Verein erhebt Vorwürfe

Ermittlungen gegen Behörden nach tödlichem Anschlag in Magdeburg

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Nach dem Anschlag in Magdeburg werden nun auch die Behörden ins Visier genommen. Der mutmaßliche Täter war schon länger bei verschiedenen Behörden bekannt.

Magdeburg – Nach der tödlichen Amokfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt erhebt das Kriminalistische Institut Jena e.V. schwere Vorwürfe gegen die Stadtverwaltung und die Polizei. Beide Behörden sollen durch Versäumnisse im Sicherheitskonzept zur Tragödie beigetragen haben.

Wie der Vorstand des Instituts, Dieter Siegel, bestätigte, wurde am Montag eine Anzeige bei der Generalstaatsanwaltschaft in Naumburg (Sachsen-Anhalt) erstattet. Der Vorwurf: Beihilfe zum Mord in fünf Fällen und Beihilfe zur Körperverletzung in mindestens 200 Fällen.

Sondereinsatzkräfte der Polizei im Einsatz auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg.

Nach Magdeburg-Anschlag: Sicherheitslücke auf Weihnachtsmarkt – Behörden wegen Unterlassung angezeigt

Siegel erklärte bezüglich des Anschlags in Magdeburg: „Durch Absperrung, egal ob bewegliche Zäune, abgestellte Fahrzeuge oder Schranken, wäre die Amokfahrt verhindert worden.“ Dieses Verhalten bezeichnete er gegenüber der Volksstimme, die zuerst über den Fall berichtete, als „Beihilfe zu einer Straftat durch Unterlassung“.

Trotz der Vorwürfe und der dramatischen Folgen erklärte der Beigeordnete für Ordnung bei der Stadt Magdeburg Ronni Krug auf der Pressekonferenz: „Das Sicherheitskonzept war gut. Es mussten aber auch Rettungs- und Fluchtwege freigehalten werden.“

Anwalt fordert Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung nach Amokfahrt auf Weihnachtsmarkt in Magdeburg

Nach der tödlichen Amokfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt fordert der Anwalt Dr. Adam Ahmed konsequente Ermittlungen gegen die Verantwortlichen. „Die Staatsanwaltschaft muss daher augenblicklich wegen der Geschehnisse zusätzlich Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötungen und fahrlässiger Körperverletzungen einleiten. Die Verantwortlichen bei der Polizei werden die strafrechtliche Verantwortung zu übernehmen haben. Vor allem aber hinsichtlich der Lücke im Sicherheitssystem bei der Absperrung. Hauptverantwortlicher dürfte der Einsatzleiter sein“, erklärte der Jurist.

Die Lücke, auf die der Anwalt hinweist, befand sich an einer fünf Meter breiten Zufahrt, durch die der Fahrer Taleb A. mit seinem Auto ungehindert auf den Weihnachtsmarkt gelangen konnte. Dabei tötete er fünf Menschen und verletzte etwa 200, einige davon schwer.

Nach Informationen von BILD hätte diese Lücke eigentlich durch eine mobile Polizeisperre geschlossen sein sollen. Neben der Glühwein-Pyramide war ein querstehender Polizeitransporter geplant, der Angriffe mit Fahrzeugen verhindern sollte. Doch offenbar fehlte dieser Wagen oder befand sich an der falschen Stelle.

Magdeburg trauert nach tödlicher Attacke auf dem Weihnachtsmarkt

Menschenkette zum Gedenken an die Opfer und Betroffenen des Anschlags auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt.

Nach der Attacke auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt mit fünf Toten und bis zu 235 Verletzten nehmen Trauer und Anteilnahme in der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt kein Ende. Bürgerinnen und Bürger legten auch an Heiligabend am zentralen Gedenkort an der Johanniskirche Blumen nieder, viele hatten Tränen in den Augen. 

Auch auf dem benachbarten Alten Markt, der Teil des inzwischen geschlossenen Weihnachtsmarktes ist, brachten Trauernde ihre Anteilnahme mit Blumen und Kerzen zum Ausdruck. „Ich konnte erst nicht herkommen, weil es mich zu sehr schockiert hat“, sagte eine Rentnerin der Deutschen Presse-Agentur. „Aber heute wollte ich hier sein. Es ist ja Weihnachten.“ 

Nach Weihnachtsmarkt-Anschlag in Magdeburg: Steinmeier ruft zu Zusammenhalt auf

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief in seiner Weihnachtsansprache zum Zusammenhalt auf. Das Theater Magdeburg will am 2. Weihnachtstag mit einem Konzert der Opfer gedenken. 200 kostenfreie Karten sollen an Betroffene, Angehörige der Opfer, Rettungskräfte und Ersthelfer ausgegeben werden, wie das Theater mitteilte. Diese stünden an der Kasse zur Abholung bereit. 

