VonStefan Schollschließen
Tschetschenenführer Kadyrow droht im Streit um den Versandhandel Wildberries einem Kontrahenten.
Ramsan Kadyrow trug ein schwarzes T-Shirt mit Wolfsgesicht und gab sich selbst grimmig. „Es gibt Zeugen, Leute, die von ihnen beauftragt wurden“, erklärte der Chef der Tschetschenenrepublik laut der Agentur Tass am Donnerstag vor den Kommandeuren seiner Sicherheitskräfte. „Wenn sie nicht das Gegenteil beweisen, erkläre ich Barachojew, Kerimow und Kurbanow offiziell die Blutrache.“
Kadyrow, der nach Ansicht von Menschenrechtler:innen selbst viele politische Gegner „in Auftrag gegeben hat“, flirtet gern mit dem archaischen Gewohnheitsrecht des Kaukasus. Erst im Juni drohte er nach einem Terrorakt in der Nachbarrepublik Dagestan den Familien der Täter mit blutiger Rache, zwei Jahre vorher hatte er vorgeschlagen, dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyij die Blutrache zu erklären.
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Jetzt aber richtete Kadyrow seinen Zorn gegen den russischen Senator und dagestanischen Oligarchen Sulejman Kerimow, laut forbes.ru zehnfacher Dollarmilliardär und der starke Mann der Nachbarrepublik Dagestan im Osten. Außerdem gegen den dagestanischen Duma-Abgeordneten Riswan Kurbanow und seinen Mitparlamentarier Bekchan Barachojew aus Inguschetien, der tschetschenischen Bruderrepublik im Westen. Kadyrow, der sich selbst gern als „treuer Fußsoldat Putins“ bezeichnet, ist drauf und dran, eine Blutrachefehde gegen nicht minder loyale und kaukasische Vasallen des Kremls anzuzetteln. Und der Kreml schweigt.
Der Streit ist schon seit Monaten im Gange: ein Geschäftsstreit. Es begann als Ehekrieg zwischen Tatjana Bakaltschuk, der Gründerin von Wildberries, Russlands größtem Internetgeschäft, und ihrem Gatten Wladislaw Bakaltschuk. Er hatte die Firma, deren Kapitalwert sich laut forbes.ru auf 7,2 Milliarden Dollar beläuft, mit aufgebaut. Ihre Scheidung gilt als sicher, erst recht, seit im Juni bekannt wurde, dass Tatjana Wildberries gegen den Willen ihres Mannes mit dem Reklamekonzern Russ fusionieren will. Hinter Russ steht laut den Berichten mehrerer Exilmedien der dagestanische Milliardär Kerimow.
Ein Überfall, zwei Tote
Gatte Wladislaw aber, dem juristisch nur ein Prozent von Wildberries gehört, suchte sich auch Rückhalt im Kaukasus. Im Juli veröffentlichte Tschetschenenhäuptling Kadyrow ein Video. Es zeigt ihn mit Wladislaw Bakaltschuk, dem er versprach, Tatjana „in die Familie zurückzubringen“ und sein „legales Business“ zu beschützen. Und Mitte September versuchten etwa 30 Bewaffnete, vor allem tschetschenische Kampfsportler, in das Moskauer Hauptquartier von Wildberries einzudringen. Es kam zu einer Schießerei mit dem inguschetischen Wachschutz. Zwei Inguschen wurden getötet, aber der Angriff scheiterte.
Später gab es Dutzende Festnahmen, laut der Zeitung „Kommersant“ meldete sich ein Großteil der Tatverdächtigen prompt freiwillig für die „Kriegsspezialoperation“ in der Ukraine. Wladislaw Bakaltschuk, der auch unter den Angreifern war, kam ohne Strafverfahren davon. Und Kremlsprecher Dmitrij Peskow sagte, es gebe nichts zu kommentieren.
Kadyrow aber kündigt seinen Gegnern jetzt sogenannten „Ehrenmord“ an. Obwohl die Fachleute sich einig sind, dass die alten Gesetze der Berge Blutrache nur nach wirklichen Gewalttaten erlauben, nicht aufgrund bloßer Verdächtigungen.
Einzig die inguschetischen Familien der erschossenen Wildberries-Verteidiger hätten also ein Recht auf Vergeltung. Und Alexander Tscherkassow, Kaukasusexperte der verbotenen Menschenrechtsgruppe Memorial, bezeichnet Blutrache, die per Internet verkündet werde, als Cyberpunk. Tatsächlich entstellen Kadyrows Sprüche das alte Gewohnheitsrecht. Moskauer Politologen und Juristen verweisen darauf, dass seine Behauptungen und Morddrohungen Tatbestände für polizeiliche Untersuchungen darstellten. Aber selbst Alexander Bastrykin, der sonst so rührige Chef des russischen Ermittlungskomitees, schweigt.
„Wenn die Blutrache als Drohung in den öffentlichen Alltag der Kaukasier zurückkehrt“, sagt ein tscherkessischer Ethnologe anonym, „bedeutet das vor allem, dass der russische Zentralstaat für sie als Ordnungsfaktor verschwunden ist.“ Auch der Krieg um Wildberries mag sich eher auf der Straße als vor Gericht entscheiden.
Rubriklistenbild: © IMAGO/Vyacheslav Prokofyev


