Die Trump-Putin-Connection: „Eine radikale, extrem schnelle Annäherung“
Trump und Putin arbeiten Hand in Hand, sagt der Kreml-Experte Régis Genté. Der US-Präsident teile Positionen und Propaganda des früheren Erzfeindes.
Zuerst eine Frage, die vor ein paar Jahren undenkbar erschienen wäre: Steht der Präsident der Vereinigten Staaten, der mächtigste Mann der Welt, unter russischer Kontrolle?
Ich würde eher von Einfluss als von Kontrolle sprechen. Diesen Einfluss muss man aber präzisieren.
Bitte.
Der Moskauer Geheimdienst FSB – Nachfolger des KGB – würde sagen, der US-Präsident sei „russlandkompatibel“. Er hegt keine große Liebe für die liberale Demokratie, er verehrt starke Machthaber, und er glaubt in den internationalen Beziehungen nur an Machtkonstellationen und Einflusszonen, in denen die jeweilige Großmacht ihre Kontrolle – und das auch mit Gewalt – ausübt. Trump bewundert beispielsweise den ehemaligen republikanischen US-Präsidenten Theodore Roosevelt für dessen Auslegung der Monroe-Doktrin, die den amerikanischen Kontinent dem Einfluss der USA zuschlug. Zudem gibt es zwischen Trump und Russland eine alte und enge Beziehung, eine Geschichte, die etwa 40 Jahre zurückreicht und die klar aufzeigt, unter welchem Einfluss Trump steht.
Wie genau?
Es gibt keine Beweise, aber viele Indizien, dass Trump das ist, was man im KGB-Jargon einen „vertraulichen Kontakt“ nennt. Seine erste Russlandreise von 1987 wurde zweifellos vom KGB organisiert. Trump war wohl nie Agent, er wurde auch nicht durch sexuellen „Kompromat“ erpresst. Tatsache ist, dass er nach seiner Rückkehr aus Moskau auf einmal russische Argumente wiedergab. Seine Forderung, die Europäer müssten mehr für die Nato zahlen, stammt von dort, auch wenn damals schon Ronald Reagan diesen Diskurs führte. Dafür wurden in den USA aus Moskau kommend Gerüchte gestreut, Trump wäre ein guter Präsident.
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Muss man von einer eigentlichen Russland-Connection Trumps sprechen?
Absolut. Der damalige Immobilienmagnat wurde von einflussreichen Russen umworben; sie investierten Geld in seine Projekte, kauften Immobilien zu überhöhten Preisen, bauten ihn politisch auf. Diplomaten, Oligarchen, auch die russische Mafia spielten mit. Viele dieser hochrangigen Persönlichkeiten sind in der „roten Mafia“ und gleichzeitig in der russischen Politik und Geheimdienstszene. Das russische Ballett um Trump half über die Jahre mit, seine Präsidentschaftskandidatur in die Wege zu leiten. Ein Geschäftspartner Trumps schrieb 2015 in einer Email, was auch den Titel meines Buches ergab: „Wir sind in der Lage, unseren Mann ins Weiße Haus zu bringen.“ Gemeint war Trump.
Ein Jahr später gewann er den Wahlkampf wirklich.
Unter anderem, weil der russische Geheimdienst durch Cyberangriffe und Fake News massiv in die Kampagne eingriffen hatte, wie wir heute wissen.
Danach traf Präsident Trump Wladimir Putin zweimal, 2017 in Hamburg, das zweite Mal 2018 in Helsinki. Wie würden Sie diese Treffen einstufen?
Sie waren sehr speziell. Bei diesen mehrstündigen Gesprächen verlor der sonst so selbstherrliche US-Präsident jeden Biss. Er wurde harmlos wie ein Schulbub vor seinem Lehrer. Putins Gefühle für sein Gegenüber sind viel aggressiver: Er verachtet den Amerikaner und die Dekadenz der USA, aber zugleich bewundert und beneidet er die Wirtschaftskraft der USA. Als guter KGB-Mann hat er im Psychologiekurs gelernt, wie man Leute wie Trump mit Schmeicheleinheiten herumkriegt.
Régis Genté ist ein französischer Publizist. Sein Spezialgebiet ist die ehemalige Sowjetunion. Er lebt und arbeitet seit zwanzig Jahren in Tiflis (Georgien). Seine Biografie über den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj wurde in 13 Sprachen übersetzt. Sein neues Buch heißt „Unser Mann in Washington“ – womit Donald Trump aus der Sicht des Kremls gemeint ist. sb
Das weiß man nicht. Gegen alle Gepflogenheiten wurden die Gespräche nicht protokolliert; meist war nur Putins Dolmetscher dabei. Man weiß nicht, was die beiden besprochen haben. Man sah nur eines: Trump schenkte Putins Dementis seiner Wahleingriffe mehr Glauben als den US-Geheimdiensten. Er brachte Putin den Schmus, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Generell behandelt er Putins Land wie einen gleichwertigen Akteur, obwohl Russland nur die neuntgrößte Wirtschaftsmacht ist.
