Afghanistan

Mädchen in Afghanistan: „Es droht eine Generation ohne Chance auf selbstbestimmte Zukunft“

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Afghanische Mädchen besuchen eine Schule in Sangin in der Provinz Helmand.
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Vor vier Jahren übernahmen die Taliban in Afghanistan wieder die Macht. Bildungsaktivistin Hila Limar über tiefgreifende Rückschritte, weiter laufende Schulprojekte und die eindrucksvolle Widerstandskraft der Menschen. Ein Interview.

Unter den radikalen Islamisten dürfen Mädchen in Afghanistan maximal bis zur sechsten Klasse den Unterricht besuchen. Lediglich sogenannte Madrasas, Religionsschulen, stehen ihnen danach vereinzelt noch offen. Auch die Gesamtzahl der Kinder in Grundschulen sinkt, etwa weil Frauen als Lehrerinnen fehlen oder Kinder arbeiten müssen, statt zur Schule zu gehen. Durch das Aus des USAID-Programms der USA fallen außerdem andere Bildungsangebote für ältere Mädchen und junge Frauen weg. Welche Chancen auf Bildung Kinder im Land noch haben und was das für die Gesellschaft bedeutet, erklärt Hila Limar, die geschäftsführende Vorsitzende des Vereins „Visions for Children“. Der setzt sich für die Bildung von Kindern in Kriegs- und Krisengebieten ein, neben in Afghanistan etwa auch in Uganda. Limar reist regelmäßig nach Afghanistan und hat viele Kontakte in der afghanischen Diaspora in Deutschland.

Frau Limar, was hat sich seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 für die Menschen in Afghanistan verändert?
In Afghanistan hat sich seit August 2021 eine Polykrise entwickelt, die sich am erschreckendsten durch die Hungersnot zeigt, unter der ein Großteil der Bevölkerung leidet. Rund drei Viertel der Menschen im Land sind laut UN-Angaben auf humanitäre Hilfe angewiesen, fast eine Million Kinder unter fünf Jahren von akuter Mangelernährung betrof㈠fen. Dazu tragen neben dem Einbruch des Wirtschaftssystems auch die Klimakrise, Arbeitsverbote für Frauen, Flucht und Konflikte, massive Einschnitte im Gesundheitssystem und weitere Faktoren bei.
Die deutsche Bundesregierung hat damals ihre Zusammenarbeit mit Afghanistan im Bereich Entwicklung ausgesetzt.
Richtig. Ein Großteil internationaler Fördermittel wurde damals eingefroren oder abgezogen – auch von deutscher Seite. Damit brechen nicht nur Finanzierungen weg, sondern auch Strukturen, die über Jahre aufgebaut wurden. Die Kürzungen kosten Menschenleben. Und sie treffen die einfache Bevölkerung – nicht die De-facto-Regierung.
Dazu kommt jetzt der Kahlschlag in der US-Entwicklungspolitik. Was bedeutet das für die Arbeit vor Ort?
Die Entscheidung der USA, Zahlungen für USAID einzustellen, war ein Schock für die gesamte Entwicklungszusammenarbeit. Sie spiegelt in ihrer Abruptheit vieles, was wir auch nach dem 15. August 2021 in Afghanistan erleben mussten. Auch wenn unsere Organisation nicht von USAID gefördert wurde, sehen wir die Konsequenzen – besonders im Gesundheitsbereich. Kliniken mussten über Nacht schließen, Impfkampagnen abgebrochen werden, Gehälter konnten nicht mehr gezahlt werden. Das setzt nicht nur Strukturen aufs Spiel, sondern auch Vertrauen – in internationale Unterstützung, in Planbarkeit und letztlich in Gerechtigkeit. Und es zeigt sich jetzt schon: Die mittel- und langfristigen Folgen werden global verheerend sein, wenn andere Länder hier nicht in die Verantwortung gehen.

