Die politische Karriere von Benjamin Netanjahu ist ebenso faszinierend wie kontrovers. Seine Geschichte ist geprägt von Krieg, Bildung und politischer Intrige.
Tel Aviv – Benjamin Netanjahu erblickte am 21. Oktober 1949 in Tel Aviv das Licht der Welt. Er ist der Nachkomme des Historikers und zionistischen Aktivisten Benzion Netanjahu und seiner Ehefrau Zila. Neben ihm gehören noch Jonathan und Iddo zur Familie, wobei Jonathan in Israel als Kriegsheld verehrt wird, da er 1976 bei einer Geiselbefreiungsaktion sein Leben ließ.
| Name | Benjamin „Bibi“ Netanjahu |
|---|---|
| Geboren | 21. Oktober 1949 |
| Geburtsort | Tel Aviv |
| Partei | Likud |
| Amt | Ministerpräsident von Israel |
| Ehepartnerin | Sara Netanjahu (verh. 1991), Fleur Cates (verh. 1981–1984), Miriam Haran (verh. 1972–1978) |
Benjamin Netanjahu macht Karriere: von der Schule zum Militär
Die Kindheit der Brüder fand zunächst in Jerusalem statt, bevor die Familie in die USA umzog. Dort lehrte Vater Benzion an verschiedenen Hochschulen, darunter die University of Denver. Benjamin Netanjahu besuchte die Cheltenham High School in Pennsylvania und schloss diese 1967 ab.
Nach der Schule zog es ihn zurück nach Israel, wo er sich den Verteidigungsstreitkräften anschloss. Er diente fünf Jahre in einer Eliteeinheit und war unter anderem im Abnutzungskrieg zwischen Ägypten und Israel im Einsatz. Dabei erlitt er mehrere Verletzungen, darunter eine Schussverletzung an der Schulter. 1972 endete sein aktiver Dienst und er kehrte in die USA zurück, um am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Architektur zu studieren.
Im Oktober 1973 unterbrach er sein Studium, um im Jom-Kippur-Krieg zu dienen. 1975 beendete er sein Bachelor-Studium und ein Jahr später erhielt er seinen Master-Abschluss an der MIT Sloan School of Management. Zudem studierte er Politikwissenschaften an der Harvard University und am MIT.
Der Werdegang von Netanjahu in der Politik
1976 begann seine Karriere als Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group. Dort arbeitete er mit Mitt Romney zusammen, der später als US-Präsidentschaftskandidat bekannt wurde. Nach dem Tod seines Bruders Jonathan bei der Operation Entebbe gründete die Familie das Jonathan Institute, das sich mit dem internationalen Terrorismus gegen Israel auseinandersetzte.
1978 kehrte Benjamin Netanjahu nach Israel zurück, um das Institut zu leiten. Dort knüpfte er erste politische Kontakte und traf Moshe Arens, der damals als israelischer Botschafter in den USA tätig war. 1982 verhalf Arens ihm zu einer Position als stellvertretender Botschafter in Washington. Zwei Jahre später wurde er zum Ständigen Vertreter Israels bei den Vereinten Nationen in New York ernannt. Während dieser Zeit freundete er sich mit Fred Trump an, dem Vater des späteren US-Präsidenten Donald Trump.
Sein Aufstieg zum Ministerpräsidenten von Israel
1988 kehrte Netanjahu nach Israel zurück und trat der rechtskonservativen Partei Likud bei. Er wurde in die Knesset, das israelische Einkammerparlament, gewählt und wurde anschließend stellvertretender Außenminister. 1993 wurde er zum Parteichef des Likud gewählt, nachdem die Partei bei den Wahlen schlecht abgeschnitten hatte.
1996 trat Benjamin Netanjahu bei der Wahl zum neuen Ministerpräsidenten Israels an. Sein Vorgänger Schimon Peres hatte vorgezogene Wahlen ausgerufen, nachdem eine Reihe von palästinensischen Selbstmordanschlägen auf israelische Zivilisten 32 Menschen das Leben gekostet hatte. Das Vertrauen der Bevölkerung in Peres sank daraufhin rapide. Netanjahu engagierte den amerikanischen Wahlkampfstrategen Arthur J. Finkelstein, der jahrzehntelang für konservative und rechte Kandidaten weltweit gearbeitet hatte.
Trotz Kritik an seiner teils aggressiven Kampagne wurde Netanjahu am 26. Mai 1996 zum neuen Ministerpräsidenten Israels gewählt. Damit war er die jüngste Person, die dieses Amt in der Geschichte des Landes bekleidete. Um eine Regierungsbildung zu ermöglichen, ging Netanjahu eine Koalition mit den ultra-orthodoxen Parteien Shas und UTJ ein, da die Opposition mehr Stimmen im Parlament gewonnen hatte.
