„Absolut authentisch“

Wolodymyr Selenskyj: Aus der Sitcom bis ins Präsidenten-Amt

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Kann Fiktion Wahrheit werden? In der Ukraine geht das: Wolodymyr Selenskyj wurde vom TV-Star zum Präsidenten. Ein Blick auf seine Geschichte.

Kiew/München - Dass politische Realität ihren Weg als Fiktion auf die Bildschirme findet: Nichts Ungewöhnliches. Man denke an die Watergate-Affäre und den Filmhit „Die Unbestechlichen“. Dass politische Fiktion Realität wird, ist hingegen ein absoluter Ausnahmefall. Vielleicht sogar beispiellos. Und trotzdem ist es passiert. Weitab von Hollywood, in der Ukraine - der Protagonist der verrückten Geschichte heißt Wolodymyr Selenskyj. Jener Selenskyj, der im Ukraine-Krieg auf einmal zu einer Figur der Weltpolitik geworden ist. Für möglich gehalten hatten das die wenigsten.

Der „charismatische“ Kriegs-Präsident der Ukraine: Wolodymyr kämpft in olivgrün für das Überleben seines Landes. (Archivbild)

Wolodymyr Selenskyj als „Diener des Volkes“? Serien-Fiktion wurde 2019 Realität

Im Jahr 2015 war Selenskyj Comedian. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. In der Sitcom „Diener des Volkes“ spielt er die Hauptrolle - einen Geschichtslehrer, der wie die Jungfrau zum Kinde zum Amt des Staatschefs kommt. In der Fiktion ist eine zufällig von einem Schüler gefilmte Zornesrede der Schlüssel zum kometenhaften Aufstieg. „Wir haben die Wahl zwischen Pest und Cholera, und das seit 25 Jahren!“, wütet Selenskyj in seiner Rolle als Wasja Holoborodko; seine Schüler waren gerade zum Zimmern von Wahlkabinen abgeordnet worden: „Auch diesmal wird sich nichts ändern, und weißt du warum? Weil du, mein Vater und ich wieder so ein Schwein wählen werden!“

Vollständiger NameWolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj
Amtsantritt als Präsident der Ukraine20.05.2019
Geburtstag25.01.1978
GeburtsortKriwoi Rog

Vier Jahre später kandidierte der damals 41 Jahre Spaßmacher einfach selbst. Parallelen zu fiktiven Figuren waren selbstverständlich rein zufällig und nicht beabsichtigt. Er habe „keine Erfahrung“, sagte Selenskyj vor dem Wahltag der Nachrichtenagentur AFP dennoch in einem Interview. Er lerne aber bereits für seine mögliche neue Aufgabe: „Schließlich will ich nicht wie ein Idiot aussehen.“ Kennern der Serie könnte bei diesem Satz eine weitere Sequenz in den Sinn gekommen sein: Mit Walnüssen im Mund probt der frisch gewählte Holoborodko in „Diener des Volkes“ die saubere Aussprache - um bei seiner Antrittsrede nicht wie ein Idiot auszusehen.

Wolodymyr Selenskyj (re.) 2018 bei einer Live-Tournee - Kompagnon Yevhen Koshovy spielt in „Diener des Volkes“ den Außenminister.

Wie sein Serien-Alter-Ego landete Selenskyj im April 2019 schließlich einen Erdrutschsieg. Wenn auch erst in der Stichwahl gegen Vorgänger Petro Poroschenko. Der Spaß war dann aber tatsächlich schnell vorbei.

Ukraine-Krise: Putin verpasste Selenskyj schon in der ersten Woche eine Breitseite

Denn ein überwölbendes Thema Selenskyjs Präsidentschaft ist von Anfang die schwer belastete Beziehung zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Fast unmittelbar nach dem Wahltag begann Russland mit der Ausgabe von Staatsbürgerschaften an Bürger der selbst ernannten Luhansker Volksrepublik - ein Affront, wenn nicht ein Eskalationsschritt. Selenskyj warnte Putin in einer seiner ersten Amtshandlungen davor, mit der Ukraine in einer Sprache der „Drohungen, des militärischen und wirtschaftlichen Drucks zu sprechen“.