Nahestehende sagten schon, Trump werde von Putin regelrecht in den Bann geschlagen.
Auf jeden Fall versucht er Putin zu imitieren, wie Trumps 2019 zurückgetretene Europa- und Russlandberaterin Fiona Hill erzählte. Trump wolle die USA auf eine ebenso autoritäre Art führen und versuche, Putin sowohl in seiner Regierungsführung als auch in seiner Kommunikation nachzuahmen.
So unterschiedlich die beiden sind, weist ihr Werdegang nicht Gemeinsamkeiten auf?
Ja, in einem Punkt. Putin und Trump stammen beide nicht aus ihrer jeweiligen Hauptstadt und waren dort Outsider. Beide mussten sich den Weg dorthin ebnen; sie verkehrten mit Mafiosi, korrumpierten Oligarchen und hassen die bequemen Landeseliten und die Hauptstadt-Intelligenzia. Das prägt.
Wie weit geht ihre ideologische Nähe?
Trump steht nicht nur unter dem Einfluss Putins, sondern auch von russophilen Ex-Beratern wie Michael Flynn, von dem ein amerikanischer Enthüllungsjournalist sagte: „Flynn war ein Draufgänger, ein Falke, ein knallharter Kopf – aber eine Taube, wenn es um Russland ging.“ Er musste von seinem Posten zurücktreten, weil er über seine Treffen mit dem russischen Botschafter in Washington gelogen hatte. Flynn ist heute im Ukraine-Krieg für Russland, so wie er allgemein für das Recht des Stärkeren eintritt. Anders als in der Innenpolitik ist der US-Präsident außenpolitisch weitgehend frei. Und so wie Putin die Ukraine annektieren will, möchte Trump eben Grönland einheimsen. Beide wollen den regionalen Einfluss ihrer Großmacht autoritär sichern, die USA in Amerika, Russland im postsowjetischen Raum.
Genau. So verhält sich Trump auch gegenüber dem Selenskyj. Er bezeichnet ihn als Diktator und Kriegstreiber, obwohl wir wissen, dass Selenskyj 2019 mit der Absicht gewählt wurde, Frieden mit Putin zu schließen. Hinter den ständigen Lügen über Selenskyj steckt klar die Absicht, ihn zu zerstören, um ihn von der Macht zu entfernen. Darin sind sich Trump und Putin einig. Seit Beginn seines zweiten Mandates macht Trump in den Verhandlungen über den Ukraine-Krieg nur Selenskyj Auflagen, nicht Putin. Der Clash im Weißen Haus war eine Inszenierung, um den ukrainischen Präsidenten zu diskreditieren und zu demütigen. Damit wollte er die amerikanische Öffentlichkeit darauf vorbereiten, dass die USA die Ukraine nicht mehr unterstützen wollen.
Wurde das bei dem langen Telefongespräch zwischen Trump und Putin Mitte Februar dieses Jahres in die Wege geleitet?
Das weiß man nicht. Sicher ist, der Kreml-Sprecher sagte diese Woche, dass Russland in Bezug auf die Außenpolitik völlig mit Trump übereinstimmt. Das ist eine radikale, extrem schnelle Annäherung. Gemein ist ihnen ein Gemisch aus Populismus und Oligarchie. Putin würde dieses autokratische System gerne in die USA exportieren. Er will die amerikanische Demokratie zerstören, allein schon, um indirekt sein eigenes Regime zu legitimieren.
Donald Trump wäre bei Putins Vorhaben dabei, die amerikanische Demokratie zu zerstören?
Während der ersten Amtszeit verteidigten noch viele hohe US-Beamte die Landesinteressen. Dazu gab es „adults in the room“ (Erwachsene im Raum), die zu den klassischen Konservativen zählten. Von ihnen hat sich Trump gänzlich losgelöst. Er arbeitet gezielt daran, die gesamte US-Administration zu zerstören, und hat begonnen, die CIA, das FBI und andere Behörden zu demontieren. Ziel ist es, das Land nicht demokratisch, sondern mit loyalen Anhängern zu regieren. Mitglieder seiner Familie werden für wichtige Posten nominiert; in Paris soll zum Beispiel Jared Kushners Vater Botschafter werden. Trump will nicht mehr in einem etablierten Staatswesen regieren, sondern in einem System der persönlichen Loyalität – genau wie Putin in Russland. Man sieht: Die beiden arbeiten Hand in Hand. Vergangene Woche hat Trump die US-Dienste angehalten, die Ermittlungen gegen russische Hacker und Fake News-Verbreiter einzustellen. Putin soll seine Propaganda in den USA ungehindert verbreiten dürfen. Das sagt alles.