Frankreich

In Frankreich brennt das Banlieue - Revolten weiten sich aus

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In Frankreich kommt es nach der Erschießung eines 17-Jährigen durch die Polizei wieder zu Vorstadt-Krawallen. Präsident Macron bringt das in eine schwierige Situation.

Weitere Informationen zu den Protesten gegen Polizeigewalt in Frankreich finden Sie unserem aktuellen Newsticker.

Update vom 29. Juni, 08.33 Uhr: Die gewaltsamen Proteste in Nanterre setzen sich fort. In der Nacht auf Donnerstag wurden Pariser Vorort mindestens drei Fahrzeuge in Brand gesteckt. Demonstranten errichteten zudem Straßensperren und lieferten sich teils heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Insgesamt sollen mindestens 2.000 Beamte in Nanterre im Einsatz sein. Die Proteste nach dem Tod eines 17-Jährigen weiteten sich zudem landesweit. Unter anderem in Lille, Toulouse und Lyon versammelten sich die Menschen, um gegen Polizeigewalt zu demonstrieren.

Erstmeldung vom 28. Juni: Paris - Sogar Kylian Mbappé reagierte voller Empörung: „Mein Frankreich schmerzt mich“, schrieb der Fußballstar der französischen Nationalelf auf Twitter. Er bezog sich auf den Tod eines 17-jährigen Jugendlichen namens Nahel. Der Teenager und Freizeit-Rugbyspieler aus einer Banlieue-Siedlung in Paris-Nanterre war am Dienstagmorgen mit zwei Kumpels in seinem Sportwagen von einer Motorradstreife angehalten worden.

Brennende Autos in Paris: Im Vorort Nanterre setzen sich die gewaltsamen Proteste fort.

Auf einem Video ist zu sehen, wie ein Polizist sein Gewehr auf den Fahrer am Steuerrad gerichtet hält, während er mit dem Fahrer durch das geöffnete Wagenfenster spricht. Nach kurzer Zeit fährt der gelbe Mercedes brüsk los. Wohl in diesem Moment löst sich aus der Waffe des Polizisten ein Schuss. Etwas weiter kracht der Wagen in eine Leitplanke. Ein Kumpel flieht, der zweite wird festgenommen. Nahel erliegt kurz später im Beisein der Rettungsmannschaft seiner Schussverletzung.

Polizisten in Frankreich plädieren nach tödlichen Schüssen auf Notwehr

In ersten Stellungnahmen der Behörden hieß es, die zwei Streifenpolizisten hätten auf Notwehr plädiert. Von einer Notlage sieht man aber nichts auf dem Video, das alsbald im Netz zirkulierte. Der Anwalt von Nahels Mutter erklärte, der Minderjährige sei „kaltblütig niedergestreckt“ worden, ohne dass auf dem leicht verzitterten und tonlosen Video auch nur der Ansatz eines Notwehrargumentes sichtbar sei. Der Tatbestand der vorsätzlichen Tötung sei zweifellos erfüllt.

Der Polizeischütze wurde in Gewahrsam genommen. Eine Untersuchung lautet auf vorsätzliche Tötung. Nahel verfügte dem Vernehmen nach über keinen Fahrausweis und hatte sich der polizeilichen Autorität schon früher mehrmals entzogen.

Informationen zu Nanterre

NameNanterre
LageVorort von Paris
ViertelLa Défense
Bevölkerungrund 93.000
BürgermeisterPatrick Jarry

In den sozialen Medien gehen die Wogen hoch. Auch Prominente wie der Schauspieler Omar Sy oder der Rapper Rohff verlangen Aufklärung und eine entsprechende Bestrafung. Innenminister Gérald Darmanin, der sonst als Hardliner gilt, meinte seinerseits, die Bilder vom Tod des 17-Jährigen seien „äußerst schockierend“.

Heftige Krawalle in Frankreich nach Tod eines 17-Jährigen in Nanterre

Das genügt aber nicht, um die Lage zu beruhigen. In der Nacht kam es in Wohnsiedlungen von Nanterre zu heftigen Krawallen. Nach einer Demonstration vor der Polizeiwache von Nanterre steckten Vermummte Autos und Mülltonnen in Brand; sie errichteten Barrikaden und griffen die Einsatzpolizei mit Wurfgeschossen und Feuerwerk an. Auch ein Schulgebäude brannte teilweise aus, die anrückende Feuerwehr wurde dann an der Löscharbeit gehindert.

Später in der Nacht griffen die Ausschreitungen auf weitere Pariser Vororte, aber auch auf die Burgunderstadt Dijon über. Gewalttätige Proteste gab es auch in dem östlichen Pariser Vorort Clichy-sous-Bois. Dort waren 2005 die bisher schwersten Banlieue-Unruhen ausgebrochen, nachdem eine Polizeikontrolle mit dem Tod zweier Minderjähriger geendet hatte.

Krawalle in Frankreich setzen Emmanuel Macron unter Druck

Der polizeiliche „bavure“ (Schnitzer) in Nanterre könnte für Emmanuel Macron unangenehme Folgen haben. Der Präsident steht seit langem unter Druck der Rechten, die ihm vorwirft, er unternehme nichts gegen eine landesweite Häufung von Gewaltakten, Einbrüchen, Femiziden und Schießereien von Drogenbanden. Einzelne Soziologen sprechen gar von einer „décivilisation“, also einer „Entzivilisierung“ oder einer Verwilderung der Sitten.

Als Antwort darauf wollte Macron die Polizei ausbauen und weitere Gefängniskapazitäten schaffen. Auch ein neues Immigrationsgesetz wollte er erlassen. Damit lockte er die konservativen Republikaner, auf deren Stimmen er in der Nationalversammlung angewiesen ist, weil seine Partei dort keine Mehrheit hat.

Macron spricht über Todesfall in Nanterre

Dieser Kurs nach rechts wird nun von dem Todesfall in Nanterre auf einen Schlag durchkreuzt. Jetzt muss sich Macron plötzlich wieder gegen Angriffe von links verteidigen. „Was bleibt von unserem Rechtsstaat, wenn eine Befehlsverweigerung zu einer standesrechtlichen Erschießung führt?“, fragte Clémentine Autain von der linken Partei der „Unbeugsamen“. Parteichef Jean-Luc Mélenchon twitterte: „Die Todesstrafe existiert nicht mehr in Frankreich.“

Macron musste am Mittwoch auf das alles improvisiert reagieren. Er sprach von einem „unerklärbaren“ und „unentschuldbaren“ Akt und fügte an: „Nichts rechtfertigt den Tod eines Jungen.“ Fast scheint es aber , dass es mit diesen Worten für den Staatschef nicht getan sein wird. Darmanin jedenfalls bietet für die zweite Nacht nach dem Todesfall 2000 Einsatzpolizist:innen im Großraum Paris auf.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Poitout Florian/ABACA

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