Berufliche Stationen von Wolodymyr Selenskyj

  • Schauspieler
  • Kabarettist
  • Synchronsprecher
  • Drehbuchautor
  • Fernsehmoderator
  • Filmproduzent
  • Tänzer

Selenskyj selbst setzte indes den Frieden in der Ostukraine weit oben auf seine politische Agenda. Das Ergebnis ist - mit etwas Verzögerung - bekannt. Mittlerweile steht die gesamte Ukraine im Zentrum eines blutigen Krieges und einer Krise globalen Ausmaßes.

Einige Ukrainer befürchteten bereits nach dem Wahlsieg des selbst aus der russischsprachigen Industriestadt Krywy Rig stammenden Schauspielers das Schlimmste. Das Vertrauen im Land war gering.

Selenskyj als Präsident: Zweifel, aber auch Respekt - „Er schlägt sich nicht schlecht“

Gemessen an einigen seiner Vorgänger wirkte Selenskyjs frühe Amtszeit rückblickend aber doch recht solide. Das Urteil über sein Wirken fiel dennoch gespalten aus. Dass seine ersten Schritte auf dem internationalen politischen Parkett zögerlich ausfielen, stärkte das Vertrauen in Selenskyj zunächst nicht. „Ich glaube, unsere internationalen Partner haben es ziemlich schwer mit ihm“, sagte der ukrainische Politologe Mykola Dawydjuk. „Sie spielen auf einem sehr hohen Niveau, das er nicht erreichen kann - und nicht verstehen kann.“

Hinter vorgehaltener Hand zeigen sich einige Diplomaten aber durchaus beeindruckt von der Art und Weise, wie der Ex-Komiker die Krise mit Moskau handhabte. „Ehrlich gesagt schlägt er sich nicht schlecht“, zitierte AFP einen Diplomaten. Selenskyj bewahre einen kühlen Kopf. „Er hat einen unmöglichen Job, er ist gefangen zwischen dem Druck sowohl der Russen als auch der Amerikaner.“

Ukraine: Selenskyj wird zur internationalen Ikone - „Charisma ist ein essenzielles Attribut“

Den kühlen Kopf brauchte Selenskyj nur wenige Wochen später ganz dringend: Das Drohszenario der russischen Militärmanöver rund um die ukrainischen Grenzen wandelte sich in einen heißen Angriffskrieg des Kreml. Die Ukraine schien lange militärisch hoffnungslos unterlegen - Selenskyj aber dachte nicht ans Kapitulieren. Der Präsident setzte in Kiew zu einem nach Einschätzung vieler Experten virtuosen Spiel auf der Klaviatur der sozialen Medien an.

Selenskyj floh nicht, er blieb in Kiew und zeigte sich fortan im olivgrünen Shirt. Mit seinen Videobotschaften an das eigene, aber auch das russische Volk erwarb er sich Respekt in aller Welt. „Vor vier Monaten haben ihn alle abgeschrieben. Er war politisch bankrott“, sagte etwa der prominente Historiker Adam Tooze der Süddeutschen. Russland habe aber das Geschick des Ukrainers im virtuellen Raum nicht auf dem Zettel gehabt. „Was Selenskyj leistet, das sollte man nicht kleinreden: Charisma ist ein essenzielles politisches Attribut, und falls nichts dahinterstecken sollte, wäre das noch beeindruckender.“

