Bis zu 100.000 Demonstranten

ESC und Gaza machen Schweden zum Brennglas: Experte ist „besorgt“ – pocht aber auf freie Proteste

  • schließen

Der ESC ist für Schweden normalerweise ein friedliches Fest – doch der Nahost-Konflikt wirft lange Schatten. Ein lokaler Sicherheitsexperte verteidigt mögliche Groß-Demos.

Stockholm/München – Schweden könnte in dieser Woche wider Willen zu einem Brennglas globaler Konflikte werden. Genauer gesagt: Malmö könnte dieses Schicksal blühen. Die Hafenstadt mit ihren rund 300.000 Einwohnern ist 2024 Gastgeberin des Eurovision Song Contest. Normalerweise ist der ESC in Schweden vor allem Anlass für ausgelassene Fernsehabende, schon beim eigenen Teilnehmercasting namens „Melodifestivalen“. Nun reisen Sängerinnen und Sänger sogar aus ganz Europa an – samt Israels Vertreterin Eden Golan. Doch die Feierstimmung ist stark getrübt.

Die Säpo, Schwedens Inlandsgeheimdienst, habe Befürchtungen, dass radikale Islamisten das Event zum Anlass für terroristische Attacken nehmen, sagt Jörgen Holmlund im Gespräch mit IPPEN.MEDIA. Der Sicherheitsexperte der Försvarshögskolan (Verteidigungshochschule) in Stockholm hält auch für möglich, dass Radikale verschiedener Couleur friedliche Kundgebungen kapern. Und es gibt weiteren Zündstoff; buchstäblich: Bei den Behörden ist auch ein Antrag auf Genehmigung einer Koranverbrennung eingegangen, ein unter anderen bei Rechtsradikalen in Skandinavien beliebtes Betätigungsfeld.

„Ich denke, es wird enorm große Proteste geben“, sagt Holmlund mit Blick auf die ESC-Woche, 50.000 bis 100.000 Demonstrierende seien zu erwarten. Der ESC generiere Aufmerksamkeit für alle möglichen Anliegen, auch abseits schwedischer Debatten; nun etwa in Sachen Krieg in Israel. Holmlund ist abseits polizeitaktischer Fragen aber vor allem eines wichtig: Schweden müsse trotz Probleme dieser Art weiter die Meinungsfreiheit hochhalten – dabei aber alle jüdischen, israelischen und pro-israelische gesinnten Menschen schützen.

ESC in Schweden – und „große Sorge“ um Gewalt bei Nahost-Protesten: Greifen die Lehren aus Göteborg?

„Es gibt immer wieder Rufe, die Redefreiheit einzuschränken“, sagt Holmlund. Das gelte insbesondere, wenn Israels Regierung Stein des Anstoßes sei: „Alleine schon wegen des Umstandes, dass es um wenige radikale Protestierende geht, die aber große Sorge wecken.“ Holmlund warnt vor dem Ziehen falscher Konsequenzen. „Wenn es dabei um 500 von 100.000 Demonstranten geht, dann würde das bedeuten, dass ein kleiner Bruchteil eine riesige Auswirkung auf all die anderen hat – und auf ihren völlig legitimen Anspruch, ihre Meinung zum Thema kundzutun.“

„Durch Musik vereint“ – oder auch nicht: Starke Polizeipräsenz wird steter Begleiter des ESC 2024 in Malmö sein.

Schweden und seine Polizei haben ungute Erfahrung mit solchen Problemlagen gemacht. Im Jahr 2001 fand der EU-Gipfel in Göteborg statt, gute 250 Kilometer nördlich von Malmö. Die Polizei bekam damals Ausschreitungen einer kleinen Teilgruppe nicht in den Griff, ein Polizist feuerte auf Demonstranten. „Wir sind überrascht worden“, meint Holmlund. Damals sei friedlicher Protest gekapert worden – von Menschen, „die wirklich gewalttätige Szenarien herbeiführen wollten“.

Pro-Palästina-Kundgebung und womöglich Koranverbrennung: „Brisanz“ beim ESC in Schweden

„Das ist der Aspekt, der mir Sorge bereitet“, sagt Holmlund: „Die Gewalttäter müssen ferngehalten werden. Wahrscheinlich werden sie aber in der Menge der friedlichen Protestierenden nicht leicht zu erkennen sein.“ „Was wir aus Göteborg 2001 gelernt haben, ist, dass riesige Demonstrationen schwer zu schützen sind“, fügt er hinzu. „Gut zu schützen in dem Sinne, dass den Menschen nichts passiert und sie ihren Protest in einer guten Weise durchführen können, auch jetzt in Malmö.“

Als mögliche Unruhestifter sieht der Experte Islamisten und Linksextreme einerseits. Weitere „Brisanz“ gerade in Gegenwart propalästinensischer Gruppen ergebe sich durch eine mögliche Koranverbrennung. „Ich denke, das würde einen Einfluss auf die weiteren, hoffentlich friedlichen, Proteste haben“, warnt Holmlund. Er vermutet, dass frühere Aktionen dieser Art von einem „anderen Land orchestriert wurden“, das sei allerdings noch nicht bewiesen.

Sein Rat für die Behörden lautet, eine mögliche Genehmigung nur für einen Ort fernab des Geschehens zu erteilen. Ob Koranverbrennungen von der Meinungsfreiheit gedeckt sind, ist in Schweden seit Längerem eine umstrittene Frage – in die sich auch die hart rechten Schwedendemokraten einmischen. Schweden stehe als „ziemlich offenes, freies, liberales Land“ besonders im Fokus, meint Holmlund – und zu jeder Aktion dieser Art gehöre im Land eben auch eine große Gegendemonstration.

Polizei beim ESC in Malmö vor Mammutaufgabe – „Regen wäre bester Freund der Sicherheitskräfte“

Die Polizei steht jedenfalls vor einer Mammutaufgabe. „Wenn es warm ist, wird es für die Polizistinnen und Polizisten anstrengend. Wenn man von morgens bis in den Nachmittag hinein steht, in Spezialausrüstung und mit begrenzter Pausenzeit, wird man müde“, schildert der frühere leitende Polizeimitarbeiter Holmlund. Auch wenn die Zahl der Sicherheitskräfte prinzipiell ausreichend sei, werde es unmöglich sein, überall Präsenz zu zeigen.

Mutmaßlich werde Schwedens Polizei die ESC-Tage über mit einem Großaufgebot vor Ort sein, sagt der Experte – inklusive Hundestaffeln oder auch Bombenentschärfungsexperten; Unterstützung komme aus Dänemark, das nur eine kurze Fahrt über die Öresundbrücke entfernt liegt. Involviert seien mutmaßlich auch Geheimdienste aus den Teilnehmerländern, darunter eben auch Israel. Offiziell angekündigt ist bereits Drohnenüberwachung des Stadtgebiets – das könne tatsächlich helfen, Krawallmacher schneller auszumachen und zu verfolgen, als das vom Boden oder mit einem einzelnen Hubschrauber möglich wäre, meint Holmund.

Er hat mit Blick auf mögliche Demonstrationen und Proteste rund um den ESC aber auch eine eher banale Hoffnung: „Generell freue ich mich über gutes Wetter. Aber richtig starker Regen wäre in diesem Fall der beste Freund der Sicherheitskräfte.“ (Florian Naumann)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Johan Nilsson/TT

Kommentare