Rassemblement National-Chefin

Marine Le Pen: Wie sie die Rechte in Frankreich gesellschaftsfähig macht

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Marine Le Pen hat den Rassemblement National als politische Größe etabliert und will bei den Wahlen in Frankreich 2022 Präsidentin der „Grande Nation“ werden. (Archivbild)
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Marine Le Pen ist das Gesicht des rechtsextremen Rassemblement National, den sie gesellschaftsfähig gemacht hat. Was zeichnet die Rechtsaußen-Politikerin aus?

Paris – Marine Le Pen hat die politische Rechte in Frankreich so geprägt, wie kaum jemand vor ihr – abgesehen von ihrem Vater Jean-Marie Le Pen. Dessen Partei Front National hat Marine gesellschaftsfähig gemacht und zu einer festen Größe in der französischen Parteienlandschaft gemacht. Immer wieder schneiden die Rechtsaußen bei Wahlen gut ab. Bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich 2022 wollte Marine Le Pen endlich auch Staatschefin werden – und scheiterte knapp. Bei der Parlamentswahl jedoch konnte sie einen historischen Erfolg feiern.

NameMarine Le Pen
Geboren5. August 1968 in Neuilly-sur-Seine
ElternJean-Marie Le Pen und Pierrette Lalanne
StudiumRechtswissenschaft

Marine Le Pen: Die politischen Anfänge der rechten Führungsfigur

Die politische Laufbahn und auch die rechtsradikale Orientierung wurden Marine Le Pen dabei in die Wiege gelegt. Die am 5. August 1968 geborene Politikerin ist die jüngste von drei Töchtern des Front National-Mitbegründers Jean-Marie Le Pen und dessen Ehefrau Pierrette Lalanne. Bereits mit 18 Jahren wurde sie Mitglied im Front National (FN).

Ehe Le Pen jedoch in die Politik ging, machte sie am Lycèe Florent Schmitt in Saint Cloud Abitur, studierte bis 1990 in Paris Rechtswissenschaft, bestand daraufhin die Prüfung im Strafrecht und bekam 1992 die Zulassung als Anwältin. Zu Beginn ihrer Laufbahn war sie häufig als Pflichtverteidigerin von Migrantinnen und Migranten.

Marine Le Pen startet im Front National durch – und übernimmt Partei

Innerhalb des Front National begann Marine Le Pen in der Rechtsabteilung zu arbeiten, die sie bis 2003 leitete. In der rechtsextremen Partei stieg die Politikerin über die Jahre immer weiter auf: In den inneren Führungskreis kam Le Pen im Jahr 2000, drei Jahre später übernahm sie eine der acht Vorsitzenden-Stellen, ehe sie 2007 die Verantwortliche für Kommunikation, Schulung und Öffentlichkeit wurde und somit eine der wichtigsten Rollen innehatte. Währenddessen war Marine Le Pen auch in der Kommunalpolitik tätig. Von 1998 bis 2004 war sie Abgeordnete im Generalrat der Region Nord-Pas-de-Calais im Norden Frankreichs. Seit 2004 sitzt Le Pen im Europäischen Parlament.

Bereits 2008 hatte ihr Vater Jean-Marie seinen Rücktritt angekündigt und Marine Le Pen als nächste Vorsitzende ins Spiel gebracht. Vor einem Parteitag 2011 folgte der Machtkampf zwischen der Tochter des alternden Vorsitzenden und dessen langjährigen Stellvertreter Bruno Gollnisch. Marine Le Pen setzte sich durch und wurde auf einem Parteitag in Tours mit 67,7 Prozent zur Vorsitzenden des Front National gewählt. Aus dem Patriarchat ihres Vaters sollte sie ein Matriarchat machen.

Le Pens Bemühungen um ein gemäßigteres Image des Front National

Marine Le Pen begann sofort mit einer „Entdiabolisierung“ des Front National. Die Partei sollte keine rechtsextreme Protestbewegung mehr sein, die durch rassistische und antisemitische Äußerungen auffällt. Daran hatte auch Le Pens Vater Anteil, der wiederholt wegen Rassismus, Antisemitismus und Verharmlosung der Nazi-Verbrechen verurteilt worden war. Marine Le Pen wollte der Partei dagegen ein gemäßigteres Erscheinungsbild geben, damit sie auch für gemäßigte Konservative wählbar ist.

ParteiRassemblement National (Nationaler Zusammenschluss)
AbkürzungRN
Früherer NameFront National (Nationale Front)
Gründung 5. Oktober 1972 in Paris
ParteivorsitzenderJordan Bardella
AusrichtungNationalismus

Le Pen setzte jedoch nicht nur auf rhetorische Neuerungen. Auch auf personeller Ebene seien alte Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten durch junge, häufig gut ausgebildete Kräfte aus der Jugendorganisation ersetzt worden, analysierte die Politikwissenschaftlerin Ronja Kempin 2017 in einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung die Entwicklung des Front National unter Le Pen. Der Parteiausschluss ihres Vaters 2015 markierte den Höhepunkt dieser Entwicklung.

