Nahost-Konflikt

„Erinnert sehr an Armageddon“: Russlands Mainstream begeistert von Israel-Iran-Eskalation

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Der UN-Sicherheitsrat tagt am Sonntag zur Eskalation im Nahen Osten. Foto: Charly TRIBALLEAU / AFP.
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In Russland führen die iranischen Attacken auf Israel zu einem Stimmungsgemisch aus Euphorie und Endzeitfantasien: Eine Rolle spielen dabei auch handfeste Vorteile für Moskau.

Der Weltuntergang naht. Diesen Eindruck gewinnt, wer die Kommentare in den russischen Medien liest. „Das, was wir jetzt im Nahen Osten sehen, erinnert sehr an Armageddon“, versichert etwa der ultrarechte russische Ideologe Alexander Dugin dem Portal Zargrad. „Eigentlich an die endzeitliche Entscheidungsschlacht.“

Nach dem iranischen Raketengroßangriff auf Israel vom Samstag herrscht in Moskau ein Stimmungsgemisch aus Gelassenheit bis Kriegseuphorie. Die Staatsmacht stellt sich auf die Seite Teherans, Außenminister Sergej Lawrow ließ nach einem Telefonat mit seinem iranischen Kollegen Hussein Amirabdollahian am Sonntag verlautbaren, neue gefährliche Provokationsakte könnten zu einem Anstieg der Spannung im Nahen Osten führen. Auch Außenamtsprecherin Maria Sacharowa weigerte sich auf ihrem Telegramkanal ausdrücklich, den Raketenschlag der Iraner zu verurteilen. Sacharowa beschuldigte ihrerseits Israels Offizielle, sie würden die feindliche Ukraine regelmäßig verbal unterstützen.

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Der Mainstream der russischen Öffentlichkeit setzte Irans „Spezialoperation ,Gerechte Entscheidung‘“ ebenfalls ausdrücklich in Verbindung mit der eigenen „Kriegsspezialoperation“ gegen die Ukraine. Man beschwor dabei zum Großteil einen dritten Weltkrieg.

„Ihr kalkuliert den Nahen Osten nicht ein, hier wird es solche Ereignisse geben, dass keiner mehr an die Ukraine denkt“, zitiert das staatliche Massenblatt Komsomolskaja Prawda den verstorbenen Nationalpopulisten Wladimir Schirinowskij. „Es geht auf den Dritten Weltkrieg zu.“ Der ist laut Dugin wahrscheinlich bereits im Gange.

Nach Russland hätten der Iran und die schiitische Gemeinschaft die zweite Front im Kampf der multipolaren Welt gegen den monopolaren Hegemon USA und seine „Proxis“ Ukraine und Israel eröffnet. Auf Taiwan, in Afrika sowie zwischen Venezuela und Honduras würden bald drei weitere Fronten eröffnet, frohlockt Dugin, der inzwischen als einer der Ideenlieferanten des Kremls gilt. Der Kampf der rechtgläubigen russischen Zivilisation gegen den satanischen Westen in der Ukraine sei ja ebenfalls endzeitlich.

Reagiert Israel symbolisch?

Professionelle Nahostexpert:innen halten es trotzdem für möglich, dass der große Nahostkrieg ausfällt. Jelena Suponina vom Russischen Rat für Internationale Fragen etwa schließt nicht aus, dass die Israelis auf den weitgehend unblutigen iranischen Angriff „genauso symbolisch“ antworten.

Jedenfalls gilt Moskau als Nutznießer der neuen Krise, im Gegensatz zu Kiew. „Die Folgen für unser Land“, konstatiert der ukrainische Militärexperte Oleksandr Kowalenko, „sind in erster Linie negativ.“ Der Westen werde seine Aufmerksamkeit, auch bei der Finanzierung weiterer Waffenhilfe, mehr auf Israel als auf die Ukraine richten. Positiv sei höchstens, dass der Iran im Kriegsfall seine Kampfdrohnenlieferungen an Russland „einschränken bis minimalisieren“ dürfte.

Russland dagegen könnte auch als Ölproduzent von der brenzligen Lage in Nahost profitieren. Obwohl gestern der Preis für ein Barrel Öl der Marke Brent leicht auf knapp 90 Dollar sank und keineswegs Richtung 100 Dollar stieg, wie russische Analytiker am Sonntag schon prognostiziert hatten. Aber der emigrierte Rohstoff- und Iranexperte Michail Krutichin äußert gegenüber dem Kanal TV Doschd den Verdacht, Russland könne jetzt den radikalen Flügel der persischen Führung bearbeiten – mit dem Ziel, sie zu neuen Provokationen zu bewegen, um die Spannung in der Region und damit auch die Ölpreise weiter in die Höhe zu treiben.

Das russische Armeeportal zvezdaweekly.ru dagegen versichert, Israel betreibe die Eskalation bewusst, zur Realisierung „des ewigen fanatischen Traum[s] der Juden, den Tempel in Jerusalem wieder zu errichten“.

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