„Banzai-Angriffe“ in der Ukraine – Putins Armee weckt Erinnerungen an Weltkriegs-Taktik
VonFelix Durach
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Im Stellungskrieg profitiert Russland vom Munitionsmangel der Ukraine und setzt dabei auf rücksichtslose Angriffe mit Wellen von Soldaten.
München – Russland könnte im Ukraine-Krieg wieder die Oberhand gewinnen. Nach monatelangem und erbitterten Stellungskrieg in der Ostukraine gelang den Streitkräften von Präsident Wladimir Putin mit der Eroberung der Stadt Awdijiwka wieder ein Erfolg auf dem Schlachtfeld. Am Montag (25. Februar) gab der ukrainische Generalstab darüber hinaus bekannt, dass man seine Truppen aus der Ortschaft Lastotschkyne abgezogen habe, um die Verteidigung besser zu strukturieren. Putins Streitkräfte setzen bei ihren Vorstößen wohl eine Taktik aus dem Zweiten Weltkrieg ein – mit wachsenden Erfolgen.
Taktik aus dem 2. Weltkrieg – Russland setzt im Ukraine-Krieg auf Sturmangriffe
Die Rede ist von Sturmangriffen entlang der Frontlinie, bei denen die russischen Befehlshaber ohne Rücksicht eine große Anzahl an Soldaten auf die Positionen der ukrainischen Verteidiger zurennen lassen. Diese sollen dann durch ihre schiere Masse für einen Durchbruch sorgen und die Verteidiger überrumpeln. Die Taktik erinnere an die japanische Armee im 2. Weltkrieg, berichtete das US-Magazin Forbes.
Japans Streitkräfte hatten im Krieg gegen die USA wiederholt auf sogenannte „Banzai-Angriffe“ gesetzt. Dabei wurden den Soldaten ohne Schutz der Angriff feindlicher MG-Stellungen befohlen, um diese zu überrennen. Wegen der großen Verluste bei den Angriffen wurde die Taktik auch als Form des Massenselbstmords angesehen. Den Namen erhielten die Angriffe, da die japanischen Soldaten bei den Sturmangriffen oft „Tennō heika banzai!“ (auf Deutsch „lang lebe der Kaiser“) oder „Nippon banzai!“ („Lang lebe Japan“) schrien.
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Ukraine macht der Munitionsmangel zu schaffen – Putins Armee profitiert
Ein Grund, warum Russlands Armeeführung nun wieder auf diese Taktik setzt, dürfte der wachsende Mangel an Munition in den Reihen der Ukrainer sein. Kiew Streitkräften fehlt es allen voran an Artilleriemunition, um sich entlang der Frontlinie gegen russische Angriffe zur Wehr zu setzen. „Wir erhalten immer öfter Berichte über ukrainische Soldaten, denen an der Front die Munition ausgeht oder die sie sogar rationiert haben“, sagte der nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, Mitte Februar.
Doch während die westlichen Staaten zum Teil noch über Waffenlieferungen an die Ukraine streiten, schlägt Putins Armee Kapital aus der Lage an der Front. Der ukrainische Thinktank Centre for Defence Strategies (CDS) beschrieb die Taktik bei einem Angriff auf die Stadt Iwaniwske wie folgt: „Eine Angriffsgruppe, bestehend aus 100–200 Mann auf 8–12 Schützenpanzern, rückt schnell an die Frontlinie der ukrainischen Verteidigungskräfte vor und leitet einen Angriff ein. Aufgrund eines Munitionsmangels erreicht ein Teil der Angriffsgruppe das Ziel und greift in den Kampf ein. Gleichzeitig bewegt sich eine weitere Angriffsgruppe schnell auf das Kampfgebiet zu.“ Durch diese Taktik könnten die russischen Truppen kontinuierlich den Druck auf die Verteidiger erhöhen. Im Gegenzug seien die Verluste bei den Angreifern jedoch enorm.
Trotz extrem hoher Verluste – Russland setzt auf Sturmangriff-Taktik
Die Experten des CDS rechnen damit, dass die russische Armee bei einem solchen Sturmangriff in etwa 60 Prozent der gepanzerten Fahrzeuge und knapp die Hälfte des eingesetzten Personals verliert. In das Bild würden auch die hohen Zahlen der russischen Verluste passen, die der ukrainische Generalstab regelmäßig veröffentlicht. Diesen zufolge verliert Russland in der Regel zwischen 800 und 1000 Soldaten pro Tag. Hinzu kommt der Verlust von gepanzerten Fahrzeugen und Truppentransportern. Die Zahlen lassen sich jedoch nicht unabhängig überprüfen.
Es ist eine kostspielige Taktik. Doch kurzfristig gesehen scheinen die Sturmangriffe zu Erfolgen zu führen. Putins Streitkräfte konnten nahe dem Dorf Robotyne und in der Region um Iwaniwske Erfolge erzielen. In beiden Gebieten soll die Taktik zum Einsatz gekommen sein.
Russland setzt immer wieder „menschliche Wellen“ gegen ukrainische Stellungen ein
Grundsätzlich sind die Angriffe mit „menschlichen Wellen“ auch im Ukraine-Krieg keine Neuheit. Vor allem beim Kampf um die Stadt Bachmut im Winter 2022/2023 schickte Russland ohne Rücksicht auf Verluste Welle um Welle an Truppen auf die ukrainischen Verteidiger. Bei dem eingesetzten Personal handelte es sich jedoch vor allem um Wagner-Söldner unter der Führung des inzwischen verstorbenen Jewgeni Prigoschin. Berichten zufolge rekrutierte die Privatarmee ihre Söldner direkt aus russischen Gefängnissen und versprach ihnen die Freiheit, sollten sie die Sturmangriffe überleben.
In Bachmut gelang es den ukrainischen Verteidigern über Monate hinweg, die völlig zerstörte Stadt gegen die Wagner-Söldner zu verteidigen. Die Verluste Russlands waren mutmaßlich verheerend. Doch mit einem steigenden Mangel an Munition dürfte sich die Verteidigung von Stellungen deutlich schwieriger gestalten. Der Militärexperte Gustav Gressel erklärte in der vergangenen Woche gegenüber IPPEN.MEDIA, dass russische Truppen sich durch ukrainischen Munitionsmangel deutlich leichter und weniger vorsichtig an der Front bewegen könnten. Die russischen Truppen müssten etwa ihre Artilleriestellungen nicht mehr so häufig wechseln, da der Ukraine die Munition fehlt, um diese ins Visier zu nehmen.
Sollten die Munitionslieferungen an die Ukraine in Zukunft nicht zunehmen, könnte Russland diese „Banzai-Angriffe“ voerst weiter nutzen, um lange ersehnte Erfolge an der Front zu erzielen. (fd)