Vier Jahre Taliban-Herrschaft: „Die größte Gefahr für Afghanistan ist, dass Europa jetzt wegsieht“
VonPaula Völkner
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In Afghanistan herrscht eine humanitäre Krise. Besonders Frauen und Mädchen leiden unter der Taliban-Herrschaft. Ein Interview mit Christina Ihle.
Kabul/Hamburg – Im August 2021 haben die radikal-islamistischen Taliban in Afghanistan erneut die Macht übernommen: heute, am 15. August 2025, jährt sich die Machtübernahme der Terrorgruppe zum vierten Mal. Im Land herrscht eine humanitäre Krise; Bürger- und Menschenrechte werden von den Taliban unterdrückt – vor allem Frauen und Mädchen leiden unter der Terror-Herrschaft. Rechte von Frauen und Mädchen auf Bildung, Arbeit und Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum sind unter der Herrschaft der Taliban extrem eingeschränkt; Frauen sind vom öffentlichen Leben ausgeschlossen.
Christina Ihle ist Geschäftsführerin des Afghanischen Frauenvereins in Hamburg und setzt sich mit der Organisation für Familien und besonders Mädchen und Frauen in Afghanistan ein. Ihle steht in regelmäßigem Kontakt mit Menschen vor Ort und reist immer wieder selbst nach Afghanistan. Im Interview mit fr.de von Ippen.Media spricht die Geschäftsführerin der Organisation über die Lage vor Ort – insbesondere für Frauen und Mädchen –, die Herausforderungen ihrer Arbeit und die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft.
Nach vier Jahren Taliban-Herrschaft: „Lage für Frauen hat sich dramatisch verschlechtert“
Es sind nun vier Jahre vergangen, seit die Taliban wieder an die Macht kamen. Wie hat sich die Situation für Frauen und Mädchen entwickelt?
Die Lage hat sich leider dramatisch verschlechtert für Mädchen und Frauen, aber auch für die gesamte Bevölkerung. Für Mädchen und Frauen wurden von der de facto Regierung allein 100 Erlasse verabschiedet, die ihre Rechte einschränken, auf sehr unterschiedliche Weise. Der sicherlich dramatischste Einschnitt ist das Schulverbot für Mädchen ab Klasse 7. Mädchen dürfen danach in Afghanistan nur noch bis nach der Grundschule zur Schule gehen, die geht bis zur sechsten Klasse und danach sind ihnen jegliche Ausbildungsmöglichkeiten, Berufsmöglichkeiten verwehrt und das nimmt natürlich einer ganzen Generation die Zukunft.
Wir merken das schon jetzt: Als Organisation betreiben wir acht Mutter-Kind-Kliniken im abgelegenen ländlichen Raum. Frauen dürfen dort nur noch von Frauen medizinisch behandelt werden und wir finden kaum mehr ausgebildetes medizinisches Fachpersonal, das weiblich ist. Viele Akademikerinnen haben das Land verlassen, wo immer sie konnten. Jetzt versiegt die nachwachsende Ärztinnen-Generation.
Wenn die Hälfte der Bevölkerung systematisch vom öffentlichen Leben ausgeschlossen wird, welche Auswirkungen hat das auf die gesamte Gesellschaftsstruktur Afghanistans?
Das verändert natürlich alles. Wir hatten zum Beispiel gerade eine Einweihung einer neu eröffneten Mutter-Kind-Klinik. Zu dieser offiziellen Einweihung konnten nur Männer kommen, obwohl diese Klinik zu 80 Prozent Kinder und Frauen versorgt. Das ist bizarr, natürlich auch für uns, für unsere westlichen Augen. Konkret hat das natürlich viele unterschiedliche Folgen: dass die Belange von Frauen und Mädchen dadurch oft nicht mitbedacht werden, weil Männer einfach andere Dinge sehen oder Herausforderungen haben als Frauen.
Die größte und schlimmste Konsequenz für Afghanistan, seine Zukunft und auch Wirtschaft aber bleibt, dass die weibliche Akademikerinnen-Generation nicht nachwachsen kann und Frauen systematisch von der Berufswelt und damit von Einkommen ausgeschlossen werden.
Kabul 2023: Ein Taliban-Kämpfer steht Wache, während Frauen darauf warten, von einer humanitären Hilfsorganisation verteilte Lebensmittelrationen zu erhalten.
Humanitäre Krise in Afghanistan: „Unglaubliche Abwärtsspirale“
Neben den politischen Entwicklungen verschärft sich auch die humanitäre Krise in Afghanistan. Wie hat sich diese Gemengelage ausgewirkt?
