Bundeskanzler Friedrich Merz wird US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus treffen. Ein Gastkommentar von James Warren Davis.
Kaum jemanden kann die USA, ihre Politik und Donald Trump besser analysieren als er: der amerikanische Politikwissenschaftler James W. Davis. Er ist ausgewiesener Experte für US-Politik und Internationale Beziehungen, lehrt seit Jahrzehnten im deutschsprachigen Raum. Für IPPEN.MEDIA schreibt er regelmäßig über die Lage in den USA und die zweite Amtszeit von Donald Trump.
Vielleicht sollten sie über ihre Flugzeuge sprechen. Das wäre zumindest ein Ansatz, wie Friedrich Merz das Eis brechen könnte, wenn er Donald Trump bei seinem ersten Besuch im Weißen Haus als deutscher Bundeskanzler trifft. Beide Männer teilen eine Leidenschaft für Flugzeuge und die Fliegerei. Und in Wirtschaft und Politik – den Welten, in denen sie sich bewegen – dient der Himmel seit jeher als Bühne für Macht, Prestige und persönliches Flair.
Donald Trumps Interesse an Flugzeugen geht weit über ein bloßes Fortbewegungsmittel hinaus. Bereits in seiner ersten Amtszeit drängte er auf eine auffällige Neugestaltung der Air Force One, des ikonischen Flugzeugs des amerikanischen Präsidenten, mit einem neuen Farbschema, das Nationalismus und Luxus ausstrahlen sollte. Kritiker stellten die Notwendigkeit und die Kosten solcher Veränderungen infrage, doch für Trump ging es darum, das Image seiner Macht zu stärken.
Erst vor einigen Wochen nahm er eine Boeing 747-8 im Wert von rund 400 Millionen Dollar als Geschenk von Katar an und plant, diese zur nächsten Air Force One umzurüsten. Die Modifikationen werden voraussichtlich über eine Milliarde Dollar kosten, was parteiübergreifende Empörung über mögliche Verschwendung und ethische Bedenken hervorruft. Kritiker warnen davor, dass die Annahme eines solch üppigen Geschenks von einer ausländischen Regierung die nationale Sicherheit gefährden und einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen könnte. Doch der Präsident hält an seinen Plänen fest. Die derzeitige Regierungsmaschine ist einfach unter seinem Niveau.
► Er studierte Internationale Beziehungen an der Michigan State University, promovierte 1995 in Politikwissenschaft an der Columbia University und habilitierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wo er bis 2005 lehrte.
► Seit 2005 ist er Professor für Internationale Beziehungen und Direktor des Instituts für Politikwissenschaft an der Universität St. Gallen.
►Davis ist Autor mehrerer Bücher und hat zahlreiche wissenschaftliche Ehrungen erhalten, darunter Gastprofessuren und Fellowships an renommierten Institutionen.
Friedrich Merz zu Besuch in den USA: Bundeskanzler trifft Donald Trump
Jenseits des Atlantiks haben Friedrich Merz‘ Flugabenteuer ihre eigenen Kontroversen ausgelöst. Als der Hobbypilot im vergangenen Jahr an einer Eurofighter-Übung der Bundeswehr über der Ostsee teilnahm, beschwerten sich Kritiker, dass dies den Steuerzahler über 100.000 Euro kostete, bezeichneten es als unverhohlene Zurschaustellung von Privilegien und warnten vor den Umweltauswirkungen der CO₂-Emissionen. Merz verteidigte den Flug als wesentlich für das Verständnis der Fähigkeiten der deutschen Luftwaffe und betonte, dass Erfahrungen aus erster Hand für die Verteidigung entscheidend seien.
In Anbetracht des desolaten Zustands der Bundeswehr hätte man eher die Tatsache loben können, dass das Flugzeug überhaupt flugtauglich war. Doch angesichts der Tatsache, dass Friedrich Merz nun Kanzler ist und an einer wirksamen Strategie für die Bedrohungen durch Wladimir Putin arbeiten muss, denke ich, dass seine Antwort ganz richtig war. Darüber hinaus könnte diese Erfahrung im Spiel der Überheblichkeit, für die Trump im persönlichen Umgang bekannt ist, sehr nützlich sein. Man kann Trump geradezu hören, wie er Merz zu dominieren versucht: „Mein Flugzeug ist größer als Ihres!“ Doch könnte Merz salopp erwidern: „Haben Sie jemals einen Kampfjet gesteuert, der die Schallmauer durchbricht?“
Natürlich schreibe ich das alles mit einer gesunden Portion Sarkasmus, aber angesichts der Tatsache, dass Trump offensichtlich Deutschland auf dem Kieker hat, wird es für Merz wichtig sein, eine Ebene zu finden, auf der die beiden effektiv kommunizieren können. Bei Donald Trump ist alles eine Frage der Chemie. Mit Angela Merkel hatte er keine. Olaf Scholz hat er nach seinem zweiten Amtsantritt im Januar so gut wie ignoriert. Aber ich bin vorsichtig optimistisch, dass die persönliche Chemie zwischen Merz und Trump besser sein wird, denn sie teilen mehr als nur die Liebe zu Flugzeugen und zum Fliegen.
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Treffen zwischen Merz und Donald Trump im Weißen Haus
Trump ist ein unorthodoxer Politiker, nicht zuletzt deshalb, weil er politische Probleme eher als isolierte Deals, denn als ideologische Loyalitätstests betrachtet. Seine Art zu überzeugen basiert eher auf der Ausnutzung von Machtpositionen als auf Appellen an gemeinsame Ideale. Als ehemaliger Geschäftsmann mit Erfahrung im Investmenthaus BlackRock dürfte Merz Trumps transaktionalen Ansatz in einer Weise begreifen, wie es weder Angela Merkel noch Olaf Scholz konnten, was direktere und pragmatischere Diskussionen ermöglicht.
Viele Staats- und Regierungschefs scheuen vor den vielfältigen Risiken zurück, die durch Trumps Unberechenbarkeit entstehen. Als Bundeskanzler hat Friedrich Merz jedoch eine gesunde Risikotoleranz bewiesen, um weitreichendere Ziele zu verfolgen. Dazu gehören die Lockerung der verfassungsmäßigen „Schuldenbremse“ zur Finanzierung von Verteidigung und Infrastruktur, seine Zusammenarbeit mit der AfD in der Einwanderungspolitik und seine Entscheidung, Langstreckenwaffen an die Ukraine zu liefern. Jede dieser Entscheidungen stellte etablierte Normen in Frage und verlangte, dass der Kanzler sich auf umstrittenem politischem Terrain bewegt.
Niemand käme auf die Idee, Angela Merkel oder Olaf Scholz als besonders risikofreudig zu bezeichnen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum sie bei Donald Trump nie weitgekommen sind. (James Warren Davis)