Frankreich nach Wahl weiter ohne Regierung: Macron auf der „Titanic“
VonStefan Brändle
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Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will mit der Regierungsbildung sein politisches Überleben sichern. Doch es schickt sich bereits eine Newcomerin an.
Paris – Sieben geschlagene Wochen: Solange ist Frankreich nun schon ohne Regierung. Das ist ein Novum in der 66 Jahre alten Geschichte der „Fünften Republik“. Doch die Situation ist ebenfalls neu: Die drei wichtigsten Machtblöcke – die Rechte von Marine Le Pen, die Mitte von Emmanuel Macron und die „Neue Volksfront“ der Linken – haben in den vorgezogenen Parlamentswahlen vom 7. Juli die Mehrheit alle klar verpasst. Aus dieser Pattsituation könnten nur Neuwahlen helfen – doch laut Verfassung sind die frühestens in einem Jahr möglich.
Um einen Ausweg zu finden, hat Macron am Freitag (23. August) nacheinander Vertreter:innen der einzelnen Blöcke empfangen; am nächsten Montag (26. August) zum Schluss die Rechtspopulistin Marine Le Pen und ihr Rassemblement National (RN).
Erklärte Macron-Revisionistin: Unbekannte Sozialistin will Premierministerin Frankreichs werden
Die „Neue Volksfront“ aus Sozialisten, Grünen, Kommunisten und radikalen „Unbeugsamen“ trabte als erste an. Sie erhob mit Nachdruck Anspruch auf die Regierungsbildung, da sie knapp mehr Sitze als die Macronisten und die Lepenisten errungen hat. Ihre Premier-Kandidatin Lucie Castets, eine bisher völlig unbekannte Funktionärin, erklärte nach dem anderthalbstündigen Gespräch mit Staatschef Macron, sie sei „bereit“, zusammen mit anderen Parteien eine Regierungskoalition einzugehen.
Der Chef der „Unbeugsamen“, Jean-Luc Mélenchon äußert sich noch resoluter: Er hatte zuvor gar mit einem Amtsenthebungs-Verfahren gedroht, falls Macron eine „Kohabitation“ mit der Linken ablehnt. „Wenn Sie das tun, werden wir alle uns zur Verfügung stehenden Verfassungsmittel benützen, um Sie zu stürzen“, hielten die „Unbeugsamen“ in einem Beitrag in der Zeitung Tribune Dimanche fest. Artikel 68 der französischen Verfassung nennt als Absetzungsgründe Amtsmissbrauch und schwerwiegende Verfehlungen. Mélenchon, der mit 72 Abgeordneten genug Stimmen hat, ein solches Verfahren zu starten, sieht diese Voraussetzungen erfüllt, wenn Macron die Wahlsieger nicht mit der Regierungsführung betraut.
Macrons Sprecher halten dagegen, eine linke Regierung sei keine Lösung; sie würde bei erster Gelegenheit gestürzt. Le Pen droht, sie werde sofort ein Misstrauensvotum einreichen, wenn die linken „Unbeugsamen“ an der Regierung beteiligt würden.
Marine Le Pen hat Frankreich-Wahl 2027 im Blick – trotz Ausschluss
Auch die Macronisten würden eine Premierministerin Castets mit Freude an der Machtausübung hindern. Die 37-jährige Sozialistin, die mit ihrer Gattin ein Kind hat, möchte so ziemlich alle Macron-Reformen rückgängig machen. Das Rentenalter soll laut Volksfront-Programm nicht nur von 64 auf 62 Jahre zurückgesetzt, sondern sogar auf 60 Jahre gesenkt werden. Castets würde auch die Erhöhung der Gaspreise abberufen, die Preise für Grundnahrungsmittel würde sie einfrieren. Darin sieht sie einen „notwendigen Bruch“ mit den vergangenen sieben Macron-Jahren.
Macron gibt sich öffentlich nicht geschlagen – seine Vertrauten nennen Premier-Kandidaten
Und in der Tribune Dimanche kündigt die französische Linke die „sofortige Anerkennung“ eines Palästinenserstaates an. Damit macht sie Macron auch die sonst dem Staatschef reservierte Außenpolitik streitig. Macron weiß deshalb: Würde Castets Premierministerin, hätte er als Staatschef nicht mehr viel zu sagen. Für jemanden, der sich auch schon „Jupiter“ nannte, ist nicht denkbar, so ins zweite Glied zurückversetzt zu werden – und ansehen zu müssen, wie seine umstrittensten Reformen seit seiner Wahl 2017 revidiert würden. Für Macron wäre das nichts anderes als der Untergang seiner glorreichen „Titanic“, meint der Politautor Franz-Olivier Giesbert.
Der Staatschef gibt sich deshalb noch nicht geschlagen. Am Freitag (23. August) hat er seine eigenen Bündnispartner:innen zum Mittagessen eingeladen, um Geschlossenheit zu zeigen. Im Hintergrund plant er eine möglichst breite Allianz, die über seine bisherige Mittepartei-Renaissance hinausgeht und auch moderate Konservative und Sozialisten umfassen soll.
Den Medien stecken die Macron-Berater:innen, als Premier käme unter anderem der Bürgermeister des Pariser Vorortes Saint-Ouen, Karim Bouamrane, infrage. Der Sozialdemokrat mit marokkanischen Wurzeln ist fast so unbekannt wie Castets. Nähme er die Nominierung an, würde dies die Linke spalten. Die Personalie würde auch Mélenchons Strategie zur Gewinnung von Stimmen in den Banlieues durchkreuzen. Die sozialistische Partei und die „Unbeugsamen“ lehnen Bouamrane deshalb ab und stehen zu Castets, die linkere Positionen vertritt.
Der Kampf um Posten ist damit in vollem Gang. Längst geht es auch um Macrons politische Existenz. Schafft er es, eine tragfähige Regierung auf die Beine zu stellen, kann er seinen schweren Fehler der Neuwahl-Ansetzung vielleicht noch halbwegs korrigieren. Gelingt ihm das nicht, ist seine Zukunft, ja sein ganzes politisches Erbe gefährdet. Genau darauf hat es die Linke abgesehen. Castets meinte am Freitag (23. August), Frankreich müsse sich politisch völlig neu orientieren. (von Stefan Brändle)