Erdogans Transformation der Türkei nach dem Korruptionsskandal 2013
VonErkan Pehlivan
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Seit dem Korruptionsskandal 2013 hat sich die Türkei grundlegend gewandelt. Heute leidet das Land unter erheblichen Einschränkungen der Freiheitsrechte und wirtschaftlichen Problemen.
Ankara – Der Jahrhundertskandal vom 17. Dezember 2013 war ein Umbruch in der türkischen Geschichte. Zwischen dem 17. Dezember 2013 und 25. Dezember 2013 wurden 89 Personen aus dem Umkreis von Präsident Recep Tayyip Erdogan, damals noch Ministerpräsident, festgenommen, darunter auch mehrere Söhne von Ministern aus Erdogans Kabinett.
Der Vorwurf lautete vor allem Korruption und Schmiergeldzahlungen. Die Bilder von den Verhaftungen gingen damals um die Welt. Im In- und Ausland war das entsetzen groß. In den Wohnungen und Häusern fanden die Ermittler riesige Summen an Geld in Schuhkartons versteckt und viele Geldzählmaschinen.
Erdogan-Sohn schafft es nicht, gesamtes Geld wegzuschaffen
In den Medien wurden damals mitgeschnittene Telefongespräch zwischen Erdogan und seinem Sohn Bilal veröffentlicht. Der Regierungschef warnte damals seinen Sohn, dass Polizisten auch auf dem Weg zu ihm wären und er die Gelder verschwinden lassen solle. „Wir haben noch 30 Millionen Euro, die wir nicht geschafft haben, wegzuschaffen“, sagte damals Bilal Erdogan, der schon riesige Summen an Geldern aus dem Haus geschafft hatte. Er fragt seinen Vater, ob er das Geld einem Geschäftsmann geben soll, denen sie noch 25 Millionen Euro schulden.
Recep Tayyip Erdoğan: Der Weg zur Macht des türkischen Präsidenten
Im Mittelpunkt des Korruptionsskandals stand der iranischstämmige Geschäftsmann Reza Zarrab, mit besten Beziehungen zu Erdogan und seinen Ministern. Genauso gute Beziehungen pflegte Zarrab auch zur iranischen Regierung. In den folgenden Tagen veröffentlichten Medien auch von ihm Telefongespräche, Fotos und Videos, die belegen, wie eng er mit der Regierung von Erdogan verbandelt ist. Immer wieder ließ Zarrab den Regierungsmitgliedern Geldgeschenke zukommen.
Erdogan lässt wichtige Sicherheitsposten in der Türkei neu besetzen
Erdogan ließ umgehend wichtige Personalien im Sicherheitsapparat umgehend austauschen. Darunter waren auch die Leiter des Inspektionsausschusses, der Abteilung für die Bekämpfung der Cyberkriminalität, der Abteilung für Terrorismusbekämpfung, der Abteilung für öffentliche Sicherheit, die Abteilung für kriminalpolizeiliche Ermittlungen, und die Abteilung für Verwaltungs- und Finanzangelegenheiten. Entlassen wurde auch der Nachrichtenchef beim Staatssender TRT, Ahmet Böken, sowie sein Stellvertreter Ahmet Çavuşoğlu.
Dennoch hatten die Ermittler es geschafft, vier Tage nach dem Bekanntwerden des Skandals die Ministersöhne Barış Güler und Salih Kaan Çağlayan, sowie den Geschäftsmann Reza Zarrab und auch den Präsidenten der staatlichen Halkbank, Süleyman Aslan zu verhaften. Die Staatsanwaltschaft in New York hatte später die Halkbak wegen Betrugs, Geldwäsche und Sanktionsverstößen im Zusammenhang mit der Beteiligung der Bank an einem milliardenschweren Plan zur Umgehung der US-Sanktionen gegen den Iran angeklagt. Zarrab hatte dem Iran geholfen, mithilfe seiner Kontakte zur türkischen Regierung die US-Sanktionen gegen das Mullah-Regime zu umgehen. Das Geschäft lohnte sich für alle Beteiligten.
Erdogan sprach von „dunklen Mächten“ in der Türkei
In den ersten Stellungnahmen sprach Erdogan von dunklen Mächten, die gegen die Türkei vorgehe. Das werde seine Regierung aber nicht zulassen. Innenminister Muammer Güler und Wirtschaftsminister Zafer Çağlayan mussten ihren Rücktritt einreichen. Çağlayan hatte eine Luxusuhr der Marke „Patek Philippe“ von Zarrab bekommen. Später erzählt der Minister, er habe ihm die Uhr abgekauft. Zarrab legt später einen „Beleg“ vor – eine Serviette, auf der „den Preis der Uhr in Höhe von 240.000 US-Dollar habe ich von Zafer Caglayan entgegengenommen“.