Zur Person

Hila Limar ist geschäftsführende Vorsitzende von „Visions for Children“. Im Alter von drei Jahren floh sie mit ihrer Familie
aus Afghanistan. Die Architektin arbeitete seit 2007 ehrenamtlich in dem Hamburger Verein, bis sie 2018 den Vorsitz übernahm. FR/

Hila Limar.
Ihr Verein engagiert sich im Bildungsbereich. Wie hat sich der Zugang zu Bildung für Kinder verändert?
Afghanistan ist aktuell das einzige Land weltweit, in dem Mädchen der Zugang zu weiterführender Bildung untersagt ist. Nach sechs Jahren Grundschule dürfen sie keine Schule mehr besuchen. Universitäten sind für Frauen ebenfalls verschlossen. Gleichzeitig wurde auch der Zugang von Frauen zum Arbeitsmarkt und zur öffentlichen Teilhabe massiv eingeschränkt. Doch auch Jungen sind betroffen: Bereits vor 2021 herrschten im Schulsystem gravierende Mängel – viele Schulen sind überfüllt oder baufällig. Das hat sich durch fehlende Investitionen in den letzten Jahren nur noch verschärft. Und durch finanzielle Armut und Hunger müssen immer mehr Kinder – Jungen wie Mädchen – arbeiten, anstatt zur Schule zu gehen. Bildung ist unter diesen Bedingungen alles andere als selbstverständlich – aber sie ist wichtiger denn je.

Bildung ist in Afghanistan der Schlüssel zur Teilhabe

Deshalb baut Ihr Verein Schulen, etwa in Mazar-e-Sharif?
Ja. Bildung ist der Schlüssel zu Teilhabe, Resilienz und einem selbstbestimmten Leben – gerade in Krisenregionen. Bildung ermöglicht Kindern, sich eine eigene Meinung zu bilden und später finanziell unabhängig zu leben und Verantwortung in ihrer Gemeinschaft zu übernehmen. Unser Ziel ist es, dort, wo Bildung noch möglich ist – aktuell vor allem an Grundschulen – möglichst hochwertige Lernbedingungen zu schaffen. Denn in vielen Ländern des Globalen Südens zeigt sich, dass Kinder, selbst wenn sie zur Schule gehen, einfache Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben nicht erlernen. Das liegt an schwierigen Lernumständen – Klassen von über 50 Kindern, Unterricht im Freien bei Extremtemperaturen, fehlende Materialien oder fehlendem Zugang zu Wasser an den Schulen. All das sind aber Dinge, wo wir leicht ansetzen können.
Welche Projekte versuchen Sie außerdem voranzutreiben?
Uns ist es wichtig, Bildung ganzheitlich und verankert in den lokalen Gemeinschaften zu betrachten. Gemeinsam mit unseren Partner:innen in den Projektländern entstehen deshalb Programme, zu denen neben Infrastruktur auch Weiterbildungen und Aufklärung gehören, zu Themen wie Gesundheit, Finanzmanagement oder Nachhaltigkeit. Auch Angebote für die mentale Gesundheit werden immer wichtiger. In Afghanistan fördern wir außerdem Berufsausbildungen – etwa in der Schmuckherstellung für marginalisierte Gruppen. Dabei geht es nicht nur um Handwerk, sondern um wirtschaftliche Unabhängigkeit und gesellschaftliche Integration. Und sie können auch ein Weg sein, junge Frauen zu erreichen, denen andere Ausbildungsmöglichkeiten verschlossen bleiben. Punktuell leisten wir auch humanitäre Nothilfe, etwa für afghanische Familien, die aus den Nachbarländern zurück nach Afghanistan deportiert wurden.
Was hat sich für die Arbeit Ihres Vereins durch die Rückkehr der Taliban verändert?
Wir mussten in den letzten Jahren viele Abläufe umstellen und flexibel bleiben: Unser ehemaliges Team wurde evakuiert, neue Strukturen vor Ort mussten unter unsicheren Bedingungen aufgebaut werden. Genehmigungsprozesse sind langwierig und Mitarbeiterinnen müssen zahlreiche Auflagen berücksichtigen. Dennoch gelingt es unseren Partnerorganisationen, Bildungsangebote weiter umzusetzen – mit Anpassungen, aber auch mit großer Wirkung.