Generell haben nicht nur der Machtwechsel, sondern auch fünf Dürren in Folge zu einer humanitären Not im Land geführt, die unfassbar ist – in der Schnelligkeit und auch im Ausmaß. Diese humanitäre Not wird leider oft komplett vergessen, weil man bei den vielen anderen Krisen weltweit nicht mehr nach Afghanistan schaut.
Doch hier sind weiterhin 23,9 Millionen Menschen, die humanitärer Hilfe bedürfen, um überleben zu können. Es sind 15 Millionen Kinder, die hungern, 3 Millionen davon wirklich lebensbedrohlich. Seit März wurde die staatliche Hilfe von den US-Amerikanern gekürzt, das war der größte Hilfsgeber für Afghanistan. 420 Kliniken mussten daraufhin schließen – auch 300 Ernährungszentren für mangelernährte Kinder. Wir merken vor Ort leider eine unglaubliche Abwärtsspirale mit großen humanitären Konsequenzen.
Afghanistan unter der Taliban-Herrschaft: „Die größte Gefahr ist, dass Europa jetzt wegsieht“
Sie erwähnen die Kürzung der US-Hilfe unter Präsident Donald Trump, aber auch aus Europa fließt immer weniger Entwicklungshilfe nach Afghanistan. Gleichzeitig haben die westlichen Staaten nach dem Abzug 2021 eine besondere Verantwortung. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Das ist verheerend. Auch Deutschland hilft nur noch sehr zögerlich in Afghanistan und viele Hilfsakteure ziehen sich aus Afghanistan mehr oder minder zurück. Das Welternährungsprogramm konnte im letzten Jahr nur noch halbe Rationen verteilen, Rationen, von denen viele Menschenleben abhängen.
Die größte Gefahr für Afghanistan – auch für die Mädchen und Frauen vor Ort – ist, dass Europa jetzt wegsieht; dass man nicht mehr hinschaut, was vor Ort passiert. Denn das öffnet natürlich Türen und Tore für Entwicklungen, die wir alle damals vor vier Jahren befürchtet haben. So ist es wichtig, weiter vor Ort zu bleiben, auch aus sicherheitsrelevanten Aspekten, denn wenn eine humanitäre Not so gärt, dann ist Radikalisierung sehr einfach.
Wegschauen und den Kopf in den Sand zu stecken, halte ich für brandgefährlich.
Gleichzeitig wird in Deutschland über Abschiebungen nach Afghanistan diskutiert – Innenminister Alexander Dobrindt fordert Gespräche mit den Taliban für Rückführungen. Wie bewerten Sie das?
Ich bin Vertreterin der These: Reden sollte man selbst mit dem größten Kriegsfeind. Und Reden bedeutet für mich nicht, den anderen in seinen Ideologien, Taten oder als Regierung anzuerkennen. Ganz und gar nicht. Es hilft aber zu verstehen, was den anderen antreibt und wo es Spielräume für Verhandlungen gibt, oder auch nicht. Insofern finde ich Gespräche an sich nicht verwerflich.
Verwerflich finde ich aber, dass diese aktuell von Deutschland aus nicht geführt werden, um die Lebenssituation der Menschen in Afghanistan zu verbessern und Gründe für Migration an der Wurzel zu packen, sondern allein dafür, ein rein innenpolitisches Thema voranzutreiben, nämlich Abschiebung.
Vier Jahre Taliban-Herrschaft in Afghanistan: Forderungen an die internationale Gemeinschaft
Was sind Ihre Forderungen an die internationale Gemeinschaft?
Das Wichtigste ist, Afghanistan nicht zu vergessen, sondern dranzubleiben; vor Ort zu bleiben, einerseits mit Hilfe, andererseits aber auch im Gespräch zu bleiben vor Ort, um immer wieder auch diplomatische Möglichkeiten erspüren zu können, wie die humanitäre Lage vor Ort verbessert werden kann, insbesondere auch für Mädchen und Frauen. Wegschauen und den Kopf in den Sand zu stecken, halte ich für brandgefährlich.
Sie arbeiten in Afghanistan nach dem Konzept der „Hilfe zur Selbsthilfe“. Funktioniert das noch unter den aktuellen Bedingungen?
Ja, das geht. Es gibt viele neue, auch bürokratische Hürden, aber wenn man diese genommen hat, kann man sehr gut arbeiten. Wir leisten einerseits Hilfe zur Selbsthilfe, indem wir Strukturen schaffen, medizinische Strukturen mit acht Mutter-Kind-Kliniken, die über 190.000 Menschen im Jahr versorgen, zum Beispiel. Wir bohren aktuell Solarbrunnen und Wassersysteme, die 12.000 Menschen erreichen und ihnen wieder Ernten ermöglichen. Wir haben auch fünf Schulen für 5.000 Kinder, 3.000 davon sind Mädchen.