Am 5. November 2022 endete eine Ära: Marine Le Pen gab den Vorsitz des Rassemblement National ab. 50 Jahre nach der Gründung steht mit Jordan Bardella erstmals jemand an der Spitze der Partei, der nicht Le Pen heißt. Fachleuten zufolge will sich Marine Le Pen auf ihre Rolle als Fraktionsführerin der Rechtsaußen in der Nationalversammlung konzentrieren und sich für die Präsidentschaftswahl 2027 in Stellung bringen.

Politische Ausrichtung: Wofür steht Marine Le Pen?

Trotz der nach außen vertretenen gemäßigten Art zeichnet sich die im Juni 2018 in Rassemblement National (RN) umbenannte Partei weiterhin durch eine rassistische, antimuslimische und antieuropäische Orientierung aus. So vertritt auch Marine Le Pen als Vorsitzende die drastische Beschränkung von Zuwanderung, Abschiebungen und das Prinzip der nationalen Priorität bei wirtschaftlichen und sozialen Themen. Dabei wettert sie immer wieder gegen ein vermeintliches Diktat durch Deutschland, die EU oder die USA.

Marine Le Pen gibt vor, die Identität, Werte und Souveränität Frankreichs gegen den Islam, korrupte Politiker:innen und die als „imperialistisch“ diffamierte Politik der EU zu verteidigen. Sie inszeniert sich dabei als Sprecherin des Volkes. Besonders die EU ist Le Pen ein Dorn im Auge. In ihren bisherigen Wahlkämpfen forderte Le Pen daher die Auflösung der Staatengemeinschaft in der derzeitigen Form, eine Rückkehr des Landes zum Franc oder eine Abstimmung über einen EU-Austritt Frankreichs. Sie wolle Institutionen bekämpfen, die „ohne das Volk und sogar gegen das Volk arbeiten“, erklärte Le Pen in einem Interview mit dem Sender France Info vor der Präsidentschaftswahl 2022.

Vor der Wahl in Frankreich 2022: Éric Zemmour macht Le Pen Druck von rechts

Nicht alle Kandidierenden und Anhänger:innen des Rassemblement National tragen Marine Le Pens gemäßigteren Kurs mit. Immer wieder fallen sie durch rassistische und antisemitische Äußerungen auf, die an die Linie von Jean-Marie Le Pen erinnern.

Éric Zemmour will die Unzufriedenheit der vom Rassemblement National enttäuschten Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten für sich nutzen und Marine Le Pen bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich 2022 von rechts unter Druck setzen. Damit könnte Zemmour Le Pen im Duell mit deren erklärtem Hauptgegner Emmanuel Macron wichtige Stimmen kosten. Jean-Marie Le pen sieht das gemäßigtere Auftreten seiner Tochter als Ursache für die Unzufriedenheit vieler extremistischer Kräfte innerhalb der Partei. „Entweder findet sie zu klaren Positionen zurück – oder sie wird nach und nach ausgelöscht“, erklärte der alte Rechtsextremist.

Auch die gemäßigteren Republikaner wollten Le Pen unter Druck setzen. Bei der Präsidentschaftswahl versuchte Valérie Pécresse moderate Konservative von sich zu überzeugen. Mit 4,8 Prozent blieb die Konservative jedoch noch hinter Zemmour.

Marine Le Pen und Rassemblement National: Erfolge bei Frankreich-Wahlen 2022

Mit 23,1 Prozent im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl 2022 zog Marine Le Pen in die zweite Runde ein. Bei der Stichwahl musste sie sich gegen Emmanuel Macron geschlagen geben. Mit 41,5 Prozent feierte die Rechte jedoch einen Achtungserfolg. Mit Blick auf die Parlamentswahl in Frankreich am 12. und 19. Juni zeigte sich Le Pen kämpferisch. Le Pen gewann ihren Wahlkreis mit 61 Prozent deutlich und zog in die Nationalversammlung ein. Zudem feierte ihre Partei einen historischen Erfolg. 89 Abgeordnete des Rassemblement National schafften den Einzug ins Parlament.

Le Pen richtet Blick schon auf die Präsidentschaftswahl 2027

Bei der Europawahl 2024 ging der RN um Marine Le Pen dann als klarer Sieger in Frankreich hervor. Das Ergebnis veranlasste den amtierenden Präsidenten Emmanuel Macron anschließend dazu, das Parlament aufzulösen. Es kam zu Neuwahlen, bei denen die rechtsnationale Partei aber anders als erwartet nur auf Platz drei kam.  

Marine Le Pen selbst richtet ihren Blick schon längst auf die Präsidentschaftswahl 2027. Nach zwei Amtszeiten kann Emmanuel Macron nicht mehr antreten. Wer eine Chance gegen Le Pen hätte, ist unklar. Es könnte sein, dass dann eine Populistin vom Schlage Donald Trumps, also das Gegenteil der republikanischen Kultur Frankreichs, in den ehrwürdigen Élysée-Palast einzieht. (Max Schäfer)

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