NGOs können all diese Herausforderungen nicht alleine bewältigen

Damit Kinder lernen können, benötigen sie aber auch ausreichend zu essen.
Ihre Grundbedürfnisse müssen gedeckt sein – etwa Ernährung, Gesundheit, Sicherheit und ein stabiles Umfeld. In Afghanistan sind viele Familien auf Unterstützung angewiesen, besonders Kinder und Frauen, die häufig benachteiligt sind. Visions for Children setzt bei Bildung an, achtet dabei aber auch auf die nötigen Rahmenbedingungen – zum Beispiel den Zugang zu sauberem Wasser, sanitären Anlagen und eine schulische Umgebung, in der sich auch Mädchen wohl und respektiert fühlen. Gemeinsam mit unseren lokalen Partnern schaffen wir Lernorte, an denen alle Kinder die Chance haben, sicher und gleichberechtigt zu lernen. Aber: Als NGOs können wir all diese Herausforderungen nicht alleine bewältigen. Es braucht auch politischen Willen, Rückhalt und verlässliche Förderungen, um in großem Rahmen einen Unterschied zu machen.
Welchen Stellenwert hat die Unterstützung afghanischer Kinder und Frauen Ihrer Einschätzung nach derzeit in der deutschen Politik?
Wie wir es erleben, leider einen sehr geringen. Die Debatten fokussieren sich auf Abschiebungen und Eigeninteressen, nicht auf Menschenrechte und dringend benötigte Solidarität. Die Unterstützung für Frauen und Kinder in Afghanistan findet da keinen Platz, stattdessen werden entwicklungspolitische Budgets immer weiter gekürzt. Diese Prioritätensetzung ist nicht nur kurzsichtig, sondern menschenrechtlich mehr als fragwürdig.
Apropos kurzfristig: Welche langfristigen Folgen könnte das Verbot der Schulbildung für Mädchen auf die Gesellschaft und die Wirtschaft Afghanistans haben?
Die Auswirkungen sind bereits jetzt gravierend. Erste Studien zeigen, dass der Ausschluss von Mädchen aus Bildung und vom Arbeitsmarkt die afghanische Wirtschaft jährlich rund 5,4 Milliarden US-Dollar kostet. Bildung bedeutet wirtschaftliches Potenzial, aber auch persönliche Verwirklichung. Ohne sie steigt das Risiko von Frühverheiratung, Müttersterblichkeit, Abhängigkeit und finanzieller Armut. Wenn wir heute nicht gegensteuern, wächst eine Generation heran, der jede Chance auf eine selbstbestimmte Zukunft genommen wurde – mit enormen Folgen für Stabilität, Entwicklung und gesellschaftlichen Zusammenhalt im ganzen Land.

Universelle Menschenrechte im aktuellen Diskurs Verhandlungsmasse

Viele Menschen aus Afghanistan sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten nach Deutschland geflüchtet, vor den Taliban, vor dem Krieg – und nun wieder vor den Taliban. Sie haben viele Kontakte in die Diaspora in Deutschland. Worauf hoffen diese Menschen derzeit am meisten?
Was ich in meinem Umfeld erlebe, ist eine große Sorge und auch Schrecken, wie sehr universelle Menschenrechte – ein Leben in Würde, Gleichberechtigung, Sicherheit, Asyl – im aktuellen Diskurs zur Verhandlungsmasse werden. Politische Entscheidungen – seien es finanzielle Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit oder Abschiebungen – gefährden Menschenleben. Dieses Bewusstsein scheint vielen Entscheidungsträger:innen gerade völlig zu fehlen.
Bleiben den Menschen in Afghanistan noch irgendwelche Perspektiven?
Was die letzten Jahre uns als Organisation gezeigt haben, ist, wie wenig wir die Zukunft absehen oder planen können. Was ich im Gespräch mit Menschen in Afghanistan erlebe, ist trotz aller Widrigkeiten ein unheimliches Durchhaltevermögen und Kreativität, sich in kleinem Rahmen Perspektiven zu schaffen. Darin liegt eine unglaubliche Stärke. Gleichzeitig braucht es weiterhin Solidarität und Empathie von außerhalb sowie politischen Druck, um bedeutungsvolle Veränderung zu ermöglichen.
Und was gibt Ihnen Hoffnung?
Ich sehe eine junge Generation, die trotz allem lernen will. Mädchen und Frauen, die versuchen, sich Räume zu schaffen, in denen sie ihre Grundrechte leben können. Lokale Organisationen, die kreative Lösungen finden, weiter zu unterstützen. Ich sehe Hoffnung in kleinen Schritten – in jeder Schule, die gebaut wird, in jedem Mädchen, das weiterlernt. Was mir Hoffnung gibt, ist die Resilienz der Menschen vor Ort – sie ist eine Superkraft der Afghan:innen.

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