Selenskyj bearbeitet den Westen nach allen Regeln der Kunst

Auch die deutsche Osteuropa-Expertin Marieluise Beck würdigte Selenskyj in einer ARD-Doku: Sein Auftreten wirke auf sie „absolut authentisch“, erklärte Beck. Klar ist mittlerweile: Russland dürfte den ukrainischen Widerstand unterschätzt haben - und Selenskyj einen Anteil am ungebrochenen Widerstand haben. Rhetorische Fähigkeiten zeigte der frühere Sitcom-Präsident auch in Videoansprachen in den Parlamenten aller Herren Länder. Den Bundestag packte Selenskyj bei der historischen Ehre, den US-Kongress sprach er als möglichen „Anführer der Welt“ an, vor der israelischen Knesset zog er Vergleiche zu den Verbrechen Nazi-Deutschlands. Die Sanktionen und Hilfen der Weltgemeinschaft erhöhten sich - wenngleich die oft geforderte Flugverbotszone wohl ein gefährliches No-Go bleibt.

Die Wandlung hatte sich gleichwohl angedeutet. Schon bei der Münchner Sicherheitskonferenz Mitte Februar hagelte es einige Respektsbekundungen. US-Außenminister Antony Blinken würdigte den ukrainischen Präsidenten für seine besonnene Reaktion auf die russische Drohkulisse. Und tatsächlich tritt Selenskyj in der angespannten Lage jedenfalls betont unaggressiv auf. Die Ukraine werde keinesfalls den „ersten Schritt“ machen, versicherte er auch in München, wie im Video von BR24 zu sehen. Selenskyj erhob aber auch Forderungen: Sein Land sei Europas „Schutzschild“ gegen Russland. Es verdiene mehr internationale Unterstützung, betonte er.

Selenskyj: Ukraine nimmt Kampf gegen Oligarchen-Macht auf - doch es gibt Zweifel am Vorgehen

Selenskyjs Präsidentschaft erschöpft sich freilich nicht im Ukraine-Konflikt. Auch der Kampf gegen die Macht der Oligarchen gehört zu den erklärten Zielen Selenskyjs. Ein im September 2021 verabschiedetes Gesetz soll den Einfluss der Reichen auf Parteien und Politik und deren Zugriff bei Privatisierungen ausbremsen. Doch schwarz und weiß, richtig und falsch gibt es nur im TV - die Menschenrechtsbeauftragte des Parlaments warnte vor Verfassungswidrigkeit der Pläne.

Argwohn erregte unter anderem, dass der von Selenskyj selbst zusammengestellte Nationale Rat für Sicherheit und Verteidigung die Betroffenen bestimmt. Laut einem Bericht der ARD hatte das Gremium zuvor auch oppositionelle Sender und Portale blockiert. Wie so oft in der Ukraine geht es dabei zumindest auch um die Frage „Russland oder Ukraine“. Seit Januar müssen alle überregionalen Zeitungen und Zeitschriften in ukrainischer Sprache erscheinen. Beschlossen hatte dieses zweitere Gesetz gleichwohl noch Vorgänger Poroschenko.

