Freie Wähler: Aus Bayern auf dem Weg zur bundesweiten Relevanz?
VonYağmur Ekim Çay
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Die Freien Wähler haben ihre Wurzeln in Bayern. Trotz Rückschlägen bei den Bundestagswahlen bleibt ihr Ziel, eine bundesweite Relevanz zu erlangen.
München – „Wer glaubt, sich bei rechten Gruppen und Querdenkern anbiedern zu können, verlässt die bürgerliche Mitte und nimmt am Ende selbst Schaden“ – so hatte der bayerische Landeschef Markus Söder (CSU) seinen Stellvertreter Hubert Aiwanger kritisiert. Doch die Freien Wähler sind nach den Landtagswahlen in Bayern immer noch an zweiter Stelle. Gemeinsam mit Söder setzt Aiwanger das bayerische Bündniss weitere fünf Jahre fort. Das ist in Deutschland ein einzigartiges Phänomen.
Parteivorsitzender
Hubert Aiwanger
Generalsekretär
Gregor Voht
Stellvertretende Vorsitzende
Manfred Petry, Engin Eroglu, Sylvia Rolke, Kerstin Haimerl-Kunze, Joachim Streit
Bundesgeschäftsführer
Arnold Hansen
Bundesschatzmeisterin
Christa Hudyma
Gründung
24. Januar 2009
Freie Wähler sind als kommunale Gruppen in den 1950er-Jahren entstanden
„Gemeinsam anpacken für Bayern“, kündigten die Freien Wähler ihren 2023er-Wahlkampf an. Entstanden sind sie als kommunale freie Wählergruppen in den 1950er-Jahren und versuchten zunächst immer wieder einmal erfolglos, in verschiedene Landesparlamente einzuziehen. 1997 wurden sie als Wählervereinigung aus der Mitte des Landesverbandes Bayern der Freien Wähler, der als Dachverband von Wählergruppen nicht an Landtagswahlen teilnehmen konnte, gegründet.
Bei den bayerischen Landtagswahlen 2008 erreichten die Freien Wähler mit 10,2 Prozent der Stimmen ihren ersten großen Erfolg auf überregionaler Ebene und zogen mit 21 Abgeordneten in den Landtag ein. Dabei profitierten sie wohl auch von der Schwäche der CSU. Als „Fleisch vom Fleische der CSU“ oder auch als „Stachel im Fleisch der CSU“ firmieren die Freien Wähler immer wieder in Medienberichten. Tatsächlich hatten schon viele der kommunalen Gruppierungen ihre Wurzel bei unzufriedenen CSUlern. Auf Gedeih und Verderb an die „großen“ Christsozialen binden will sich die Partei in Bayern erklärtermaßen nicht.
Freie Wähler bei der Europawahl mit zwei Abgeordneten im EU-Parlament
Bei den Wahlen zum Europäischen Parlament im Juni 2009 traten die Freien Wähler bundesweit an - aktuell sitzen zwei FW-Abgeordnete im Europaparlament, als Teil der zentristischen EDP. Am 20. Februar 2010 wurde die Bundesvereinigung Freie Wähler gegründet. Seitdem folgten weitere Ableger der Freien Wähler auf Landesebene.
Im März 2021 konnten die Freien Wähler mit 5,4 Prozent auch in den rheinland-pfälzischen Landtag einziehen. Als Kleinpartei trat auch bei der Bundestagswahl am 26. September 2021 an. Mit über einer Million Stimmen verbuchte sie 2,9 Prozent der Erststimmen und 2,4 Prozent der Zweitstimmen. In Brandenburg sitzen die „Brandenburger Vereinigte Bürgerbewegungen/Freie Wähler“ im Landtag. Sie gehören nicht zur Bundesvereinigung der Partei, kooperieren aber mit ihr. Bei der Bundestagswahl 2025 versuchten die Freien Wähler erneut, über die Fünf-Prozent-Hürde zu kommen. Sie scheiterten daran allerdings und kamen auf lediglich 4,3 Prozent.
Freie Wähler: Wofür steht Aiwangers Partei?
