„Krieg wird am Verhandlungstisch enden“

Die Türkei im Ukraine-Krieg: Kann Erdogans Schaukelpolitik erfolgreich sein?

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Der russische Präsident Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (rechts) geben sich nach einem Treffen am 5. August 2022 die Hand.

Die Türkei ist einerseits Nato-Mitglied und unterhält andererseits Beziehungen zur Ukraine und Russland. Im Getreidekonflikt vermittelte Erdogan erfolgreich - doch wie uneigennützig ist das Land?

Ankara - Ende Juli hatten sich die Ukraine und Russland auf eine Ausfuhr von Getreide geeinigt - das Nato-Mitglied Türkei spielte eine Schlüsselrolle in den Verhandlungen und wurde dafür vielfach gelobt. Ankara pflegt engen Kontakt zu Moskau und zu Kiew. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan traf im August sowohl den russischen Präsidenten Wladimir Putin, als auch Wolodymyr Selenskyj, den Präsidenten der Ukraine. Doch wie uneigennützig ist die Vermittlerrolle der Türkei?

Treffen von Erdogan und Putin in Sotschi: Absichtserklärung bleibt geheim

Anfang August trafen sich Erdogan und Putin im russischen Sotschi. Es sollte um Syrien, Kampfdrohnen und den Ukraine-Krieg gehen - doch welche Ergebnisse die Gespräche erzielten, behielten die Staatschefs für sich. Diese Geheimhaltung weckte nicht unbedingt das Vertrauen der Nato. Es gehe in der in Sotschi unterzeichneten Absichtserklärung nur um den Ausbau von Handel und Verkehr, Banken und der Finanzmarkt seien - anders als von Putin gefordert - ausgenommen, berichtete die FAZ und berief sich dabei auf türkische Regierungskreise.

Die Partnerschaft von Ankara und Moskau ist vor allem von strategischen Interessen geprägt. Die Türkei ist von Getreide, Energie und Touristen aus Russland abhängig. 2020 stammten fast 34 Prozent der türkischen Gasimporte von dort, zudem verlaufen russische Gaspipelines durch das Land. Die türkische Schaukelpolitik hilft auch Putin. Ankara beteiligte sich beispielsweise nicht an den westlichen Sanktionen gegen Russland - was die Bedeutung des Landes etwa für russische Firmen steigerte. Angaben des Handelsblatt zufolge stiegen die türkischen Exporte nach Russland allein im Juli um 75 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit unterminiert Ankara die Bemühungen der westlichen Sanktionen, die Putin wirtschaftlich schwächen sollen. Doch die Türkei hat selbst wirtschaftlich immense Probleme und braucht das Kapital aus Russland dringend. Die türkische Inflation liegt bei etwa 80 Prozent, woraufhin das Land - entgegen jeder gängigen Finanzmarkttheorie - den Leitzins im August überraschend senkte.

Doch das Verhältnis der Türkei und Russland ist nicht frei von Konflikten. Die Länder sind beispielsweise in militärische Auseinandersetzungen in Syrien, Lybien oder in Berg-Karabach verwickelt - und das auf unterschiedlichen Seiten. Erdogan hatte die russische Invasion in der Ukraine zudem scharf verurteilt, aber gleichzeitig betont, weiterhin Verbindungen zu beiden Kriegsparteien aufrecht erhalten zu wollen.

Erdogan trifft Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj: „Krieg wird am Verhandlungstisch enden“

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj traf sich am 18. August in der westukrainischen Stadt Lwiw zum ersten Mal seit Beginn der russischen Invasion im Februar persönlich mit dem türkischen Präsidenten Erdogan.

Mitte August hatte sich Erdogan in einem Dreiergipfel mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und UN-Generalsekretär António Guterres getroffen. Es solle darum gehen, einen Einstieg in eine Verhandlungslösung auszuloten, hieß es. Es war das erste Treffen von Erdogan und Selenskyj seit Beginn der russischen Invasion. „Ich glaube weiter daran, dass der Krieg irgendwann am Verhandlungstisch enden wird. Tatsächlich sehen auch Herr Selenskyj und Herr Guterres das so“, hatte Erdogan verlauten lassen.

Die Ukraine setzt in der Verteidigung gegen Russland erfolgreich türkische Kampfdrohnen des Typs Bayraktar ein. Doch auch Moskau zeigt nun Interesse an den Drohnen. Erdogan schließt Waffengeschäfte mit Russland nicht grundsätzlich aus. Der Vorsitzende des Waffenherstellers Baykar, Haluk Bayraktar, hatte allerdings Mitte Juli dem Sender CNN International gesagt, man habe Russland keine Drohnen geliefert und werde das nie tun. „Wir unterstützen die Ukraine.“

Für Erdogan selbst wäre ein Friedensabkommen ein Vorteil, denn die Ukraine und vor allem Russland sind wichtige Handelspartner. Angesichts der Wahl in der Türkei im kommenden Jahr braucht Erdogan zudem außenpolitische Erfolge. Bei den Nato-Partnern gilt der türkische Präsident oft als Unruhestifter - etwa wegen seiner Drohung zum Nato-Beitritt von Schweden und Finnland ein Veto einzulegen. Doch eines ist klar: Das politische Gewicht des türkischen Präsidenten wächst im Ukraine-Krieg. „Wenn es heute einen Vermittler gibt, der potenziell in der Lage ist, das zu schaffen, dann scheint Recep Tayyip Erdogan der richtige Mann dafür zu sein“, schrieb etwa die italienische Zeitung Corriere della Serra über die Vermittlungsversuche des türkischen Präsidenten (dpa/bme).

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