Wolodymyr Selenskyj – Vom Komödianten zum Symbol des Widerstands

Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion. Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland.
Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion.  © Ukrainian Presidents Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj
Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland. © Imago
Selenskyj kandidiert in der Ukraine
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig.  © dpa
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig. Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland.
Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland. © Alexander Gusev/Imago
Seit 2003 ist Selenskyj mit Olena Wolodymyriwna Kijaschko verheiratet. Sie gingen auf dieselbe Schule, lernten sich aber erst während ihres Studiums des Bauingenieurwesens an der Universität in ihrer Heimatstadt Krywyj Rih kennen. Das Paar hat zwei Kinder, Tochter Oleksandra (geboren 2004) und Sohn Kyrylo (geboren 2013). Im Dezember 2019 landete Olena Selenska auf einer Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Ukraine auf Platz 30. Nummer eins war ihr Ehemann.
Seit 2003 ist Selenskyj mit Olena Wolodymyriwna Kijaschko verheiratet. Sie gingen auf dieselbe Schule, lernten sich aber erst während des Studiums an der Universität in ihrer Heimatstadt Krywyj Rih kennen.  © Vadim Ghirda/dpa
Stichwahl um Präsidentenamt in der Ukraine
Das Paar hat zwei Kinder, Tochter Oleksandra (geboren 2004) und Sohn Kyrylo (geboren 2013). Im Dezember 2019 landete Olena Selenska auf einer Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Ukraine auf Platz 30. Nummer eins war ihr Ehemann. © dpa
Arte - Diener des Volkes
Mit Politik hatte Selenskyj lange nichts am Hut. Dann legte eine populäre Fernsehserie den Grundstein für seinen politischen Durchbruch. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“, die im April 2022 auch auf Arte lief, trat Selenskyj 2015 als Geschichtslehrer auf. © Arte/dpa
Mit Politik hatte Selenskyj lange nichts am Hut. Dann legte eine populäre Fernsehserie den Grundstein für seinen politischen Durchbruch. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“, die im April 2022 auch auf Arte lief, trat Selenskyj 2015 als Geschichtslehrer auf. Von der Korruption in der ukrainischen Politik angewidert, stürzt sich seine Figur in den Wahlkampf und wird zum Präsidenten gewählt. Selenskyj nahm sich das Drehbuch zum Vorbild und verkündete am Silvesterabend 2018 seine Kandidatur für die Wahl Präsidentschaftswahl.
Von der Korruption in der ukrainischen Politik angewidert, stürzt sich seine Figur in den Wahlkampf und wird zum Präsidenten gewählt. Selenskyj nahm sich das Drehbuch zum Vorbild und verkündete am Silvesterabend 2018 seine Kandidatur für die Wahl Präsidentschaftswahl.  © Arte/dpa
Vereidigung von Selenskyj als neuer Präsident der Ukraine
Die Unzufriedenheit mit dem damaligen Staatschef Petro Poroschenko verhalf Selenskyj zum Sieg. Am 20. Mai 2019 trat er das Amt des ukrainischen Präsidenten an. Er erhielt zahlreiche Gratulationen aus dem Ausland, so zum Beispiel von Donald Trump, Emmanuel Macron oder Justin Trudeau. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach ihm ihre Glückwünsche aus und lud ihn nach Berlin ein.  © Evgeniy Maloletka/dpa
Die Unzufriedenheit mit dem damaligen Staatschef Petro Poroschenko verhalf Selenskyj zum Sieg. Am 20. Mai 2019 trat er das Amt des ukrainischen Präsidenten an. Er erhielt zahlreiche Gratulationen aus dem Ausland, so zum Beispiel von Donald Trump, Emmanuel Macron oder Justin Trudeau. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach ihm ihre Glückwünsche aus und lud ihn nach Berlin ein. Anders fiel die Reaktion in Russland aus. Von Ministerpräsident Dmitri Medwedew erhielt er herablassende Ratschläge, für eine Gratulation sei es dagegen „zu früh“. Auch bei der Amtseinführung gab es keine Gratulation aus Moskau.
Anders fiel die Reaktion in Russland aus. Von Ministerpräsident Dmitri Medwedew erhielt er herablassende Ratschläge, für eine Gratulation sei es dagegen „zu früh“. Auch bei der Amtseinführung gab es keine Gratulation aus Moskau. © Wolfgang Kumm/dpa
Vor der Wahl hatte Selenskyj seinen Vorgänger Petro Poroschenko dafür kritisiert, Briefkastenfirmen in Steueroasen zu unterhalten. Als im Oktober 2021 dann aber die Pandora Papers veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass auch Selenskyj selbst Anteile an einer solchen Firma auf den britischen Jungferninseln besessen hatte. Zum Zeitpunkt seiner Wahl 2019 gab er seine Anteile ab. Steueroasen sind in der Ukraine nicht illegal.
