Ölindustrie

Norwegische Klima-Kleber legen Verkehr lahm – aber sie haben andere Ziele als die Deutschen

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Schleichen statt Kleben: Die Zeitlupen-Nummer ist eine Taktik der norwegischen Klima-Bewegung „Stopp Oljeletinga“, um den Straßenverkehr zu stören.
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Die norwegische Protestbewegung „Stopp Oljeletenga“ nutzt Methoden wie die Letzte Generation, doch ihr Ziel anders: Das hängt mit dem größten Dilemma Norwegens zusammen.

Oslo – Es wirkt, als würde man Filmaufnahmen in Zeitlupe abspielen, Standbild für Standbild: Extrem langsam bewegen sich rund 20 Menschen in orangefarbenen Warnwesten in Millimeterschrittchen den Wergelandsveien in Oslo hinunter. Das königliche Schloss ist gleich um die Ecke, es ist morgendliche Rush Hour – und die Westenträger sorgen für Stau. Ähnlich wie die sogenannten Klima-Kleber in deutschen Großstädten, die sich aus Protest gegen Verbrennermotoren auf die Straßen kleben. Das Paradoxe: Hier in Oslo sind es fast ausschließlich emissionsfreie E-Autos, die sich jetzt an den Demonstranten vorbei quälen müssen, Benzin- oder Dieselfahrzeuge sieht man in der norwegischen Hauptstadt kaum. Aber den Aktivisten hier geht es um etwas anderes als ihren deutschen Kollegen: Es geht um das vielleicht größte Dilemma Norwegens.

Aktivist Fridtjof von der Protestbewegung „Stopp Oljeletenga“ fordert: „Norwegen soll sich vom Ölgeschäft trennen.“

Klima-Kleber in Norwegen: „Das muss aufhören“

„Das muss aufhören“, sagt einer der Demonstranten namens Fridtjof. „Stopp Oljeletinga“ (Stoppt die Öl-Exploration) heißt die Bewegung, die so etwas wie die norwegische Version der Letzten Generation ist. „Wir haben ähnliche Methoden“, erklärt der 33-Jährige. Manchmal kleben sie sich auch fest, zuletzt etwa war eine Klebe-Attacke auf Norwegens berühmtestes Gemälde „Der Schrei“ im Munch-Museum geplant; die konnte in letzter Sekunde vereitelt werden. Neueste Taktik ist jetzt die Zeitlupen-Nummer. Der Effekt sei ähnlich groß wie bei den Klebe-Aktionen – aber wenn die Polizei kommt, kann man einfach weggehen, sagt Fridtjof. Norwegischer Pragmatismus.

Ähnlich wie Letzte Generation – aber mit speziellem Ziel

Anders als die Letzte Generation, hat die norwegische Protestbewegung ein sehr spezifisches Ziel: „Wir wollen, dass Norwegen endlich aufhört, Öl zu fördern. Es droht sonst eine Umweltkatastrophe, unsere Zukunft steht auf dem Spiel“, sagt Fridtjof.

Tatsächlich war es der Öl-Boom in den 1960er Jahren, der Norwegen vom Armenhaus Europas zu einem der reichsten Länder der Welt gemacht hat. Seit den 90er Jahren legt der Staat die immensen Einnahmen aus den Öl- und Gasexporten im sogenannten Ölfonds an. Der wird seit Jahrzehnten immer fetter, allein im ersten Halbjahr 2023 gab es ein Plus von umgerechnet über 130 Milliarden Euro. „Die norwegische Regierung plant, weitere Ölfelder zu erschließen“, sagt Olav Øye von der NGO Bellona in Oslo, die an Lösungen der Klimakrise arbeitet. „Das ist problematisch, sowohl für das Klima, als auch direkt für die Umwelt, weil auch in emfindlichen Ökosystemen gebohrt wird“, so Øye.

