VonAndreas Schmidschließen
Die Fußball-WM war die politischste der Geschichte. Was jedoch politisch ist und was nicht, entscheiden Fifa und Katar weitgehend selbst.
Lusail – Nach Abpfiff des WM-Finales richteten sich die Augen der Weltöffentlichkeit vor allem auf einen Mann: Lionel Messi. Der vielleicht talentierteste Fußballer der Geschichte hat nach mehr als 1000 Pflichtspielen den Olymp erreicht. Weltmeister. Wer das Endspiel nicht gesehen hat und am Morgen lediglich die Titelseiten der Gazetten sah, wird sich gewundert haben. Messi reckte den Pokal in einen schwarzen Umhang gehüllt in die Höhe.
Katars Emir Tamim bin Hamad al-Thani hatte ihm das arabische Übergewand („Bischt“) übergezogen – und so den bedeutendsten Moment in Messis Karriere zur eigenen Selbstdarstellung missbraucht. Die Fifa jazzte das Turnier schon im Vorfeld zur „besten WM aller Zeiten“ hoch. Am Ende war es wohl auch die politischste Endrunde. Ein Turnier mit politischen Botschaften, Verboten und viel Wirbel um Flaggen.
Deutschland „Weltmeister der Doppelmoral“? Mund-zu-Geste sorgt für Häme
Bei keinem Turnier gab es schon vor Anpfiff so viel Diskussionen über den Gastgeber. Das kleine und schwerreiche Katar steht aufgrund von Menschenrechtsverletzungen in der Kritik. In einer vor allem in westlichen Ländern geführten Debatte wurden gar Boykottaufrufe laut. Die Forderungen verloren an Vehemenz, als Wirtschaftsminister Robert Habeck einen Energiedeal mit dem Emirat abwickelte. Selbst das ZDF attestierte Deutschland den Titel „Weltmeister der Doppelmoral“.
Deutschland trat bei dem Turnier dennoch als einer der stärksten Kritiker auf. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) vermied es, zu den Spielen der deutschen Nationalmannschaft zu reisen. Ob er auch einem Finale mit deutscher Beteiligung ferngeblieben wäre, ist unklar. Frankreichs katarnaher Präsident Emmanuel Macron nutzte die Siegerehrung im WM-Finale freilich auch, um sich als Politiker zum Anfassen in Szene zu setzen.
Scholz schickte stattdessen Sportministerin Nancy Faeser nach Katar. Die SPD-Politikerin setzte sich mit „One-Love“-Binde auf die Tribüne. Jenes politisches Statement, das die Fifa im Vorfeld unter Androhung von Gelben Karten untersagte. Der DFB, der zuvor noch großspurig getönt hatte, Sanktionen in Kauf zu nehmen, kuschte vor dem Weltverband.
Im ersten WM-Spiel posierten die deutschen Nationalspieler dann mit der Hand vor dem Mund. Ein intern wohl umstrittenes Zeichen gegen die Einschränkung von Meinungsfreiheit, das in der Golfregion nach dem deutschen Ausscheiden verspottet wurde. Im katarischen Fernsehen lachte man über die Geste. Andere Nationen hatten zuvor ebenfalls Protest angekündigt, dann aber rasch klein beigegeben. Fußball sei Fußball und Politik Politik hieß es von den Mannschaften Frankreichs, Englands oder der Niederlande. Aussagen, die die Fifa zufriedenstellen sollten.
Was politisch erlaubt ist und was nicht, entscheiden Fifa und Katar
Was politisch erlaubt ist und was nicht, entscheidet die Fifa selbst. Gewiss auf Anweisung des WM-Gastgebers, was etwa beim Streit um das Alkoholverbot deutlich wurde, das Katar gegen die Interessen der Fifa und ihren Brauereisponsor Budweiser durchboxte. Und so diktierte der Gastgeber dem Weltverband auch den Umgang mit Flaggen. Regenbogenfahnen als Symbol der LGBTQ-Bewegung avancierten wie schon bei der vergangenen EM zum politischen Zeichen. Die Fifa verwies nun auf die in ihren Statuten festgeschriebene politische Neutralität.
Bei anderen Fahnen herrschten jedoch andere Maßstäbe. So sah man in nahezu jedem Stadion palästinensische Flaggen. WM-Überraschung Marokko jubelte gar auf dem Feld mit Fahnen Palästinas. Gleichzeitig gab es Berichte über Beschimpfungen für israelische Fans und Journalisten. Die arabische Welt positionierte sich im Nahostkonflikt vor der Weltöffentlichkeit.
