„Verlieren jeden Tag, Stück für Stück“: Russland erobert wohl dutzende ukrainische Dörfer
VonNatascha Berger
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Trotz der anhaltenden Verteidigung der Charkiw-Front erobert Russland in der Ukraine wohl ein Dorf nach dem anderen. Besonders nahe Tschassiw Jar scheint die Lage düster.
Tschassiw Jar – Auch mehr als zwei Jahre nach der völkerrechtswidrigen Invasion durch Russland in der Ukraine, kämpfen die Streitkräfte weiter an den Fronten des Landes. Vor allem die Kämpfe bei Charkiw standen zuletzt immer wieder Fokus. Nun berichten ukrainische Soldaten jedoch von einer düsteren Realität in der Nachbar-Oblast Donezk. Putins Truppen sollen dort „ein Dutzend kleine Dörfer überrannt“ haben.
Zahlen zu Erfolgen aus Moskau und Kiew sind im Ukraine-Krieg nur schwer unabhängig überprüfbar. Zuletzt legten Berichte jedoch nahe, dass Russland bei Angaben zu Landgewinnen in der Ukraine übertreiben dürfte. Wie jetzt aber mehrere Militärquellen gegenüber dem Portal Kyiv Independent berichten, macht Russland zumindest in der Region des östlichsten Donbass-Gebiets immer mehr Fortschritte. Demnach nähern sich die Truppen gefährlich nah an die strategisch wichtige Stadt Tschassiw Jar.
Teile von Tschassiw Jar wohl bereits von Russland besetzt: Ukraine kämpft an vielen Fronten
„Es scheint, dass die Ukraine die Front in Charkiw stabilisiert hat, aber die Sorge besteht darin, ob sie die Fronten von Tschassiw Jar und Pokrowsk anfälliger gemacht haben“, sagte ein Analyst des Think-Tanks Foreign Policy Research Institute. Die Eroberung der einst 13.500-Einwohner-Stadt Tschassiw Jar gilt als wichtiges Ziel von Präsident Wladimir Putin. Seit Russland die Schlachten um die Städte Awdijiwka und Bachmut als Erfolg einbuchen konnte, rücken die russischen Truppen immer weiter in den Westen der Oblast vor.
Reuters meldet, dass russische Truppen bereits einen Stadtteil entlang eines Kanals in Tschassiw Jar besetzt haben sollen. Eine militärische Quelle teilte der Nachrichtenagentur mit, dass Putins Truppen ihre Kräfte vor der Stadt mit Langstreckenraketen, Drohnen und Luftbomben verstärken. Kiew hat diese Angaben bisher nicht bestätigt, aber kürzlich gemeldet, dass ein Angriff bei Tschassiw Jar abgewehrt wurde.
Nur zehn Kilometer vor Tschassiw Jar: Ukrainische Soldaten berichten von Realität in kleinem Dorf
Laut Kyiv Independent steht Russland kurz vor einem weiteren Erfolg: der Eroberung des Dorfes Iwaniwske, sechs Kilometer von Bachmut und rund zehn von Tschassiw Jar entfernt. Bereits seit April sollen russische Streitkräfte die beiden Hauptstraßen des kleinen Dorfes kontrollieren. Die Truppen hätten aufgrund eines Großaufgebots an Drohnen „ohne direkten Kampf“ einmarschieren können. „Ukrainische Soldaten werden systematisch aus dem Dorf verdrängt, ein zerstörtes Haus nach dem anderen“, schreibt das Portal.
Eine Militärquelle berichtet, dass von den etwa 70 Infanteristen, die Iwaniwske in einem Schützengraben außerhalb des Dorfes verteidigen sollten, etwa 80 Prozent innerhalb von vier Tagen entweder getötet oder schwer verletzt wurden. Diese Zahlen wurden bislang nicht aus Kiew bestätigt. Eher im Gegenteil: Kiew vermeldete zuletzt, das russische Militär habe trotz verstärkter Bemühungen „keinen Erfolg“ in der Region.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
„Verlieren jeden Tag, Stück für Stück“: Russland rückt in Oblast Donezk vor
„Wir verlieren jeden Tag, Stück für Stück – irgendwo haben wir ein wenig zurückgewonnen, irgendwo haben sie genommen, aber wir haben viel mehr verloren als gewonnen“, sagte ein ukrainischer Soldat der Zeitung.
Auch südlich von Tschassiw Jar sollen russische Truppen vorgerückt sein. Sie sollen kurz davor stehen, die wichtige Versorgungsroute und Autobahn T0504 abzuschneiden. Putins Soldaten seien nur mehr zehn Kilometer von jenem Teil der Autobahn entfernt, der die beiden Städte Kostjantyniwka und Pokrowsk verbindet. Möglich sei der Vorstoß durch Russlands Durchbruch und die Eroberung des Dorfes Otscheretyne im April sowie des nahegelegenen Umanske im Juni gewesen, analysiert Kyiv Independent.
Munitions- und Waffenlieferungen aus dem Westen sollen Russlands Vorrücken aufhalten
Die heikle Lage in der Oblast Donezk dürfte unter anderem auf den Munitions- und Waffenmangel der Ukraine im Frühjahr zurückzuführen seien. Immer wieder hatte das Land auf weitere Lieferungen aus dem Westen gepocht. Laut BBC konnten die ukrainischen Streitkräfte nach Angaben des britischen Think-Tanks Royal United Services Institute nur 2.000 Granaten pro Tag abfeuern – während Russland bis zu 10.000 Granaten täglich auf ukrainische Ziele abschießen konnte.
Obwohl neue Lieferungen aus dem Westen bereits Unterstützung an den Fronten bieten, könne es für die Ukraine schwierig werden, die Stadt Tschassiw Jar zu halten. Zumindest, falls Russland seine Ressourcen auf diesen Ort konzentrieren sollte. (nbe)