Pikant: Während fossile und klimaschädliche Brennstoffe Norwegen extremen Wohlstand beschert haben und weiterhin sehr viel Geld in die Kassen spülen, will das Land selbst bald emissionsfrei sein. Elektromobilität wurde massiv gefördert, der Strom, der hier aus der Steckdose kommt, stammt zu fast 100 Prozent aus Wasserkraft und beim Thema CO2-Speicherung (CCS) ist Norwegen so weit wie sonst kaum ein Land auf der Welt. Wie passt das zusammen?

Energiepolitik in Norwegen: „Man schiebt das Problem einfach weg“

„Aus norwegischer Sicht ist das kein Widerspruch“, erklärt Tobias Etzold. Der Politologe forscht am staatlich geförderten Thinktank Nupi (Norwegian Institute of International Affairs) in Oslo unter anderem zu Energie- und Sicherheitsthemen. „Die hiesige Mentalität ist: Das Öl ist fürs Ausland, damit haben wir nichts mehr zu tun, wir exportieren es nur. Was die anderen dann damit machen, ist nicht unser Problem. Damit schiebt man das Problem einfach weg”, erklärt der Experte.

Tobias Etzold forscht am Norwegian Institute of International Affairs in Oslo.

Das sähen allerdings bei weitem nicht alle so. „Manche sagen: Aufgrund seiner Öl-Industrie ist Norwegen eigentlich ein großer CO2-Emittent und kann sich da nicht rausreden. Das Bewusstsein dafür, dass Norwegen seine Abhängigkeit von Öl und Gas reduzieren muss, ist bei manchen durchaus da.“ In der Tat schaut sich das skandinavische Land nach Alternativen um, das Thema Wasserstoff etwa wird wohl eine entscheidende Rolle spielen: Norwegen will künftig Millionen Tonnen blauen und später grünen Wasserstoff vor allem in Richtung Deutschland und Niederlande liefern, es gibt bereits konkrete Pläne für Pipelines. Potenzielle Abnehmer in der Industrie gibt es genügend, im Zuge der geplanten Dekarbonisierung sind viele Big Player auf Wasserstoff aus dem Norden angewiesen. Beispiel Thyssenkrupp Steel in Duisburg: Dort soll Stahl bald mithilfe von blauem Wasserstoff statt Kohle produziert werden – und das noch in diesem Jahrzehnt. Und der größte Binnenhafen der Welt in Duisburg arbeitet mit immensem Aufwand daran, zum zentralen Wasserstoff-Hub zu werden.  

Wasserstoff-Exporte bedeuten Wohlstandsverlust

Nur: Selbst wenn die Wasserstoffproduktion und der Handel im großen Stil irgendwann angelaufen sind, werden die Erträge über Jahre und vielleicht Jahrzehnte nicht das Niveau der Öl-Gewinne erreichen, da sind sich die Experten einig. „Das bedeutet erst einmal sicher einen gewissen Wohlstandsverlust“, sagt Tobias Etzold. Wenngleich sich Norwegen schon zu Beginn des Öl-Booms der Endlichkeit des Geschäfts bewusst gewesen sei – „deshalb gibt es ja auch den Öl-Fonds, um den Wohlstand auch für die Zeit danach zu sichern.“ Und doch sei es sicher angebracht, sich mittelfristig vom Öl unabhängig zu machen.

So sieht es auch Fridtjof von der Bewegung „Stopp Oljeletinga“. Norwegen solle lieber in neue Technologien investieren, um sich möglichst schnell vom Ölgeschäft zu trennen, sagt er: „Aber es geht eben nur ums Geld.“

Manche halten die Klima-Kleber für ziemlich naiv

Konservative Kreise in Norwegen fänden Positionen wie diese indes naiv, sagt Tobias Etzold. „Der Vorwurf lautet: Gerade bei den Jüngeren gibt es eine deutliche Anspruchshaltung an die staatliche Versorgung, etwa beim Bildungssystem. Dass das in Norwegen gut ist, ist aber eben dem Ölboom der 1960er Jahre und dem Handel mit Öl und Gas geschuldet.“ (pen)

Transparenzhinweis: Ippen.Media wurde von der norwegischen Botschaft in Berlin nach Oslo eingeladen.

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