VonMaria Sterklschließen
Fachleute warnen aber vor vorzeitigem Jubel – derweil treffen iranische Raketen Wohngebiete in Tel Aviv und Haifa.
Während im Zentrum Haifas eine Rauchsäule aufsteigt, ruft Keren: „Gelobt sei Gott!“. Soeben hat sie erfahren, dass die USA wenige Stunden zuvor an mehreren Orten des iranischen Atomprogramms angegriffen haben. Über ihr Gesicht zieht sich ein breites Lächeln. Die junge gläubige Jüdin hat keinen Zweifel, dass nun alles gut wird. „Die Iraner wollen uns eliminieren. Es ist höchste Zeit, dass man etwas gegen sie unternimmt.“
Nur einen Kilometer von Kerens Haus entfernt hat vor zwanzig Minuten ein Projektil mitten in ein altes Wohnviertel eingeschlagen und mehrere Häuser zerstört, sechzehn Menschen wurden verletzt.
Idan, ein Student, der im Viertel wohnt, aber bei dem Unglück keinen Schaden davongetragen hat, findet für die neue Eskalationsstufe im Iran-Krieg nur Worte des Zynismus: „Danke, Bibi und Trump, ich fühle mich jetzt unglaublich sicher“, sagt er. Er sieht nach mehr als 600 Tagen Krieg ohne Aussicht auf ein Ende keinen Grund, Israels Ministerpräsident Benjamin „Bibi“ Netanjahu zu vertrauen – und dem US-Präsidenten schon gar nicht.
Atomprogramm wirklich gestoppt?
In Israel haben viele darauf gehofft, dass die USA in die Militäroperation einsteigen. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Amerikaner den Job erledigen, den wir für sie aufbewahrt haben“, sagt ein älterer Wachmann. Der Gedanke, dass Israels Regierung diese Operation ohne die Aussicht auf aktive Hilfe der USA begonnen haben könnte, war Grund zur Sorge.
„Ein Angriff ohne US-Bomber wäre Suizid gewesen“, sagt Ilan, ein Pensionist aus Zentralisrael. Jetzt komme alles darauf an, wie viel bei den US-Angriffen zerstört wurde. Die entscheidende Frage sei, ob es tatsächlich gelungen ist, den Iran in seinem Atomprogramm zu stoppen.
Eine Frage, auf die US-Präsident Donald Trump bereits kurz nach dem Angriff eine Antwort parat hatte: „Die wichtigsten Atomanreicherungszentren des Iran wurden komplett und vollständig vernichtet“, verkündete Trump. Derweil schlagen mehrere iranische Raketen am frühen Sonntag unter anderem auch in Wohngebieten ein, es gibt viele Verletzte.
Israelische Experten kostet Trumps Gewissheit ein müdes Lächeln. „Es ist viel zu früh, um das zu sagen. Eine Analyse von solchen Schäden braucht Zeit“, erklärt Eldad Shavit, langjähriges Mitglied des israelischen Geheimdienstapparats und heute Experte beim Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) in Tel Aviv. Zwar sei es gut zu wissen, dass die Bomber der USA mit schweren bunkerbrechenden Waffen auf die Atomanlage in Fordo gezielt hätten. „Wir wissen aber nicht, wie viel Material dabei vernichtet wurde“, sagt Shavit.
„Es wird Monate dauern, um einschätzen zu können, wie erfolgreich dieser Schlag war“, meint auch Sarit Zehavi vom israelischen Forschungszentrum Alma.
In Israels Regierung spricht man aber schon von einem Erfolg. „Ich danke Präsident Trump von tiefstem Herzen“, sagte Netanjahu am Sonntagmorgen. Nie zuvor habe Israel in Washington einen so treuen Freund vorgefunden.
Trump gehe es vor allem darum, Druck auf den Iran aufzubauen, damit sich das Ayatollah-Regime auf einen neuen Atomdeal einlasse, sagt Experte Shavit. „Es besteht kein Zweifel: Wir befinden uns jetzt am Höhepunkt dieses Drucks.“ Was aber, wenn der Iran sich darauf nicht einlässt, sondern beharrlich weiter ballistische Raketen auf Israel abfeuert?
Was, wenn Teheran weiter attackiert?
Teheran verfüge immer noch über ausreichend militärische Kapazitäten, um „mindestens einen Monat lang weiterzumachen“, sagt Sarit Zehavi. „Das ist das Worst-Case-Szenario: Dass sie nicht aufgeben, sondern weiter versuchen, uns zu erschöpfen, uns daran zu hindern, zum Alltag zurückzukehren.“ Israels Führung brauche jetzt einen Strategiewechsel, meint Zehavi. „Die Frage ist jetzt: Wie beenden wir das?“
Für vorzeitigen Jubel gebe es keinen Grund, meint Shavit. Der Iran war auf den US-Angriff vorbereitet, eine größere Menge an Material soll bereits im Vorfeld aus der Atomfestung Fordow abtransportiert worden sein. „Wenn sie das nutzen, was sie noch haben, brauchen sie nur eine kleine Anlage, um sich zu organisieren“, meint Eldad – also doch noch um eine Atomwaffe zu bauen.
„Der beste Weg ist es, sie zu einem neuen Deal zu bringen“, meint der Experte. „Wenn sie stur sind, kann es sehr kompliziert werden.“