Vor der Wahl hatte Selenskyj seinen Vorgänger Petro Poroschenko dafür kritisiert, Briefkastenfirmen in Steueroasen zu unterhalten. Diese sind in der Ukraine allerdings nicht illegal. © Sergei Chuzavkov/afp
Bitter End Yacht Club auf Virgin Gorda auf den Britischen Jungferninseln
Als im Oktober 2021 dann aber die Pandora Papers veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass auch Selenskyj selbst Anteile an einer solchen Firma auf den britischen Jungferninseln besessen hatte. Zum Zeitpunkt seiner Wahl 2019 gab er seine Anteile ab.  © Imago
Selenskyj
Selenskyj war der erste Präsident in der Geschichte der Ukraine, der eine konfrontative Politik gegenüber Oligarchen führte. Unter anderem gründete er einen Nationalen Sicherheitsrat, der Sanktionen gegen Oligarchen verhängen kann. © Evgen Kotenko/Imago
Selenskyj war der erste Präsident in der Geschichte der Ukraine, der eine konfrontative Politik gegenüber Oligarchen führte. Unter anderem gründete er einen Nationalen Sicherheitsrat, der Sanktionen gegen Oligarchen verhängen kann – und dies zum Beispiel gegen Wiktor Medwedtschuk tat. Der wies alle Anschuldigungen zurück. Die Sanktionen froren seine Vermögenswerte ein und hinderten ihn daran, Geschäfte in der Ukraine zu tätigen. Medwedtschuk, der aufgrund einer Anklage wegen Hochverrats unter Hausarrest stand, tauchte im Februar 2022 unter. Im April 2022 wurde er vom Inlandsgeheimdienst festgenommen und im September 2022 bei einem Gefangenenaustausch Russland übergeben.
Er setzte das Mittel zum Beispiel gegen Wiktor Medwedtschuk ein. Der wies alle Anschuldigungen zurück. Die Sanktionen froren seine Vermögenswerte ein und hinderten ihn daran, Geschäfte in der Ukraine zu tätigen. Medwedtschuk, der aufgrund einer Anklage wegen Hochverrats unter Hausarrest stand, tauchte im Februar 2022 unter. Im April 2022 wurde er vom Inlandsgeheimdienst festgenommen und im September 2022 bei einem Gefangenenaustausch Russland übergeben. © Instagram Account of Volodymyr Zelensky/afp
Schon früh in seiner Amtszeit musste sich Selenskyj mit den Wünschen und Forderungen des damaligen US-Präsidenten Donald Trump auseinandersetzen. So soll Trump seinen ukrainischen Amtskollegen in einem Telefonat am 25. Juli 2019 aufgefordert haben, als Gegenleistung für Militärhilfe in Höhe von fast 400 Millionen Dollar Ermittlungen gegen Joe Biden, Trumps möglichen Gegenspieler bei der US-Wahl 2020, einzuleiten. Biden soll einst als US-Vizepräsident die Entlassung des ukrainischen Generalstaatsanwalts veranlasst haben, um seinen Sohn Hunter Biden, der bei einem ukrainischen Erdgaskonzern tätig war, vor Korruptionsermittlungen zu schützen. Das Telefonat, das im August 2020 bekannt wurde, löste in den USA später die „Ukraine-Affäre“ aus.
Schon früh in seiner Amtszeit musste sich Selenskyj mit den Wünschen und Forderungen des damaligen US-Präsidenten Donald Trump auseinandersetzen. So soll Trump seinen ukrainischen Amtskollegen in einem Telefonat am 25. Juli 2019 aufgefordert haben, als Gegenleistung für Militärhilfe in Höhe von fast 400 Millionen Dollar Ermittlungen gegen Joe Biden, Trumps möglichen Gegenspieler bei der US-Wahl 2020, einzuleiten.  © Saul Loeb/afp
Joe Biden Hunter
Biden soll einst als US-Vizepräsident die Entlassung des ukrainischen Generalstaatsanwalts veranlasst haben, um seinen Sohn Hunter Biden (hinten), der bei einem ukrainischen Erdgaskonzern tätig war, vor Korruptionsermittlungen zu schützen. Das Telefonat, das im August 2020 bekannt wurde, löste in den USA später die „Ukraine-Affäre“ aus. © Imago
Selenskyjs Amtszeit wurde von Beginn an vom Verhältnis zu Russland überschattet. Schon in seiner Antrittsrede bezeichnete Selenskyj die Beendigung des Krieges im Donbass als seine vorrangige Aufgabe. Während des Ukraine-EU-Gipfels im Juli 2019 in Kiew schlug Selenskyj in einer Videobotschaft an Wladimir Putin direkte Gespräche in der belarussischen Hauptstadt Minsk vor. Daran sollten nach Selenskyjs Plan auch US-Präsident Donald Trump, die britische Regierungschefin Theresa May, der französische Präsident Emmanuel Macron sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. Am 11. Juli 2019 kam es immerhin zu einem ersten Telefongespräch zwischen Selenskyj und Putin.
