Die AfD schwächelt, doch die Ampel profitiert nicht. Für Klaus Ernst (BSW) sind die Probleme hausgemacht. Der Wagenknecht-Weggefährte bläst zum Angriff.
Berlin – Klare Schuldzuweisung: Mit einer Kampfansage an die Ampel-Koalition will das neue Bündnis von Sahra Wagenknecht (BSW) in das Superwahljahr 2024 starten. So warf Ex-Linkenpolitiker Klaus Ernst der Bundesregierung eine falsche Politik im Umgang mit der AfD vor.
„Die Ampel regiert gegen die Bürgerinnen und Bürger. Überall wird im Sozialbereich gekürzt und stattdessen Geld in die Rüstung gesteckt – das versteht keiner mehr“, sagte der frühere Gewerkschaftsfunktionär und Linkenchef im Gespräch mit IPPEN.MEDIA kurz vor Beginn des BSW-Parteitages. Dies habe zuletzt die Rechtspopulisten stark gemacht. „Auch meine alte Partei hat da zuletzt nur noch herumgeeiert. Aber wir werden jetzt ein neues Angebot machen.“
Parteitag in Berlin: Bündnis für Sahra Wagenknecht (BSW) formiert sich – Klaus Ernst im Interview
Klaus Ernst gilt als einer der wichtigsten Strippenzieher, die Sahra Wagenknecht beim Aufbau der neuen Partei zur Seite stehen. Das „Bündnis Sahra Wagenknecht – für Vernunft und Gerechtigkeit“ (BSW) kommt am Samstag (27. Januar) ab 10.00 Uhr zum ersten Parteitag in Berlin zusammen. Bei dem Kongress im Kino Kosmos will die neue Partei auch Programm und Kandidaten zur Europawahl am 9. Juni bestimmen. Spitzenkandidaten sind der frühere Linken-Europaabgeordnete Fabio De Masi und der langjährige SPD-Politiker Thomas Geisel, früher Oberbürgermeister von Düsseldorf.
Die ehemalige Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht hatte die Partei am 8. Januar mit etwa 40 Personen gegründet und die ersten 450 Mitglieder aufgenommen. Die 54-Jährige ist Co-Vorsitzende, gemeinsam mit der früheren Linken-Fraktionschefin Amira Mohamed Ali. Beide Vorsitzende werden beim Parteitag sprechen. Das Schlusswort hält am Abend Wagenknechts Ehemann Oskar Lafontaine, einstiger Vorsitzender der SPD wie auch der Linken. Um die Rednerliste hatte es bis zuletzt noch ein wenig Gerangel gegeben, wie der Tagesspiegel berichtete. Entgegen der ursprünglichen Planung wurden nun mehr Wortbeiträge zugelassen als zuvor geplant.
Der Name ist Programm: Klaus Ernst ruft neue Partei von Wagenknecht zur Sachlichkeit auf
Ungeachtet dessen rief Klaus Ernst die Wagenknecht-Partei zu einer großen Ernsthaftigkeit auf. Wichtig sei es nun, dass von dem BSW-Parteitag eine Aufbruchstimmung ausgesendet werde. Er sei sich aber sicher, dass es eine disziplinierte und zielgerichtete Veranstaltung werden würde. „Allen Mitglieder sind sich wohl bewusst, dass wir als vernünftige Partei sichtbar werden müssen“, sagte der frühere Linkenpolitiker, der zusammen mit einigen anderen den Wechsel in das neue Bündnis gewagt hatte.
Die Parteigründung Anfang dieses Jahres war mit Spannung erwartet worden. Die ersten Umfragen stimmen viele neuen Mitglieder zuversichtlich. So legt die neue Partei um Wagenknecht einen Senkrechtstart hin. Gerade bei den anstehenden Wahlen in Ostdeutschland könnte die Partei mit Wahlergebnissen von bis zu acht Prozent rechnen, wie aus einer Erhebung von Infratest Dimap im Auftrag des MDR hervorgeht.
Kampf gegen AfD: Wagenknecht-Partei will sich gegen rechtsextreme Unterwanderung wehren
Da die Partei sowohl linke als auch konservative Wählerinnen und Wähler ansprechen könnte, sehen politische Beobachter in dem Bündnis durchaus eine mögliche Konkurrenz zur in Teilen rechtsextremen AfD. Jedoch warnen Experten auch vor der Gefahr, dass rechtsextreme Kräfte versuchen könnten, das aufstrebende Bündnis zu unterwandern. Die Partei will deswegen Vorkehrungen treffen und Neuaufnahmen von Mitgliedern streng überwachen. Man wolle kontrolliert wachsen, bestätigte Ernst. Dies sei ein vernünftiger Weg, um nicht von falschen Gesinnungsgenossen übernommen zu werden.
Doch die Zeit beim Aufbau der neuen Partei drängt. Im September finden Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg statt. Zuvor stehen im Mai und Juni Kommunalwahlen in neun Bundesländern sowie die Europawahl an. Insbesondere der EU-weite Urnengang gilt als ein erster konkreter Leistungstest für die neue Partei. Bis zur Abstimmung sind es nur noch wenige Monate. Der Zeitplan sei durchaus ambitioniert für ein neues Bündnis, sagt Ernst zu IPPEN.MEDIA und fügt hinzu. „Aber wir kriegen das hin.“
Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ will die deutsche Politik prägen
Doch wohin steuert die Partei? Die Partei vertritt in der Sozial- und Wirtschaftspolitik eher linke Positionen mit umfassenden Sozialleistungen für Rentner oder Arbeitslose, fordert aber eine strikte Begrenzung der Migration. Sie tritt dafür ein, wieder Gas und Öl aus Russland zu beziehen. Zudem ist sie gegen Waffenlieferungen an die Ukraine und verlangt Verhandlungen mit Russland. Im Entwurf des Europaprogramms plädiert das BSW dafür, Kompetenzen der EU wieder den Mitgliedsstaaten zu übertragen.
Trotz positiver Umfrage für Wagenknecht: Die Linke bleibt gelassen
Das Treiben der Neuen wird dabei von allen Seiten kritisch beäugt – auch von den ehemaligen Parteifreunden, die nun eine zusätzliche Konkurrenz fürchten müssen. Doch bei der Linken zeigte man sich vor dem ersten Wagenknecht-Parteitag betont gelassen. „Der gegenwärtige Medienhype wird abebben“, sagte der frühere Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch in der Rheinischen Post. „Die Wahrheit wird auf dem Platz sein, sprich insbesondere bei den Landtagswahlen im Osten und bei den anstehenden Kommunalwahlen.“
In welche Richtung sich das BSW entwickeln werde, sei noch unklar, ergänzte Bartsch. „Wir werden das interessiert beobachten.“ Fest stehe allerdings, dass die Linke die einzige Partei in Deutschland bleibe, „die weiter linke Politik in Kommunen, in Ländern, in Landesregierungen und im Bundestag macht“, betonte der Linken-Politiker. (jkf/mit Material der dpa und AFP)