Der inzwischen in Untersuchungshaft sitzende Täter Taleb A. war am Freitagabend mit einem Auto über den Weihnachtsmarkt gerast. Die Ermittlungen zur Motivation des Arztes, der aus Saudi-Arabien stammt und 2006 nach Deutschland kam, dauern an. Zuletzt hatte er sich in sozialen Medien zunehmend wirrer und radikaler zu Wort gemeldet. In einem Interview zeigte sich der 50-Jährige jüngst als Fan von X-Inhaber Elon Musk und der AfD, die die gleichen Ziele wie er verfolge – bezeichnete sich aber als politisch links.

Weihnachtsmarkt-Anschlag in Magdeburg – Bilder zeigen die fürchterlichen Momente danach

Auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg ist am Freitagabend (20. Dezember) ein Autofahrer in eine Menschengruppe gerast. Erste Bilder zeigen Rettungskräfte im Einsatz.
Auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg ist am Freitagabend (20. Dezember) ein Autofahrer in eine Menschengruppe gerast. Erste Bilder zeigen Rettungskräfte im Einsatz. © Heiko Rebsch/dpa
Das Standbild aus einem Video zeigt Rettungsdienste, Feuerwehr und Polizei im Einsatz auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg.
Das Standbild aus einem Video zeigt Rettungsdienste, Feuerwehr und Polizei im Einsatz auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg.  © Thomas Schulz/dpa
Zunächst war die Rede von einem Toten auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt. Wenig später wurde die Zahl bereits von Medien korrigiert. Sowohl die Volksstimme als auch die Bild berichten mittlerweile von elf Todesopfern. Offiziell bestätigt wurde diese Zahl noch nicht. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff sprach gegen 22 Uhr von zwei Todesfällen.
Zunächst war die Rede von einem Toten auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt. Wenig später wurde die Zahl bereits von Medien korrigiert. Sowohl die Volksstimme als auch die Bild berichten mittlerweile von elf Todesopfern. Offiziell bestätigt wurde diese Zahl noch nicht. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff sprach gegen 22 Uhr von zwei Todesfällen. © Heiko Rebsch/dpa
Rettungskräfte kümmern sich um die rund 80 Verletzten auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg.
Rettungskräfte kümmern sich um die rund 80 Verletzten auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg. © Thomas Schulz/dpa
Der festgenommene Verdächtige in Magdeburg ist den deutschen Behörden nach Informationen aus Sicherheitskreisen bislang nicht als Islamist bekannt gewesen. Der Mann soll nach ersten Erkenntnissen etwa 50 Jahre alt sein und aus Saudi-Arabien stammen. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff bestätigte: „Wir haben den Täter gefasst. Es ist ein aus Saudi-Arabien stammender, in Sachsen-Anhalt arbeitender Arzt, der seit 2006 in Deutschland ist.“ Nach jetzigem Stand sei es ein Einzeltäter, das Verhör werde vorbereitet.
Der festgenommene Verdächtige in Magdeburg ist den deutschen Behörden nach Informationen aus Sicherheitskreisen bislang nicht als Islamist bekannt gewesen. Der Mann soll nach ersten Erkenntnissen etwa 50 Jahre alt sein und aus Saudi-Arabien stammen. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff bestätigte: „Wir haben den Täter gefasst. Es ist ein aus Saudi-Arabien stammender, in Sachsen-Anhalt arbeitender Arzt, der seit 2006 in Deutschland ist.“ Nach jetzigem Stand sei es ein Einzeltäter, das Verhör werde vorbereitet.  © Dörthe Hein/dpa-Zentralbild/dpa
Lauf Haseloff sei der Mann mit einem „Leihwagen mit Münchner Kennzeichen“ in die Menge am Magdeburger Weihnachtsmarkt gefahren.
Lauf Haseloff sei der Mann mit einem „Leihwagen mit Münchner Kennzeichen“ in die Menge am Magdeburger Weihnachtsmarkt gefahren. © Dörthe Hein/dpa-Zentralbild/dpa
Hier fuhr der Mann in die friedliche Menschenmenge: Die Karte zeigt den Ort des Weihnachtsmarktes in Magdeburg.
Hier fuhr der Mann in die friedliche Menschenmenge: Die Karte zeigt den Ort des Weihnachtsmarktes in Magdeburg. © dpa
Abgesichert und bewacht: Die Gegend um den Weihnachtsmarkt in Magdeburg ist nach dem Anschlag Hochsicherheitszone.
Abgesichert und bewacht: Die Gegend um den Weihnachtsmarkt in Magdeburg ist nach dem Anschlag Hochsicherheitszone. © Heiko Rebsch/dpa
Verbandsmaterial liegt auf dem Boden auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg.
Verbandsmaterial liegt auf dem Boden auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg.  © Dörthe Hein/dpa-Zentralbild/dpa
Einsatzkräfte versorgen die Opfer des Anschlags in Magdeburg.
Einsatzkräfte versorgen die Opfer des Anschlags in Magdeburg. © Heiko Rebsch/dpa
Der Bereich um den Magdeburger Weihnachtsmarkt ist nach dem Anschlag weiträumig abgesperrt.
Der Bereich um den Magdeburger Weihnachtsmarkt ist nach dem Anschlag weiträumig abgesperrt. © Foto: Heiko Rebsch/dpa
Der Weihnachtsmarkt in Magdeburg nach dem Anschlag. Trümmer und Papiere liegen auf dem Boden.
Der Weihnachtsmarkt in Magdeburg nach dem Anschlag. Trümmer und Papiere liegen auf dem Boden. © Heiko Rebsch/dpa
Polizisten sichern am Freitagabend (20. Dezember) den Bereich auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt ab. Derzeit wird der mutmaßliche Täter verhört. Er soll ein radikaler Islamkritiker sein, der aus Saudi-Arabien floh und seit 2006 in Deutschland lebte.
Polizisten sichern am Freitagabend (20. Dezember) den Bereich auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt ab. Derzeit wird der mutmaßliche Täter verhört. Er soll ein radikaler Islamkritiker sein, der aus Saudi-Arabien floh und seit 2006 in Deutschland lebte. © Hendrik Schmidt/dpa
Mehrere Objekte werden in Sachsen-Anhalt durchsucht, die mit dem Anschlag auf in Magdeburg in Verbindung stehen könnten. Darunter auch Häuser in Bernburg (Saale), wo der mutmaßliche Täter gelebt habe.
Mehrere Objekte werden in Sachsen-Anhalt durchsucht, die mit dem Anschlag auf in Magdeburg in Verbindung stehen könnten. Darunter auch Häuser in Bernburg (Saale), wo der mutmaßliche Täter gelebt habe. © Sebastian Willnow/dpa
Kanzler Olaf Scholz, Ministerpräsident Reiner Haseloff, Innenministerin Nancy Faeser und Verkehrsminister Volker Wissing äußern sich schockiert nach den Ereignissen am Freitagabend (20. Dezember).
Kanzler Olaf Scholz, Ministerpräsident Reiner Haseloff, Innenministerin Nancy Faeser und Verkehrsminister Volker Wissing äußern sich schockiert nach den Ereignissen am Freitagabend (20. Dezember).  © Christoph Soeder/dpa
Scholz und Haseloff nach Todesfahrt auf Weihnachtsmarkt in Magdeburg
Bundeskanzler Olaf Scholz und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff besuchen den Ort der tödlichen Attacke auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg. © Jan Woitas/dpa

