun. Das Gebiet erstreckt sich über 200 Kilometer an der Grenze zur Ukraine und ist ein international nicht anerkanntes Regime, das von Russland gestützt wird. Die Separatisten der abtrünnigen Region baten moldauischen Medien zufolge Russland offiziell um „Schutz“. Grund sei „zunehmender Druck durch Moldau“. Russische Nachrichtenagenturen zitierten daraufhin eine Mitteilung des Außenministeriums: „Der Schutz der Interessen der Bewohner Transnistriens, unserer Landsleute, ist eine der Prioritäten.“

Ein Schild mit Hammer und Sichel steht in Tiraspol im Separatistengebiet Transnistrien.

Wie Moskau reagieren wird, ist unklar. „Es ist durchaus möglich, dass Russland nun eine weitere Eskalation anstrebt“, sagte Wolfgang Müller, Professor am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien, IPPEN.MEDIA. Es sei möglich, dass Putin eine weitere Front schaffen wolle. „Transnistrien hat seit der russischen Aggression gegen die Ukraine eine neue strategische Bedeutung bekommen, da eine Invasion von Südwesten her für die Ukraine sehr gefährlich wäre“, sagte Müller weiter.

Entwicklung in Transnistrien weist Parallelen zu Annexion der Krim und Donbass-Gebieten auf

Womöglich plant Putin, der Ukraine mit der Einnahme von Odessa den wichtigen Zugang zum Schwarzen Meer zu entreißen und darüber einen Landkorridor in Richtung Moldau zu schaffen. Dieser ist für Truppen- oder Materialtransporte nötig, da Russland der Seeweg versperrt ist und es keine an Transnistrien angrenzende Gebiete in der Ukraine kontrolliert. Es sei nicht auszuschließen, „dass der konventionelle Krieg die Grenzen der Ukraine überschreitet“, sagte Müller.

Die Republik Moldau, seit Juni 2022 EU-Beitrittskandidat, ist aufgrund der Entwicklungen besorgt. Nachdem Russland in Transnistrien, wo 1500 russische Soldaten stationiert sind und knapp ein Drittel der Bevölkerung russlandstämmig ist, Wahllokale für die russische Präsidentenwahl eröffnet hatte, wies das moldauische Außenministerium einen russischen Botschaftsmitarbeiter aus. Die Parallelen sind unverkennbar. Derartige Schritte waren bereits vor der Annexion der Krim und russisch besetzter Gebiete in der Ostukraine unternommen worden. „Für Moldawien steht jetzt alles auf dem Spiel“, sagte Alexej Tulbure, Direktor des moldauischen Instituts für mündliche Geschichte, Foreign Policy.

Journalistin aus Moldau warnt: „Wird aufhören zu existieren“

Die Moldauer sind auf alle Szenarien vorbereitet. Die Möglichkeit, dass das Land sein Territorium oder seine Autonomie an Russland verliert, „haben wir im Hinterkopf“, sagte Alina Radu, Gründerin der unabhängigen Wochenzeitung Ziarul de Garda, zu Foreign Policy. „Wenn die Ukraine besiegt wird und Russland sich einen Landkorridor nach Transnistrien bahnt, wird Moldawien als unabhängiger Staat aufhören zu existieren“, sagte die Journalistin.

Wladimir Putin könnte den Konflikt zwischen Russland und Moldau weiter befeuern.

Überqueren die Russen den Fluss Dnjestr und besetzen Moldau, „könnte der Großteil der Bevölkerung nach Rumänien und in andere europäische Länder fliehen“, erklärte Radu. Auch für ihre gesamte Redaktion gebe es Pläne, in Büros in den rumänischen Städten Iasi und Bukarest umzuziehen. Sollte es die Ukraine schaffen, die Russen zurückzudrängen, müssten wiederum die russischen Truppen Transnistrien verlassen, „und es wird sich auflösen.“ (mt)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Grigory Sysoev

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