FR-üh dran: Friedensnobelpreis für Kriegsbefürworterin: Machado reist inkognito nach Oslo
VonDaniel Dillmann
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Die venezolanische Oppositionelle María Corina Machado reist heute trotz Todesdrohungen nach Oslo. Morgen bekommt sie den Friedensnobelpreis. „Früh dran - die Lage am Morgen“ erklärt, warum das paradox ist.
FR-üh Radar – das steht heute an: Wochenlang war María Corina Machado untergetaucht. Heute soll sie um 13:00 Uhr eine Pressekonferenz in Oslo geben. Einen Tag später wird sie dort mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, weil sie für die Demokratie in ihrer Heimat kämpft – obwohl sie militärische Interventionen der USA befürwortet. Ihre Anwesenheit in Oslo ist ein politisches Statement. Ihre Rückkehr nach Venezuela könnte lebensgefährlich werden. Wir erklären, warum Machados Oslo-Reise schon heute Thema ist und welche Sprengkraft die Preisverleihung morgen hat.
Die Ausgangslage
Wir erklären Ihnen, wie es dazu kam: Machado erhielt im Oktober den Friedensnobelpreis. Die 58-jährige Politikerin, die von ihren Anhänger:innen in Venezuela „La Livertadora“ (die Befreierin) genannt wird, sollte als Präsidentschaftskandidatin der konservativen Opposition Amtsinhaber Nicolás Maduro herausfordern. Doch der Diktator Venezuelas ließ ihre Kandidatur untersagen und leitete Ermittlungen gegen sie wegen „Verschwörung“ und „Terrorismus“ ein. Machado tauchte unter und lebte Monate im Untergrund. Sollte sie nach Venezuela zurückkehren, müsste sie mit sofortiger Verhaftung rechnen. Ihre Anreise nach Oslo findet unter größter Geheimhaltung statt.
In ihrer Heimat Venezuela droht María Corina Machado die Haft. In Oslo wird die Oppositionspolitikerin mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. (Archivbild)
Hier erfahren Sie, worum es geht, worauf es ankommt und woran es hängt: Die Auszeichnung Machados mit dem Friedensnobelpreis macht das Paradox ihrer Politik deutlich. Sie kämpft in Venezuela gegen Maduros Diktatur und für die Demokratie. Gleichzeitig befürwortet sie militärische Interventionen der USA und eine Verschärfung der Sanktionen gegen ihr Heimatland. Ihren Nobelpreis widmete sie in ihrer Dankesrede US-Präsident Donald Trump. Der hat laut BBC-Recherchen bereits neun Kriegsschiffe vor die Küste Venezuelas geschickt. Seit September 2025 führte das US-Militär mindestens 22 Angriffe auf angebliche Drogenschmuggler-Boote in den internationalen Gewässern der Region aus. Auch Angriffe auf Ziele in Venezuela schließt die US-Regierung nicht aus. Machado, die Margaret Thatcher als ihr politisches Vorbild bezeichnet, begrüßt diesen Druck ausdrücklich.
Espresso-Argumente für die Kaffeeküche
Mit diesen Argumentationshilfen punkten Sie bei der politischen Debatte in der Kaffeeküche: „Machado kämpft für Demokratie gegen einen Diktator“ – Die konservative Oppositionspolitikerin stellt sich in Venezuela gegen Maduros autoritäres Regime. Ihre Methoden sind aber alles andere als friedlich. Sie befürwortet Militärinterventionen Trumps und härtere Sanktionen. Unter denen leidet aber nicht die Elite des Landes, sondern vor allem die arme Bevölkerung. Und Militärschläge sind das Gegenteil von Friedenspolitik, die der Nobelpreis ja eigentlich auszeichnen sollte.
„Machado sollte unterstützt werden, sie kämpft für Freiheit und Demokratie“ – Es ist komplizierter. Machados Vorstellung von Freiheit ist ultraliberal. Sie stammt aus einer wohlhabenden Industriellenfamilie, will staatliche Öl-Konzerne privatisieren, Sozialhilfen streichen und Abtreibungen verbieten. Wegen der Parallelen zu Margaret Thatcher kürte die New York Times sie einst zur modernen „Eisernen Lady“. Im Vergleich zum pseudosozialistischen Diktator Maduro erscheint Machado als kleineres Übel. Mehr aber auch nicht.
„Nur ein Militäreinsatz der USA kann Venezuela die Demokratie bringen“ – Die Geschichte zeigt das Gegenteil. Ob Chile, Nicaragua, Panama oder Argentinien – US-Interventionen in Südamerika haben stets zu Destabilisierung, weniger Freiheit und mehr Gewalt geführt. Venezuela braucht keine ausländischen Bomben, sondern eine friedliche Lösung und freie Wahlen.
Von Maduro bis Milei: Die lange Liste der Populisten Lateinamerikas
Lesen Sie hier schon heute, was als Nächstes passieren wird: Machado soll um 13:00 Uhr in Oslo eine Pressekonferenz geben. Am morgigen Mittwoch (10.12.) soll sie den Nobelpreis offiziell überreicht bekommen. Die Lage in Venezuela spitzt sich unterdessen weiter zu. Trump kündigte an, dem CIA zu erlauben, in Venezuela „zur Drogenbekämpfung“ tätig zu werden und deutete Militäroperationen „an Land“ an. Maduro hat als Reaktion seine Armee in Alarmbereitschaft versetzt und sich bei den Vereinten Nationen (UN) beschwert. Für Machado stellen sich nach der Preisverleihung zwei Fragen: Soll sie nach Venezuela zurückkehren oder im Exil bleiben? Und welche Rolle will sie in Trumps Venezuela-Plänen spielen?
FR-üh dran – die Lage am Morgen
In unserem täglichen Briefing informieren wir Sie über die wichtigsten Termine des Tages, erklären Hintergründe und liefern Ihnen passende Argumente für die politische Debatte in der Kaffeeküche. Lesen Sie hier, warum „FR-üh dran“ zu Ihrem täglichen Morgenritual werden sollte.
Ihnen fehlen Argumente, Sie widersprechen unseren oder Sie möchten diese ergänzen? Dann diskutieren Sie mit in der Kommentarspalte unter jeder Ausgabe.
Echt jetzt?!
Wenn Machado den Friedensnobelpreis bekommt, ist die Geschichte der Auszeichnung um ein bemerkenswertes Kapitel reicher. 1973 ging der Friedenspreis an US-Außenminister Henry Kissinger, während er gleichzeitig die Bombardierung Kambodschas befehligte und Pinochets Putsch in Chile unterstützte. 2009 erhielt US-Präsident Barack Obama den Preis, weil er das Gefangenenlager Guantanamo Bay schließen wollte. Das geschah nie. Dafür befehligte Obama zahlreiche Luftangriffe – deutlich mehr als sein Vorgänger George Bush.