Polizei setzt Ermittlungen fort: Chronologie zum Täter Taleb A. soll noch dieses Jahr veröffentlicht werden

Polizisten setzten am Dienstag ihre Tatortarbeit fort. Eine Sprecherin der Polizeiinspektion Magdeburg sagte auf Nachfrage, Beamte der Landespolizei seien vor Ort, um „dokumentarische Arbeiten“ im Rahmen der Ermittlungen zu erledigen.

Bundeskriminalamt und Bundesinnenministerium wollen nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur noch in diesem Jahr eine Fallchronologie zum Täter vorlegen. Es soll dabei zusammengetragen werden, welche Behörden zu welchem Zeitpunkt welche Hinweise zu Taleb A. hatten und wie diesen nachgegangen wurde. Behörden in mindestens sechs Bundesländern sollen mit ihm zu tun gehabt haben. Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz kritisierte in der Rheinischen Post: „Erneut scheint es im Hinblick auf den Täter und die von ihm ausgehende Bedrohung ein Gesamterkenntnisdefizit und ein Problem beim Zusammenführen der verschiedenen Informationen gegeben zu haben.“ Der Anschlag von Magdeburg erinnere ihn an den Anschlag vom Berliner Breitscheidplatz vor acht Jahren. (jal/dpa)

Rubriklistenbild: © Heiko Rebsch/dpa

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