Ein Erfolg bei der Gegenoffensive hängt von der Zahl der Soldaten ab. Doch die Verluste im Ukraine-Krieg sind hoch – auf beiden Seiten. Wer muss zuerst aufgeben?
Kiew – Die Gegenoffensive im Ukraine-Krieg läuft. Doch es ist ein Wettlauf um Zeit – und um Soldaten. Trotz eines ersten Durchbruchs braucht die Ukraine viel mehr Reserven, um die mühsam erzielten Fortschritte halten und ausbauen zu können. Doch der Nachschub an Kämpfern für den Fronteinsatz wird immer schwieriger. Denn die Verluste sind enorm hoch – allerdings auf beiden Seiten. Wem gehen die Soldaten zuerst aus? Militärexperten sehen die Ukraine im Nachteil zu Russland.
„Die Ukraine hat natürlich eine kleinere Bevölkerung als Russland und ist deshalb, was die Menge der Soldaten angeht, in einer schwächeren Position“, sagte Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) dem Nachrichtenportal focus.de. Er verwies zugleich darauf, dass die Ukraine nach dem Beginn des Angriffskriegs die Bevölkerung vollständig mobilisiert habe – im Gegensatz zu Russland. Die Armee von Wladimir Putin setzt vor allem auf freiwillig rekrutierte Kämpfer.
Verluste im Krieg gegen Russland: Ukraine gehen bei Gegenoffensive die Soldaten aus
Seit nunmehr eineinhalb Jahren wehrt sich die Ukraine in dem Krieg gegen Russland. Wie viele Soldatinnen und Soldaten das Land bereits verloren hat, ist immer wieder Teil von Spekulationen. Insgesamt werden die Verluste im Ukraine-Krieg mittlerweile auf eine halbe Million Menschen geschätzt. Unter Berufung auf US-Regierungskreise bezifferte die New York Times die Zahl der Toten auf russischer Seite auf 120.000, hinzu kommen noch bis zu 180.000 Verletzte – weswegen auch der Kreml die Rekrutierung von Freiwilligen für den Fronteinsatz erhöht hat und dabei sogar vor illegalen Methoden nicht zurückschreckt. Auf ukrainischer Seite sollen indes bei den Kämpfen rund 70.000 Soldaten ums Leben gekommen und bis zu 120.000 verwundet worden sein.
Unabhängig überprüfen lässt sich das nicht. Fest steht aber, dass sich die ukrainische Regierung mit allen Mitteln um einen Ausgleich für die hohen Verluste bemüht. So kritisierte Wolodymyr Selenskyj erst kürzlich, dass sich zu viele seiner Landsleute im wehrfähigen Alter dem Kriegsdienst entziehen wollten.
Ukraine-Krieg: Soldaten kaufen sich vom Einsatz an der Front frei
So wittert er etwa eine „systematische Korruption bei der medizinischen Freistellung von Kriegsdienstverweigerern“. Wie er in einer Videoansprache vor wenigen Tagen kritisierte, gebe es immer mehr Verdachtsfälle, bei denen sich Männer und Frauen mit Schmiergeldzahlungen an Ärzte und an Amtsträger vom Wehrdienst freikauften – mit bis zu 15.000 US-Dollar. Angesichts der schwerer werdenden Rekrutierung werde man verstärkt gegen diese Fälle vorgehen, drohte der ukrainische Präsident mit harten Gegenmaßnahmen. Anfang August hatte er bereits alle Chefs der regionalen Rekrutierungsbüros entlassen.
In der Ukraine gilt seit eineinhalb Jahren das Kriegsrecht. Junge Männer im Alter zwischen 18 und 60 Jahren dürfen das Land nicht verlassen. Nach eigenen Angaben hat die Ukraine seit Kriegsbeginn rund 20.000 Männer an der Flucht ins Ausland gehindert. Natürlich gebe es Männer, die dem Krieg entfliehen wollten, zeigte Osteuropa-Experte Alexander Libman gegenüber focus.de Verständnis für die Männer. Immerhin gilt der Konflikt als eine der blutigsten Schlachten seit dem Zweiten Weltkrieg.
Verluste bei Offensive im Ukraine-Krieg: Durchbruch an der Front erfordert neue Soldaten
Nachdem der Ukraine-Krieg in den vergangenen Monaten lange ein Stellungskrieg war, ist die Ukraine in die Offensive gegangen. Aufgerüstet mit westlichen Waffen versuchen sie die Verteidigungslinien und Minengürtel von Russland an mehreren Frontabschnitten zu durchbrechen. Doch dadurch sind die Verluste gestiegen. Erste Erfolge gab es an der Südfront, wo die ukrainischen Truppen zuletzt mit der Eroberung des Dorfes Robotyne einen Durchbruch erzielen konnten. Bis zum Anbruch des Herbstes wollen sie jetzt noch mehr Geländegewinne verzeichnen.
Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks
Die Erfolgsaussichten bei der Gegenoffensive hängen auch von der Reserve ab. Zwar sind die jetzt noch folgenden Verteidigungslinien weniger gesichert. Doch jetzt stellen sich andere Herausforderungen. Denn an diesem Frontabschnitt erwarte die Landesverteidiger jetzt relativ offenes Gelände, gibt Militärexperte Nico Lange im Gespräch mit tagessschau.de zu Bedenken. „Wenn die Ukraine es also schafft, dort durchzubrechen, dann könnte es zu einem Bewegungskrieg kommen. Die entscheidende Frage wird dann sein: Wie viele Reserven hat die Ukraine dann noch, um aus diesen Durchbrüchen etwas zu machen?“