Selenskyjs Amtszeit wurde von Beginn an vom Verhältnis zu Russland überschattet. Schon in seiner Antrittsrede bezeichnete Selenskyj die Beendigung des Krieges im Donbass als seine vorrangige Aufgabe. Während des Ukraine-EU-Gipfels im Juli 2019 in Kiew schlug Selenskyj in einer Videobotschaft an Wladimir Putin direkte Gespräche in der belarussischen Hauptstadt Minsk vor. © Ukraine Presidential Press Service/afp
Nach der Präsidentenwahl in der Ukraine
Daran sollten nach Selenskyjs Plan auch US-Präsident Donald Trump, die britische Regierungschefin Theresa May, der französische Präsident Emmanuel Macron sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. Am 11. Juli 2019 kam es immerhin zu einem ersten Telefongespräch zwischen Selenskyj und Putin. © dpa
Trump, Macron, Selenskyj - Paris
Die Gespräche führten zu einem kurzfristigen Waffenstillstand in der Ostukraine, einem Gefangenenaustausch sowie zu einem Truppenrückzug in drei Gebieten an einer Demarkationslinie bis Ende März 2020. Es war das einzige Mal, dass Selenskyj mit Putin zusammentraf.  © Lafargue Raphael/Imago
Am 9. Dezember 2019 in Paris nahm Selenskyj an Verhandlungen im Normandie-Format teil, an denen der französische Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin beteiligt waren. Die Gespräche führten zu einem kurzfristigen Waffenstillstand in der Ostukraine, einem Gefangenenaustausch sowie zu einem Truppenrückzug in drei Gebieten an einer Demarkationslinie bis Ende März 2020. Es war das einzige Mal, das Selenskyj mit Putin zusammentraf.
Am 9. Dezember 2019 in Paris nahm Selenskyj an Verhandlungen im Normandie-Format teil, an denen der französische Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin beteiligt waren.  © Charles Platiau/afp
Selenskyj
Alle Bemühungen um einen Frieden nützten aber nichts. Im Lauf des Jahres 2021 verschärfte sich die Situation weiter. Immer häufiger besuchte Selenskyj (Mitte) Militärübungen der ukrainischen Armee, so auch am 16. Februar 2022 in der Stadt Riwne. © Imago
Alle Bemühungen um einen Frieden nützten aber nichts. Im Lauf des Jahres 2021 verschärfte sich die Situation immer weiter. Am 23. Februar 2022 versuchte Selenskyj noch einmal in einer Ansprache, den drohenden Krieg abzuwenden. Darin wendete er sich vor allem an die Menschen in Russland: „Wenn wir angegriffen werden, wenn man unser Land, unsere Freiheit, unser Leben und das Leben unserer Kinder zu nehmen versucht, werden wir uns verteidigen“, sagte Selenskyj auf Russisch. Es war das vorerst letzte Mal, dass man Selenskyj glatt rasiert und mit Anzug und Krawatte sah.
Am 23. Februar 2022 versuchte Selenskyj noch einmal in einer Ansprache, den drohenden Krieg abzuwenden. Darin wendete er sich vor allem an die Menschen in Russland: „Wenn wir angegriffen werden, wenn man unser Land, unsere Freiheit, unser Leben und das Leben unserer Kinder zu nehmen versucht, werden wir uns verteidigen“, sagte Selenskyj auf Russisch. Es war das vorerst letzte Mal, dass man Selenskyj glatt rasiert und mit Anzug und Krawatte sah.  © Ukrainian Presidents Office/Imago
In der Nacht zum 24. Februar begann der russische Angriff auf die Ukraine. In Kiew kam es zu den ersten Krisensitzungen. Acht Jahre nach der Krim-Annexion eskalierte der Ukraine-Krieg.
In der Nacht zum 24. Februar 2022 begann der russische Angriff auf die Ukraine. In Kiew kam es zu den ersten Krisensitzungen. Acht Jahre nach der Krim-Annexion im März 2014 eskalierte der Ukraine-Krieg.  © Imago
London, United Kingdom
Im Westen war die Solidarität mit der überfallenen Ukraine groß. Der Regierungssitz im Vereinigten Königreich leuchtete in den ukrainischen Farben.  © Hesther Ng/Imago
In der Nacht zum 24. Februar begann der russische Angriff auf die Ukraine. Danach sollen die USA Selenskyj angeboten haben, ihm bei der Flucht zu helfen. Selenskyj lehnte an, er und seine Regierung blieben in Kiew, auch als russische Truppen auf die Hauptstadt vorrückten. Die Nachrichtenagentur AP verbreitete Selenskyjs Antwort: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Seitdem ist er zum Symbol des ukrainischen Widerstands geworden.
Die USA sollen Selenskyj angeboten haben, ihm bei der Flucht zu helfen. Selenskyj lehnte an, er und seine Regierung blieben in Kiew, auch als russische Truppen auf die Hauptstadt vorrückten. Die Nachrichtenagentur AP verbreitete Selenskyjs Antwort: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Seitdem ist er zum Symbol des ukrainischen Widerstands geworden. © Ukraine Presidency/afp

