Erste Reise des Bundeskanzlers

Merz‘ Neustart in Paris und Warschau: Deutschland will wieder Führung zeigen

  • schließen

Die Besuche haben eigentlich Tradition – und doch sind die ersten Reisen des neuen Bundeskanzlers von besonderer Symbolik. Deutschland will in der EU wieder Führung zeigen. Paris und Warschau, die lange skeptisch auf den großen Nachbarn blickten, warten sehnlich darauf.

Emmanuel Macron weiß genau, wie diese Bilder später seziert werden. Friedrich Merz hat sich am Mittwochmittag vor dem Élysée-Palast kaum aus seiner Limousine geschält, da fällt ihm der französische Präsident bereits um den Hals. Ein fast schon kumpelhafter Handschlag, Umarmung links, Umarmung rechts. Bienvenue à Paris! Macron scheint es gar nicht abwarten zu können, dass jemand anderes als Olaf Scholz nun für Deutschland spricht. Zweimal haben sich die beiden seit Merz‘ Wahlsieg am 23. Februar bereits zu intensiven Gesprächen getroffen – einmal in Paris und einmal in Berlin. Jetzt aber ist es offiziell. Merz kommt als Kanzler.

Der frankophile Sauerländer, der seine politische Karriere im EU-Parlament im französischen Straßburg begann, ist da noch keine 24 Stunden im Amt. Den holprigen Start der neuen Bundesregierung haben sie in Paris natürlich aufmerksam verfolgt. „Eine Bombe ist explodiert“, schrieb Le Figaro. Merz habe eine „Backpfeife von seinem eigenen Lager und seinen Verbündeten“ erhalten. Doch der Kanzler hat Explosion und Backpfeife zumindest äußerlich unbeschadet überstanden. Leicht gebräunt steht er neben Macron, den er um einen halben Kopf überragt. Die ganze Visite liefert Bilder, die das gute Verhältnis der beiden dokumentieren sollen. Von „Neustart“ ist immer wieder die Rede.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Ein Anführer Europas? Merz will mit seinem ersten Amtstag ein Zeichen setzen

Merz liegt viel daran, dass der zweite Eindruck seiner Amtszeit besser ist als der erste. Er will ein außenpolitischer Kanzler werden, ein Anführer Europas, das sich des militärischen Drucks von Wladimir Putin, der wirtschaftlichen Aggression von Xi Jinping und den Irrungen eines Donald Trumps erwehren muss. Merz will deshalb ein enges Verhältnis mit Paris und Warschau, dem sogenannten Weimarer Dreieck. „Mir liegen diese beiden Länder sehr am Herzen“, sagt er schon im Flugzeug. Aber auch Großbritannien ist ihm wichtig. Begleitet wird er vom neuen Außenminister Johann Wadephul (CDU).

Schon auf seiner ersten Reise wird klar, dass Merz kein Kanzler sein will, der sich große Formulierungen für die Geschichtsbücher ausdenkt. Aber immerhin: Dies sei ein „deutsch-französischer Neustart für Europa“. Und Macron? „Es ist ein wichtiger Moment für unser Land“, sagt der Präsident. Es gehe nun um mehr als eine Kooperation oder eine Zusammenarbeit. „Es soll ein deutsch-französischer Reflex werden.“

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) landet bei seinem Antrittsbesuch in Paris.

Merz spricht bei Macron über den Ukraine-Krieg – und reicht Trump die Hand

Insgesamt bleiben beide recht technisch. „Unsere Ambitionen für Europa sind nur möglich, wenn Deutschland und Frankreich ihre jeweiligen wirtschaftlichen und sozialen Reformen koordinieren“, sagt Macron. Bei Investitionen, Verteidigung, Energie und Raumfahrt werde man „Hand in Hand arbeiten“. Merz ergänzt: „Wir nehmen auch Aufträge mit – für die beiden Regierungen und die Fachminister.“ Denn Meinungsverschiedenheiten sind nicht zu übersehen: Merz sagt klar, dass das Mercosur-Abkommen der EU mit Südamerika endlich kommen müsse, das Macron blockiert. Auch die europäische Schuldenpolitik bleibt eine Baustelle.

Doch beide versprechen, die Verteidigungsfähigkeit Europas zum gemeinsamen Projekt zu machen. Das war zu erwarten. „Wir werden in allen Mitgliedstaaten die Verteidigungsausgaben steigern müssen“, macht Merz gleich am ersten Tag eine Vorgabe für alle anderen. Die Ukraine habe weiter die volle Unterstützung, stellen beide klar. Bemerkenswert ist der Ton, den er gegenüber den USA anschlägt. Keine Distanzierung, keine Ermahnung. Stattdessen: „Auch Präsident Trump hat unsere volle Unterstützung, wenn es darum geht, ein Ende des Kriegs herbeizuführen und das Töten in der Ukraine zu beenden.“ Und: „Sobald ein Waffenstillstand vereinbart ist, sind wir bereit, uns an dessen Überwachung zu beteiligen unter der Führung und Beteiligung der USA.“

Dann geht es wieder zum Flughafen. Warschau lautet das zweite Ziel der Auftaktreise. Und natürlich ist auch beim Treffen mit dem polnischen Regierungschef Donald Tusk die Ukraine das große Thema – auch hier gibt es viel Einigkeit. Ärger aber gibt es um die Grenzkontrollen: „Ich möchte nicht die Atmosphäre kaputt machen“, sagt Tusk, eigentlich ein Freund von Merz. Aber niemand könne Migrantengruppen nach Polen schicken. „Das wird Polen nicht akzeptieren.“ Auch der reibungslose Grenzverkehr müsse erhalten bleiben. „Jeder Versuch dieser Art ist verknüpft mit größeren Problemen, vor allem für die Anwohner“, sagt Tusk. „Sie wissen ja, dass tausende Polen in Deutschland arbeiten, also hier wohnen und drüben arbeiten.“ Doch Merz verspricht, dass alle Verschärfungen nur in enger Absprache mit Polen erfolgen werde.

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa

Kommentare