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„Tickende Zeitbombe“: IS-Zeltlager in Syrien gefährden Sicherheit auch in Deutschland

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Die mutmaßliche deutsche IS-Anhängerin Lydia G. kehrt nach Bayern zurück, wie Recherchen von IPPEN.MEDIA und BR zeigen. Sie saß zuletzt einem syrischen Zeltlager fest.

Irgendwann muss es für Lydia G. einen „Point of no Return“ gegeben haben. Einen Zeitpunkt, an dem sie offenbar entschieden hat, ihr Leben in Deutschland aufzugeben und dem Islamischen Staat (IS) in Syrien zu widmen. Was genau seit diesem Zeitpunkt passiert sein mag, ist unklar. Nach Recherchen von IPPEN.MEDIA und dem Bayerischen Rundfunk (BR) scheint allerdings klar: Lydia G. gehört wohl zu den Frauen mit Deutschlandbezug, die zuletzt in einem der beiden kurdischen Gefängnis-Zeltlager al-Hol oder Rodsch im Norden Syriens festsaßen. Am 30. April ist G. den Recherchen zufolge mit ihren vier minderjährigen Kindern zurück in einem Flugzeug der Bundeswehr zurück nach Deutschland gebracht worden.

Islamischer Staat: Zehntausende IS-Kämpfer und ihre Familien leben in Zeltlager

Informationen von IPPEN.MEDIA und BR zufolge ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft München wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in der Terrororganisation Islamischer Staat (IS). G. stammt aus Oberfranken. Vor elf Jahren war sie offenbar über die Türkei nach Syrien gelangt, wo sich ihr damaliger Mann aufhielt, der sich dem IS angeschlossen hatte.

Die Zeltlager Rodsch und al-Hol, in denen sich Lydia G. zuletzt aufgehalten haben soll, liegen in einem Wüstengebiet im Norden Syriens nahe der Grenze zum Irak. Schätzungsweise mehr als 50.000 Menschen leben dort, die meisten sind Frauen und Kinder von Kämpfern der Terrororganisation IS. Darunter sind außerdem rund 10.000 Männer und minderjährige Jungen – mutmaßliche ehemalige IS-Kämpfer – die sich teils seit Jahren dort in Gefängnisbauten aufhalten. Sie stammen aus mehr als 70 Nationen, unter anderem auch aus Deutschland. In den kurdisch geführten Lagern stehen sie unter Bewachung.

US-Präsident Trump zieht sich von Versorgung und Bewachung von IS-Gefängnissen zurück

Die USA haben derweil angekündigt, Gelder für Entwicklungshilfe einzufrieren und sich damit als wichtiger Geldgeber zurückzuziehen. Versorgung und Bewachung der Lager stehen auf dem Spiel, die humanitäre Lage ist nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen schon jetzt schlecht.

Das Gefangenenlager al-Hol in Syrien: Zehntausende Frauen und Kinder sowie IS-Kämpfer leben hier.

Gleichzeitig ist noch unklar, wie die neue syrische Regierung mit den Zeltlagern umgehen wird. In dem von Kurden kontrollierten Gebiet gibt es Öl- und Gasvorkommen, die Begehrlichkeiten wecken könnten, glauben Experten. Sollte es zu Konflikten kommen, hätten die Kurden womöglich nicht mehr genug Kapazitäten, die Bewachung der Lager aufrechtzuerhalten.

Deutsche Behörden beobachten das mit Sorge. Erstens dürfte sich die humanitäre Situation vor Ort schnell verschlechtern. Und zweitens besteht die Gefahr, dass IS-Anhänger die Chance nutzen, auf eigene Faust zu entkommen und zum Beispiel unbemerkt in Deutschland unterzutauchen. Bei vielen Lagerinsassen ist unklar, ob sie sich Straftaten schuldig gemacht haben. Es dürfte aber auch viele geben, die eine maßgebliche Rolle im Islamischen Staat gespielt haben und nach wie vor als radikal-islamistisch gelten. Experten fürchten, dass die Gefahr von IS-Anschlägen in Deutschland steigen könnte.

IS-Rückkehrerin aus Bayern: Studie legt weitere ähnliche Fälle nahe

In den letzten Jahren wurden immer wieder Frauen mit IS-Bezug zurück nach Deutschland gebracht. Aktuell hält sich nach Angaben des Bundesinnenministeriums noch eine zweistellige Zahl aus Deutschland stammender Frauen in den kurdischen Lagern auf. Zuletzt hatte es von deutschen Sicherheitsbehörden geheißen, viele der einst zum IS ausgereisten Frauen wollten nicht wieder nach Deutschland zurückkehren.

Ergebnisse einer Studie der Terrorismusforscherin Sofia Koller vom Counter Extremism Project (CEP) legen indes nahe, dass zahlreiche Betroffene schon seit Jahren versuchen, nach Deutschland zurückzukehren. Auch bei Lydia G. soll es einen Gesinnungswandel gegeben haben, sie will zurück nach Deutschland. Ob und wann ein Prozess gegen die IS-Rückkehrerin starten wird, ist noch nicht bekannt.

IS-Zeltlager in Syrien „tickende Zeitbombe“

Experten fordern schon lange, dass Familien in ihre Herkunftsländer zurückgeführt werden. Nur so ließen sich weitere Radikalisierungsprozesse in den Lagern dauerhaft vermeiden. Derweil gibt es auch Deradikalisierungsprogramme in den Lagern, die unter anderem von der deutschen Bundesregierung finanziert werden. Der Fokus liege dabei auch auf den Kindern der IS-Familien, heißt es nach Informationen vom Bayerischen Rundfunk und IPPEN.MEDIA aus deutschen Sicherheitskreisen. Demnach sei ein Teil der Kinder radikalisiert.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der deutsch-türkischen Parlamentariergruppe, Max Lucks, nannte im Gespräch mit dieser Redaktion die syrischen Zeltlager eine „tickende Zeitbombe“. „Die IS-Terroristen und -Terroristinnen radikalisieren sich dort immer mehr. Wenn dieses Netzwerk aus Al-Hol heraustritt, haben wir ein weltweites Sicherheitsproblem“, so Lucks. „Deutsche Staatsbürger, die dort noch sitzen, müssen auch vor deutsche Gerichte“, forderte der Politiker. „Unsere Politik hat bisher nicht einmal den Schneid bewiesen, ihnen konsequent den Prozess zu machen.“  

Rubriklistenbild: © Bernat Armangue/dpa

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