Die Partei versteht sich als „Anti-Establishment-Partei“ nah an den Bürgern und bezeichnet sich selbst ursprünglich als „bürgerlich-liberal“ - zwischenzeitlich versuchte sie mit einem Adenauer-Verwandten den Sprung auf die größere Bühne. Die Freien Wähler wurden teils aber auch schon oft als rechtsoffen kritisiert, insbesondere bei Themen wie Corona und der Impfpolitik. Im Sommer 2023 wehrte sich Parteichef Hubert Aiwanger gegen Vorwürfe, zu Schulzeiten ein antisemitisches Flugblatt geschrieben zu haben.
Auch beim Thema Asylpolitik will die Partei „strengere Kontrollen“ und spricht von einem „unkontrollierten Zustrom von Flüchtlingen“. Die Partei wurde 2018 stark kritisiert, weil Aiwanger angekündigt hatte, auch mit der AfD im Bayerischen Landtag konstruktiv zusammenarbeiten zu wollen. „Ich will mit jeder Partei reden“, sagte der Parteichef damals.
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Aiwanger und Söder als Dream-Team im bayerischen Landtag
Nun will die Partei in Bayern die jährliche Aufstockung der Polizeistellen in Bayern bis 2029 verlängern, „um Sicherheit in allen Belangen zu gewährleisten“. Zudem sehe sie eine große Notwendigkeit darin, alle Blaulichtorganisationen zu vernetzen und dezentrale Katastrophenschutzlager auszubauen.
Auch Bayern als Industriestandort ist den Freien Wählern ein erklärtes Anliegen. Aiwanger ist schließlich auch Söders Wirtschaftsminister. „Es darf zu keiner Form der Deindustrialisierung kommen, stattdessen muss der Freistaat als Standort für Technologie und Forschung gestärkt werden. Ergänzend dazu ist uns besonders wichtig, regionale Wertschöpfung und Wirtschaftskreise zu fördern und den Mittelstand Bayerns zu unterstützen“, heißt es im Wahlprogramm der Partei. Punkte wie die Energiewende und die medizinische Versorgung spielen in ihrem Wahlprogramm eine wichtige Rolle. Beim Thema Windkraft gingen die Freien Wähler auch schon auf Konfrontation mit der CSU.
Bayern-Wahlen: CSU bleibt in Umfrage stärkste Kraft
Für 2023 hoffte die Partei, weiter in Bayern mit der CSU zu regieren und sogar einen Teil der Stimmen von Söders Partei zu übernehmen. Anfang 2023 taxierten Umfragen die CSU zwischen 40 und 42 Prozent. Letztlich schafften es die Freien Wähler auf sogar 15,8 Prozent und bildeten die zweitstärkste Kraft hinter der CSU mit 37 Prozent. In der Regierung unter Markus Söder stellen die Freien Wähler insgesamt fünf Minister.
Angesichts der Erfolge von Parteikolleginnen und Kollegen in den benachbarten Bundesländern Bayern und Rheinland-Pfalz wollen die hessischen Freien Wähler in diesem Herbst erstmals auch den Sprung in den hessischen Landtag schaffen. Nach Angaben des Landesvorsitzenden Engin Eroglu kandidieren die Freien Wähler zum ersten Mal in allen 55 hessischen Wahlkreisen mit einer Direktkandidatur. Bei der Hessen-Wahl im Jahr 2018 waren es noch 44 Wahlkreise.
Seit 2024: Stagnation statt Durchbruch
Seit 2024 blieben größere Erfolge für die Freien Wähler aus. Zwar konnten sie bei der Europawahl erstmals drei Abgeordnete in das Parlament entsenden – insgesamt blieben sie aber hinter den Erwartungen zurück. In Sachsen gelang immerhin noch der Einzug einer parteilosen Direktkandidatin in den Landtag.
Doch bei der Bundestagswahl 2025 scheiterte die Partei eindeutig. Trotz der Strategie, sich per Direktmandat den Einzug ins Parlament zu sicher, blieben die Freien Wähler chancenlos, sie schafften mit 1,5 Prozent der Zweitstimmen kein gutes Ergebnis auf Bundesebene. Selbst im Stammland Bayern konnte die Partei mit knapp 4,3 Prozent nicht überzeugen. Das zeigt: Der Weg aus Bayern heraus bleibt für die Freien Wähler steinig.