Wie turbulent oder auch hochgefährlich das politische Leben schon vor dem Kriegsausbruch in der Ukraine sein konnte, zeigte ein Vorfall am Rande der Beschlussfassung des Oligarchen-Gesetzes. Ein Auto des Selenskyj-Beraters Serhiy Schefir wurde beschossen, der Fahrer schwer verletzt.

„Putin ist zurückgetreten!“

Hier schließt scheint sich dann auch wieder der Kreis zu Selenskyjs Sprungbrett in die große Politik zu schließen, der Serie „Diener des Volkes“. Dort ziehen gesichtslose Schwerreiche die Strippen im Hintergrund. Der brave Lehrer Holoborodko findet dennoch immer wieder einen Ausweg. Ob es auch in der Realität so kommt, es bleibt abzuwarten - und ob Selenskyj gleichermaßen über moralische Zweifel erhaben, sei dahingestellt.

Der größte geheime Wunsch Selenskyjs könnte es so oder so sein, einmal jenen Satz zu rufen, den Sitcom-Präsident Holoborodko ins Rund des ukrainischen Parlaments brüllt, um die Aufmerksamkeit eines Pulk aufeinander einprügelnder Abgeordneter zu erhalten: „Putin ist zurückgetreten!“, schreit er. In der Serien-Szene kehrt in diesem Moment wohltuende Ruhe ein.

„Diener des Volkes“ ist unterdessen in den Kriegswirren zu einem internationalen Kassenschlager geworden. (fn mit Material von AFP)

Rubriklistenbild: © Ukrainisches Pressebüro des Präsidenten/DPA

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