Netanjahus kompromisslose Politik in israel
Als Ministerpräsident verfolgte Netanjahu eine härtere Linie als sein Vorgänger. Er forderte, dass die Palästinensische Autonomiebehörde ihre Verpflichtung erfüllen und den Terrorismus bekämpfen solle. Zudem kritisierte er das Oslo-Abkommen, das sein Vorgänger Yitzhak Rabin mit dem Palästinenserführer Jassir Arafat abgeschlossen hatte, da es den Palästinensern zu viele Zugeständnisse mache. Dies biete nur Raum für Extremisten. Obwohl Netanjahu das Abkommen grundsätzlich verfolgte, verlangsamte sich der Friedensprozess während seiner Amtszeit.
Im August 1996 hob er den von Schimon Peres verfügten Baustopp für israelische Siedlungen in den Palästinensergebieten auf. Im selben Jahr ließ er einen Ausgang für den Klagemauertunnel öffnen, was zu dreitägigen Unruhen der Palästinenser und zahlreichen Toten auf beiden Seiten führte.
Im Oktober 1998 unterzeichneten Netanjahu und Jassir Arafat das Wye-Abkommen, das den Rückzug der israelischen Streitkräfte aus dem Westjordanland regeln sollte. Trotz der Vermittlungsbemühungen des US-Präsidenten Bill Clinton erwies sich das Abkommen in der Praxis als schwer umsetzbar und wurde in Netanjahus Regierung als zu radikal oder zu wenig fortschrittlich kritisiert.
Die weiteren politischen Ämter von Benjamin Netanjahu
Benjamin Netanjahu, einst sehr beliebt, verlor aufgrund von Korruptionsskandalen zunehmend an Zustimmung in der Bevölkerung. Dies führte dazu, dass er 1999 die Wiederwahl zum Ministerpräsidenten verfehlte und Ehud Barak sein Amt übernahm. Netanjahu zog sich bis 2002 aus der israelischen Politik zurück. Als Ariel Scharon, Baraks Nachfolger, an die Macht kam, wurde Netanjahu zum Außenminister ernannt. Er versuchte, Scharon als Parteichef des Likud herauszufordern, musste sich jedoch geschlagen geben.
2003 übernahm er das Amt des Finanzministers. 2005 legte Netanjahu sein Ministeramt nieder, um gegen die Entscheidung des Kabinetts zu protestieren, die einen Rückzug israelischer Siedler aus dem Gazastreifen vorsah. Er befürchtete eine mögliche Spaltung des Landes und eine Gefährdung des Friedens.
Im selben Jahr wurde Netanjahu erneut zum Vorsitzenden des Likud gewählt. Nach der Präsidentschaftswahl 2006 befand er sich in der Opposition, da die von Scharon gegründete Bewegung Kadima die Wahlen gewonnen hatte. Die Beliebtheit des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert sank aufgrund des Libanonkriegs. Olmert wurde vorgeworfen, die Kriegsziele verfehlt zu haben. Netanjahu kritisierte Olmert öffentlich und machte deutlich, dass er bereit war, in sein altes Amt zurückzukehren.
Netanjahu wird erneut zum Ministerpräsidenten Israels gewählt
Am 10. Februar 2009 wurde sein Wunsch erfüllt: Präsident Schimon Peres beauftragte ihn nach der israelischen Parlamentswahl erneut mit der Regierungsbildung. Dabei ging er eine Koalition mit der rechtsnationalistischen Partei Jisra’el Beitenu ein.
Bei den vorgezogenen Parlamentswahlen 2013 und 2019 wurde Netanjahus Regierung im Amt bestätigt. 2019 erzielte der Likud sein bestes Wahlergebnis seit 16 Jahren. Die Koalitionsgespräche scheiterten jedoch, was zu Neuwahlen im September 2019 führte. Als die Regierungsbildung erneut scheiterte, ging der Auftrag zur Regierungsbildung an den Parlamentspräsidenten Benny Gantz. Im April 2020 trafen die beiden Politiker eine Vereinbarung zur Bildung einer gemeinsamen Regierung, bei der nach eineinhalb Jahren ein Wechsel des Ministerpräsidenten vorgesehen war.
Am 13. Juni 2021 stimmte das Parlament jedoch mit 60 zu 59 Stimmen für eine neue Regierung und beendete damit Netanjahus Amtszeit. Er wurde Oppositionsführer. Bei den Parlamentswahlen im November 2022 erreichte sein rechtes Bündnis die Mehrheit in der Knesset und Netanjahu wurde erneut Ministerpräsident. Er ist nun der am längsten regierende Ministerpräsident Israels.
