Gegenoffensive

„Militärisch das Dümmste, was sie machen können“: Experte spricht vom „Moment der Wahrheit“ im Ukraine-Krieg

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Im Bild: Dmitri Medwedew, ehemaliger Ministerpräsident Russlands, bei einem Treffen mit russischen Militärs (Symbolbild).
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Russland macht in der Gegenoffensive die gleichen Fehler wie im Sommer 2022, so ein Militärexperte. Der Moment der Wahrheit sei für Moskau bald gekommen.

Kiew – Russland scheint aus seinen Fehlern im Ukraine-Krieg nicht zu lernen, analysiert Marcus Keupp, Militärexperte der ETH Zürich, im Gespräch mit dem ZDF am Freitag (6. Oktober). Mit Blick auf die Kampfhandlungen in manchen Frontabschnitten erkennt der Experte, dass Moskau weiterhin viel Material und Truppen in die Schlacht wirft – unter Inkaufnahme hoher Verluste. Keupp sieht auch andere taktische Fehler und glaubt, dass „der Moment der Wahrheit“ für die russischen Truppen spätestens im Winter kommen werde.

Russen werden in Gegenoffensive vor ihren Gräben abgenutzt: „Komplettes Desaster“

Eine Schwäche der russischen Grabensysteme sei eine sehr stark ausgebaute erste Linie, aber eine schwach ausgebaute zweite. „Und dahinter kommt nichts mehr“, so Keupp. Russland kämpfe vor seinen Gräben und unterliege dort einer sehr hohen Abnutzung. Bei Kämpfen bei Uroschajne - rund 50 Kilometer südlich von Robotyne - ließe sich die Abnutzung der Russen deutlich sehen: „Ich bin geneigt, diese ganze Woche [...] als die Woche des russischen Blechhaufens zu betrachten“, so der ETZ-Zürich-Militärexperte. Ein russischer Angriff in Richtung Uroschajne sei gescheitert und habe acht Fahrzeuge zerstört.

Im östlichen Gebiet Donezk habe sich ein ähnliches Lagebild ergeben. Im September habe es zwei große Angriffe nördlich und südlich von Marijinka gegeben, deren Ziel ein Vorstoß in den Raum war. „Das war ebenfalls ein komplettes Desaster“, so der Experte. Auch hier seien alle vorstoßenden Fahrzeuge abgeschossen worden. Zwar sei nicht von klassischen Geländegewinnen in diesem Bereich die Rede, doch zerstörte russische Fahrzeuge tragen zur Abnutzung der Russen bei. Russland gehe mit viel Material und unter Inkaufnahme hoher Verluste und mit großer Brutalität in solche Gefechte.

Deshalb lernen die russischen Truppen aus Sicht des Militärexperten nichts dazu

Manche würden sagen: Die Russen lernen aus ihren Fehlern - oder: Die Russen werden taktisch langsam besser, sagte Keupp dem ZDF. Doch er sei der Meinung: „Sie machen die gleichen Fehler immer wieder“. Auch bei diesem Angriff seien die Russen wieder vor ihren Gräben gestanden. „Das ist militärisch das Dümmste, was sie machen können“, so das Urteil des Experten. „Eigentlich müssten sie sich in die Grabensysteme zurückziehen und in die elastische Verteidigung gehen, dann hätte es die Ukraine viel, viel schwerer da durchzukommen“, erklärte Keupp dem ZDF. Solange die Gräben nicht besetzt und mit Reserven verstärkt seien, mache das russische Vorgehen nicht wirklich Sinn.

Für die Resistenz Russlands, aus Fehlern zu lernen, gebe es verschiedene Gründe. Einerseits liege das an der Hierarchie, in Russland gäbe es keinen Kader von Unteroffizieren, die genaue Kenntnis über die Front hätten. „Es gibt nur die Offiziere und dann die große Kaste der Mannschaften und das ist ein absolut hierarchisches Top-Down-Verhältnis.“ Wenn die Offiziere einen Haltebefehl bekämen, vom russischen Präsidenten Wladimir Putin oder vom russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu etwa, dann würden sich die Offiziere daran halten. Auch wenn das heiße, „dass tausende von Menschen und Systemen draufgehen“, so der Experte. Andererseits belohne Putin zwar Loyalität, aber nicht Kompetenz – insbesondere im Führungskader.

Russische Nachschublager leeren sich: „Moment der Wahrheit spätestens diesen Winter“

Man sehe noch immer die russische Strategie aus dem Sommer 2022: „Alles kaputt schießen und vorrücken. Aber beides wird schwierig, weil sie immer weniger Artillerie haben“, so Keupp. „Die größte artilleristische Armee des eurasischen Kontinents ist mittlerweile so abgenutzt, dass sie eine fast gleiche Feuerfrequenz hat wie die Ukraine“. Die Nachschublager Russlands würden immer leerer, wie Satellitenbilder zeigen. Das alles zeichne ein Bild von einer Armee, die sich bisher auf ihre Reserven verlassen habe. „Doch dieses Argument gilt zunehmend nicht mehr“, meint der Experte. Und was mache Russland dann? „Das ist ein Moment der Wahrheit, der spätestens diesen Winter für die russische Armee kommen wird“, prophezeite Keupp im Gespräch mit dem ZDF.

Indes läuft die Gegenoffensive der Ukraine weiter. Wie die Kriegsexperten des Institute for the Study of War (ISW) in ihrem täglichen Lagebericht vom Freitag feststellten, konnten die russischen Streitkräfte im Gebiet Orichiw eine Rotation durchführen und damit zeigen, dass sie die Verteidigung dieses kritischen Frontabschnittes aufrechterhalten können. Indes setzte die Ukraine ihre Gegenoffensive in der Nähe von Bachmut fort und rückte am Freitag in Saporischschja vor, so der ISW-Bericht.

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