VonStephanie Munkschließen
Die Temperaturen sinken im Ukraine-Krieg, der Winter naht. Putin setzt darauf, dass dies die Ukraine in die Knie zwingt - doch die könnte die Kälte sogar zu ihrem Vorteil nutzen.
Kiew - Kein Strom, keine Heizung - das ist in der Ukraine derzeit an der Tagesordnung. Seit mehr als zwei Wochen bombardiert Russland im Ukraine-Krieg das Energienetz und zerstörte schon mehr als 30 Prozent der Stromanlagen des Landes. Der staatliche Energiekonzern kappt immer wieder landesweit die Stromversorgung, um großflächige Blackouts zu vermeiden.
Putin bombardiert Energienetz: Winter könnte für Ukraine verheerend werden
Und bald kommt der Winter. Für viele Ukrainer könnte dieser verheerend sein - bei Temperaturen unter null Grad, ohne Strom und Heizung, für viele sogar ohne ein von Bomben versehrtes Heim. Und genau darauf scheint Russlands Präsident Wladimir Putin bei seinem brutalen Angriffskrieg zu setzen: Dass der Winter die Ukraine dazu zwingt, aufzugeben, aus schierer Verzweiflung.
Doch ob es wirklich so kommen wird, ist nicht ausgemacht. Das schreibt zumindest der Militärstratege Mick Ryan vom „Zentrum für Strategie und internationale Studien“ in einem Gastbeitrag für die australische Tageszeitung The Syndney Morning Herald. Er glaubt, die Ukraine könne den Winter letzten Endes sogar zu ihrem Vorteil nutzen. „Kriege können geführt und Schlachten bei extremsten Wetterbedingungen gewonnen werden, einschließlich der Tiefen des Winters“, betont er. Beispiele aus der Geschichte gebe es, wie der als „Winterkrieg“ bezeichnete sowjetisch-finnische Krieg 1939, bei dem Finnland David-gegen-Goliath-gleich als Sieger hervorging.
Ukraine-Krieg: Russland und Ukraine haben unterschiedliche Strategien für Winter
Die unterschiedlichen Strategien der beiden Länder für den Winter sprächen für die Ukraine, so der Experte: Russland fahre die Taktik, die Frontlinie irgendwie über die Wintermonate hindurch bis ins Jahr 2023 zu halten. Die Ukraine dagegen werde offensiver agieren: „Sie werden den Schwung, den sie mit ihren Offensiven in Cherson und Charkiw erzeugt haben, behalten und wahrscheinlich den Winter als Gelegenheit nutzen, um ihr Territorium weiter zurückzuerobern“, prognostiziert Ryan.
Dabei gehe es nicht allein darum, sich dem Winter anzupassen, sondern ihn durch innovative Methoden gegen einen „schlecht angepassten Feind“ einzusetzen. Dass die Ukrainer über die nötige Kampfkraft und das Durchhaltevermögen dafür verfügten, hätten sie in den vergangenen acht Monaten unter Beweis gestellt.
Der Winter naht im Ukraine-Krieg: Selenskyj schwört auf Durchhalten ein
Einfach werde der Winter aber nicht, räumt der Experte ein: Warme Kleidung, warmes Essen und ein warmes Heim seien essenziell, um eine Armee über die kalten Monate zu bringen. Panzer mit ihrer typischen dunklen Tarnung sind vor dem weißen Hintergrund des Schnees viel leichter zu erspähen. Doch auch die russischen Truppen sind schlecht ausgestattet. Immer wieder gibt es Berichte von Plünderungen, weil die russischen Soldaten selbst kaum Ausstattung und Material besäßen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj jedenfalls schwor sein Volk schon auf Durchhalten ein. „Russlands einzige Taktik ist der Terror“, prangerte der ukrainische Präsident Selenskyj am Donnerstag (27. Oktober) in seiner allabendlichen Videoansprache die Zerstörung der Energieinfrastruktur in seinem Land an. Und konterte kampfeslustig: Dunkel sei nicht ein Leben ohne Licht, sondern ohne Freiheit. Auch den harten Winter würden die Ukrainer überstehen, sagte er voraus: „Wir haben keine Angst vor der Dunkelheit.“ (smu)
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