Netanjahus Amtszeit: Korruptionsvorwürfe und Prozessbeginn
Trotz seiner langen Amtszeit ist Netanjahus Beliebtheit in der israelischen Bevölkerung gesunken. Er wird weiterhin der Korruption beschuldigt, einschließlich der Annahme von Vergünstigungen von zwei Geschäftsleuten in Höhe von rund 250.000 Euro und der Manipulation von Medien. 2019 wurden Anklagen wegen Bestechlichkeit, Betrug und Vertrauensbruch gegen ihn erhoben.
Das Strafverfahren gegen Netanjahu begann am 24. Mai 2020. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie wurde die Fortsetzung des Prozesses auf Januar 2021 verschoben. Netanjahu bestreitet die Vorwürfe und behauptet, dass es sich um eine Verschwörung von Polizei, Medien und Staatsanwaltschaft gegen ihn handelt.
Kritik an Netanjahu: Corona-Management und die Folgen des Gaza-Konflikts
Netanjahus Umgang mit der Corona-Pandemie wurde ebenfalls stark kritisiert. Er wurde beschuldigt, nach einem strikten Lockdown zu schnell wieder zur Normalität zurückgekehrt zu sein, was zu weiteren Ausbrüchen führte. Zudem wurde ihm vorgeworfen, dass er den Eindruck erweckt habe, das Virus sei besiegt und das Leben könne wie gewohnt weitergehen. Nach steigenden Infektionszahlen und einer zweiten Welle reagierte die Regierung chaotisch und griff zu widersprüchlichen Maßnahmen. Netanjahu wurde auch Heuchelei vorgeworfen, da er Demonstrationen gegen ihn verbot, während er ultraorthodoxen Juden erlaubte, sich in großen Gruppen in der Synagoge zu treffen, um sich die Gunst ihrer Parteien zu sichern.
Der 7. Oktober 2023 markierte einen Wendepunkt in der Geschichte Israels. Tausende Terroristen drangen damals in einem Überraschungsangriff aus Gaza nach Israel ein und verübten dort ein beispielloses Massaker. Es war das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust. Unter Netanjahus Führung wurde ein großer Teil des Gazastreifens zerstört.
Südafrika hat Israel vor dem Internationalen Gerichtshof beschuldigt, systematisch völkermörderische Handlungen begangen zu haben. Wie es nach dem Krieg in Israel in der Region weitergehen soll, ist unklar. Netanjahu kämpft um sein politisches Überleben. Die Menschen in Israel machen ihn für den Angriff der Hamas mitverantwortlich. Seine Umfragewerte sind sehr niedrig.
Netanjahus Privatleben: drei Ehen und öffentliche Skandale
Benjamin Netanjahu war insgesamt dreimal verheiratet. Seine erste Ehefrau, Miriam Weizmann, lernte er in seinem Heimatland kennen und zog 1972 mit ihr in die USA, um zu studieren. Kurz nach ihrer Ankunft in den USA gaben sie sich das Jawort. Am 29. April 1978 wurde ihre Tochter Noa geboren, die heute als ultraorthodoxe Jüdin in Jerusalem lebt. Während Miriam mit Noa schwanger war, begann Netanjahu eine Affäre mit Fleur Cates, einer britischen Studentin, die nicht jüdisch war. Als Miriam von der Affäre Wind bekam, beendete sie die Ehe. 1981 heiratete Netanjahu Fleur, die zum Judentum konvertierte, aber die Ehe endete nach drei Jahren in einer Scheidung.
Netanjahu traf seine dritte Ehefrau, Sara Ben-Artzi, während eines Fluges von New York nach Israel, wo sie als Flugbegleiterin arbeitete. Sie heirateten 1991 und haben zusammen zwei Söhne, Jair und Avner.
Begegnungen mit Affären und medialer Gegenwind für Netanjahu
Im Jahr 1993 gestand Netanjahu in einer Live-Fernsehsendung, eine Affäre mit seiner PR-Beraterin Ruth Bar gehabt zu haben. Er behauptete, ein politischer Gegner habe heimlich belastendes Videomaterial von ihm aufgenommen und versucht, ihn mit den Aufnahmen zu erpressen, um seinen Rücktritt zu erzwingen. Trotz der Affäre arbeiteten er und seine Frau an ihrer Ehe und blieben zusammen. In der Zwischenzeit wurde Netanjahu zum Vorsitzenden der Likud-Partei gewählt.
1996 wurde berichtet, dass Netanjahu eine langjährige Freundschaft mit einer italienisch-amerikanischen Frau pflegte. Er kritisierte die Medien heftig für ihre Berichterstattung und warf ihnen vor, seine Privatsphäre zu verletzen. Er vermutete, dass politische Gegner Spione angeheuert hatten, um Beweise für seine angeblichen Affären zu sammeln. Es wird auch berichtet, dass seine Frau Sara aus Angst vor weiteren Skandalen um das Fremdgehen ihres Mannes Sekretärinnen und Nannys entlassen hat. (FR)
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