Später setzte sich Zarrab in die USA ab und wurde dort am 17. März 2016 verhaftet und sagt im Prozess gegen die Halkbank aus. Als Kronzeuge musste er nur eine geringe Strafe absitzen und lebt heute unter einem anderen Namen in den USA.
Nach Korruptionsskandal in der Türkei werden alle Angeklagten entlassen
Alle bei den Razzien verhafteten wurden nach wenigen Wochen entlassen und die Anklagen entlassen. Die in die Razzien involvierten Polizisten und Staatsanwälte wurden zunächst von den Fällen abgezogen, versetzt und später selbst verhaftet.
Noch heute sitzen viele Ermittler in den Gefängnissen, offiziell wegen Umsturzversuchs. Einige konnten sich wie der Staatsanwalt Zekeriya Öz ins Ausland absetzen. Tatsächlich hatten diese Erdogans dunklen Geschäfte offengelegt und so ihn vor der ganzen Welt bloßgestellt.
Endgültiger Bruch mit der Gülen-Bewegung
Der Bruch mit der Bewegung um den seit 1999 im US-Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen, der sich bereits zuvor anbahnte, wurde damit endgültig besiegelt. Erdogan fing an, von „Paralel Yapi“ zu sprechen, einem Parallelstaat bzw. einem Staat im Staate. Später erhöhte Erdogan den Druck und sprach von den „Haşhaşiler“, den Assassinen. Die Gülen-Bewegung habe durch das Aufdecken des Korruptionsskandals Erdogan und seiner Regierung einen Messer in den Rücken gejagt. Bis zur Anbahnung des Bruchs war die Gülen-Bewegung gerngesehen bei dem mächtigen Mann in Ankara und umgekehrt. Gülen verstarb am 21. Oktober im Alter von 83 Jahren in seinem Exil.
Nach dem 17. Dezember 2013 hat Erdogan den kompletten Staat umgekrempelt. In allen Ministerien und Ämtern wurden nach und nach Personen, die der Gülen-Bewegung zugehörig sein sollen, aus den Ämtern entlassen. Die Jagd auf unliebsame Journalisten und Medienhäuser wurde ebenfalls eingeleitet und fanden nach dem Putschversuch 2016 ihren Höhepunkt. Erdogan ließ die Gülen-Bewegung im Anschluss als Terrororganisation einstufen und nennt sie seither „FETÖ“ (Fethullah´sche Terrororganisation). In der Folge wurden Hunderttausende wegen Terrorismus verhaftet, weil sie Verbindungen zu der bei Erdogan in Ungnade gefallenen Bewegung haben.
Freiheitsrechte und Wirtschaft in der Türkei befinden sich im freien Fall
Die Türkei hat sich seither stetig in praktisch allen Bereichen verschlechtert. Manche der Indizes konnten wir für das Jahr 2013 nicht angeben, weil diese erst später erfasst wurden.
2013 lag die Türkei im Pressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen auf Platz 154 unter 179 Staaten, heute ist das Land auf Platz 158. Bei den anderen Indizes ist der Unterschied seit 2013 viel größer geworden. Im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International liegt das Land heute auf Platz 115 unter 180 Staaten, 2013 lag das Land auf Platz 53 unter 175 Staaten. Im Rechtsstaatlichkeitsindex von World Justice Project liegt das Land heute auf Platz 117 unter 142 Staaten, 2015 auf Platz 80 unter 102. Der Dollarpreis lag 2013 bei 2,80 TL, heute bei 35 TL und die Inflation ist 2013 von 6,97 Prozent auf heute 47 Prozent angestiegen.
Die Türkei gilt im Westen inzwischen als Sorgenkind
Die Türkei galt innerhalb der westlichen Welt einst als ernstzunehmender Partner. Heute ist das Land unter Erdogan, der als Präsident praktisch die komplette Macht bei sich konzentriert hat, ein Sorgenkind – besonders innerhalb der Nato. Die USA haben die Türkei aus dem F-35-Programm suspendiert. Lange Zeit hat es auch dem „Partner“ sogar den Verkauf von F-16 Kampfflugzeugen verweigert. Erst nach langem Hin und Her soll das Land in den kommenden Jahren mit den Kampfjets versorgt werden. Das Land ist zudem zu einem Unterstützer von Terrororganisationen geworden, die besonders im Nachbarland Syrien ihr Unwesen treiben – besonders gegen Kurden. Eine Besserung ist ebenfalls nicht in Sicht. (erpe)