Zur Person
Christina Ihle ist seit 2021 Geschäftsführerin des Afghanischen Frauenvereins in Hamburg. Ihle arbeitete bereits zuvor jahrelang in der Nothilfe- und Entwicklungszusammenarbeit. Der Afghanische Frauenverein wurde im Jahr 1992 von 12 afghanischen Frauen in Deutschland gegründet. Die Organisation arbeitet seit über 30 Jahren für den Wiederaufbau und Frieden in Afghanistan, mit besonderem Fokus auf die Unterstützung von Frauen und Kindern. Der Afghanische Frauenverein führt Programme der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit – in den Bereichen: Bildung und Ausbildung, Gesundheit, Trinkwasserversorgung, Überlebens- und Winterhilfe für Familien in extremer Not.
Wie konkret hat sich die Taliban-Politik auf Ihre tägliche Arbeit ausgewirkt?
Wir sind sehr, sehr streng kontrolliert in allem, was wir tun. Ein Beispiel ist die strenge Geschlechtertrennung. Wir haben zwei gemischte Schulen, wo vormittags die Mädchen unterrichtet werden, nachmittags die Jungen. In der jeweiligen Schicht dürfen keine andersgeschlechtlichen Menschen im Gebäude sein und das wird regelmäßig und spontan kontrolliert.
Wir müssen auch für alle Kolleginnen – 60 Prozent unserer Teams sind weiblich – einen sicheren Transport zum Arbeitsplatz stellen: Also zu Hause abholen, zum Projekt bringen und dort absetzen. Denn für sie ist das Gefährliche der Weg von A nach B. Vor Ort sind sie dann geschützt von den Dorfgemeinschaften, die uns sehr unterstützen in unseren Projekten und eigentlich der Garant auch für die Sicherheit der Kolleginnen vor Ort sind.
Sie sprechen die Dorfgemeinschaften an: Können Sie erklären, wie diese lokale Verankerung funktioniert und warum sie so wichtig ist?
Das ist unser Prinzip: Wir arbeiten nur dort, wo wir gerufen werden. Und die Dorfgemeinschaften verpflichten sich im Gegenzug, sich aktiv einzubringen. Der Grund und Boden zum Beispiel, auf dem ein Brunnen, eine Schule oder Klinik entsteht, muss von der Dorfgemeinschaft bereitgestellt werden. Sie bringt sich mit Arbeitskraft und Zeit ein. In monatlichen Dorf-Schuras werden die Probleme eines Projektes gemeinsam besprochen – und gemeinsam gelöst. Dabei können die Dorfältesten Herausforderungen oft viel besser angehen, als wir es jemals könnten – gerade mit den lokalen Behörden.
Auch vier Jahre nach der Taliban-Machtübernahme in Afghanistan: Hoffnung „gibt es immer“
Gibt es trotz der dramatischen Lage in Afghanistan Hoffnung?
Die gibt es immer! Und Afghanistan wäre nicht Afghanistan, wenn es nicht immer auch Graubereiche gäbe. Türen, die sich plötzlich öffnen, wenn sich eine andere Tür geschlossen hat. Familien in Afghanistan und gerade ihre Mädchen und Frauen sind unglaublich resilient und sehr erfinderisch, kreativ und mutig, wenn es darum geht, solche Graubereiche zu finden und für sich zu öffnen.
Wie blicken die Frauen in Afghanistan auf ihre Zukunft?
Natürlich mit großer Sorge. Es schmerzt alle zu sehen, dass ihre Töchter keine Chance auf eine weiterführende Bildung mehr haben, dass fantastisch ausgebildete und erfahrene Frauen in vielen Bereichen nicht mehr arbeiten und zum Familieneinkommen beitragen dürfen. Dass Frauen sich ohne männliche Begleitung kaum mehr frei und sicher bewegen können. Und doch geben die Frauen vor Ort nicht auf. „Es gibt immer Licht am Ende des Tunnels“, sagte mir eine unserer Schuldirektorinnen und spiegelt die Haltung vieler Frauen vor Ort damit gut wider. Nicht aufgeben, weitermachen, bestmöglich, das ist ihre Devise und das macht auch uns großen Mut. Dabei stehen sich die Frauen vor Ort mit einer Solidarität zur Seite, die hier in Deutschland sehr selten ist. Davon können wir lernen.