Politische Zeichen bei der WM
Das Rampenlicht wusste auch die iranische Nationalmannschaft zu nutzen. Demonstrativ weigerte sich die Mannschaft, im ersten WM-Spiel die eigene Hymne mitzusingen. Ein Zeichen gegen das Regime in Teheran, das nach dem Tod der jungen Frau Jina Mahsa Amini großen Protesten ausgesetzt ist. Die Staatsmedien brachen die Übertragung ab, im nächsten Spiel sollte die Mannschaft die Hymne wieder singen. Wohl auf Druck des Mullah-Regimes. Hinzu kommen Berichte über Repressionen gegen iranische Fans, die im Stadion gegen die iranische Politik demonstrierten. Politisch aufgeladen war schließlich das Spiel der Iraner gegen den „Erzfeind“ USA. Der Social-Media-Account der US-Boys entfernte in seinen Beiträgen die Symbole der Islamischen Revolution aus der iranischen Flagge, letztlich blieb rund um die Partie jedoch alles ruhig.
Auch in der Partie Serbien gegen Schweiz ging es nach Abpfiff um Politik. Serbien fühlte sich von Granit Xhaka provoziert. Der Sohn albanisch-kosovarischer Eltern jubelte im Trikot von Ardon Jashari. Jashari ist auch der Name eines kosovarischen Unabhängigkeitskämpfers, Serbien erkennt den Kosovo nicht an und betrachtet ihn als eigenes Territorium. Zuvor musste der serbische Verband eine Geldstrafe wegen einer kosovokritischen Flagge zahlen. Auf der Flagge waren die Umrisse des Kosovo in den serbischen Farben sowie die Botschaft „Niemals aufgeben“ abgebildet.
Serbia's national team basically calling for genocide in #Kosova during @FIFAWorldCup.
— Kosovan Football 🇽🇰 (@kosovanfooty_EN) November 25, 2022
Disgusting @FIFAcom. pic.twitter.com/VlQ3Kwh7kz
Mit Blick auf den Ukraine-Krieg hielt sich die Fifa derweil gänzlich raus. Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj wollte vor dem WM-Finale eine Friedensbotschaft über die Stadionleinwände versenden. Darin sagte er: „Wir Ukrainer streben nach Frieden mehr als alles andere. Wir bieten der Welt eine Friedensformel an. Wir bieten sie an, weil es im Krieg keine Champions gibt. Es kann auch kein Unentschieden geben.“ Die Fifa, die die WM 2018 nach Russland vergeben hatte, erlaubte die Rede nicht.
Politik durch Sport: „Alle Gastgeberstaaten nutzen das als Imagewerbung“
Insgesamt war die Weltmeisterschaft 2022 politisch brisant. Dass Sport und Politik getrennt werden können, ist schlicht ein Irrglaube. Politiker nutzen die Bühne gerne zu Profilierungszwecken, Sportler avancieren zum „Instrument für eine politische Agenda“. Der Sporthistoriker Wolfram Pyta sagte Merkur.de mit Blick auf die Olympischen Spiele in Peking: „Sportliche Großereignisse haben einen transnationalen Eventcharakter und damit eine große Reichweite. Alle Gastgeberstaaten nutzen das als Imagewerbung.“ Das trifft freilich auch auf Katar zu.
Das Emirat benutzt den Sport als sogenanntes Soft-Power-Instrument. Die WM ist der Gipfel einer jahrelangen Strategie, durch das Austragen von Sportereignissen von Missständen im eigenen Land abzulenken. Das scheint aufzugehen. Das mit spektakulären Bildern im Showcharakter orchestrierte Turnier verlief trotz politischer Störfeuer weitgehend reibungslos. Die Organisation des WM-Gastgebers funktionierte und große Skandale blieben aus. Katar hat es – gerade in nicht-westlichen Ländern – geschafft, sich politisch in Szene zu setzen. Fifa-Präsident Gianni Infantino, der mittlerweile in Doha lebt, spielte dieses Spiel als rechter Arm des Emirs gerne mit. Auch für den Weltverband war die Mega-WM finanziell gesehen ein Erfolg. Wer zahlt, schafft an – und legt dem Weltmeisterkapitän einen Umhang um. (as)


