VonSandra Katheschließen
In Frankreich eskaliert seit Tagen die Gewalt zwischen Polizei und Demonstrierenden. Nun gibt es offenbar neue Details zum Auslöser der Situation.
Paris – Brennende Fahrzeuge und Gebäude, Straßenbarrikaden, geplünderte Geschäfte, gewaltsame Zusammenstöße zwischen Polizeikräften und jungen Menschen: In vielen französischen Großstädten herrscht inzwischen seit vier Tagen Ausnahmezustand. Anlass der Ausschreitungen war eine tödliche Polizeikontrolle, bei der im Pariser Vorort Nanterre am Dienstagmorgen (27. Juni) der 17-Jährige Nahel M. ums Leben kam.
Wenige Tage nach dem Vorfall hat sich nun ein junger Mann zu Wort gemeldet, der während des Vorfalls mit Nahel im Auto gesessen haben will und die Geschehnisse in einem Social-Media-Video aus seiner Sicht beschreibt. Nach den Erzählungen des Jugendlichen, der in den Medien Fouad genannt wird, aber in Wirklichkeit anders heißt, wären die beiden Motorradpolizisten, die den gelben Mercedes angehalten hatten, von Anfang an aggressiv aufgetreten. Das Video mit den Erzählungen von Fouad hatte etwa der britische Fernsehsender Sky News veröffentlicht.
Auslöser der Ausschreitungen in Frankreich: Zeuge äußert sich zu Details
So wäre einer der Beamten, nachdem die Jugendlichen angehalten hatten, direkt zum Fenster der Fahrerseite gekommen und hätte Nahel aufgefordert „Mach den Motor aus oder ich schieße“. Beide Polizisten hätten dann den Laut ihrer Dienstwaffen auf Nahel gerichtet, einer von ihnen drohte dann erneut „Keine Bewegung oder ich knalle dir eine Kugel in den Kopf“. Im Anschluss hätten beide Polizisten Nahel mit der Rückseite ihrer Waffen einen Stoß versetzt.
Als der 17-Jährige daraufhin den Fuß von der Bremse nahm, sei der Automatik-Wagen Fouads Erzählung zufolge angerollt und einer der Beamten hätte geschossen. Nahel sei daraufhin aufs Gas getreten. Fouad habe in dieser Situation bereits gemerkt, dass sein Freund Schmerzen gehabt hätte und zitterte. Als das Auto gegen eine Absperrung fuhr und zum Stehen kam, sei er aus Angst aus dem Auto ausgestiegen und geflohen. Smartphone-Videos von dem Vorfall legen nahe, dass sich die Szene zumindest sehr ähnlich abgespielt haben könnte.
Unruhen in Frankreich: 1350 brennende Fahrzeuge, über 1300 Fenstgenommene
Die Schilderungen des jungen Mannes befeuern weiter die heftige Kritik an der französischen Polizei, der nicht erst aufgrund des jüngsten Vorfalls zunehmendes „racial profiling“ vorgeworfen wird. Von „racial profiling“ ist die Rede, wenn Menschen wegen ihrer äußeren Merkmale, etwa der Hautfarbe, kontrolliert werden. Das könnte auch im Fall von Nahel und Fouad Anlass der Polizeikontrolle gewesen sein. Über Nahel M. ist bekannt, dass er algerische Wurzeln hatte.
Über Tausend Menschen wurden im Rahmen der auf den Vorfall folgenden Ausschreitungen in vielen Städten in Frankreich bereits festgenommen, Dutzende verletzt. Präsident Emmanuel Macron zog die Wut vieler auf sich, indem er von einer „inakzeptablen Instrumentalisierung des Todes eines Jugendlichen“ sprach und die jungen Menschen dazu aufrief, sich den Protesten nicht anzuschließen. Aufgrund der Lage in Frankreich hat er am Samstag einen geplanten Staatsbesuch in Deutschland abgesagt.
Den vorläufigen Zahlen des Innenministeriums zufolge wurden nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP in der Nacht auf Samstag 1350 Fahrzeuge angezündet, 234 Gebäude in Brand gesetzt oder beschädigt und 2560 Brände auf Straßen gezählt. Die Zahl der Festnahmen erhöhte sich der Bilanz zufolge im Vergleich zur Vornacht um mehr als 400 Menschen auf insgesamt 1311. (saka mit AFP)
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