Israels Bodenoffensive gegen die Hamas: Gaza könnte zum „Mogadischu auf Steroiden“ werden
VonSebastian Richter
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Nach dem Angriff der Hamas auf Israel antwortet die Armee mit Angriffen im Gazastreifen. Die Bodenoffensive könnte jedoch problematisch werden.
München – Israel reagiert auf den massiven Angriff der Hamas vor knapp zwei Wochen mit Operationen im Gazastreifen. Eines der Hauptziele laut Tel Aviv: Die Befreiung der etwa 200 verschleppten Geiseln. Die Bodenmaßnahmen im von der Hamas kontrollierten Gebiet könnten allerdings für die israelische Armee noch zu großen Rückschlägen führen, wie Ex-CIA-Chef David Petraeus gegenüber dem US-Magazin Politico darstellt. Auch die Dauer des Einsatzes könnte länger sein, als erwartet.
So könnte eine Fortsetzung der Bombenkampagne und eine Landinvasion der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) sehr schnell in einem „Mogadischu auf Steroiden“ enden, zitiert Politico den ehemaligen Leiter der CIA, der zuvor als Vier-Sterne-General der USA im Irak und in Afghanistan tätig war.
Bodenoffensive im Israel-Krieg: Gaza als „Mogadischu auf Steroiden“? US-General zieht Vergleich
Mit seiner Aussage bezieht sich Petraeus auf das Jahr 1993. Damals wurden drei amerikanische Black-Hawk-Hubschrauber in Mogadischu abgeschossen, was zu schweren Kämpfen zwischen der US-Armee und der Somalischen Nationalen Allianz mit zahlreichen Toten führte. Die als „Schlacht von Mogadischu“ bekannte Auseinandersetzung gilt als verlustreichste Schlacht der USA seit dem Vietnam-Krieg.
Petreus zieht in seinem Statement Parallelen zwischen Mogadischu und dem Gazastreifen, beides sind dicht besiedelte Gebiete, es kämpfen eine strukturierte, hochtechnologisierte Armee auf der einen Seite gegen eine auf den ersten Blick unterlegenen Gegner. Zwar wird die IDF seit vielen Jahren auf den Häuserkampf vorbereitet, dennoch könnten in Gaza einige Überraschungen warten.
Selbstmordattentate, Hinterhalte, Sprengfallen: Israel wird im Gaza-Streifen mit vielen Problemen konfrontiert
„Wenn sie [Hamas] in der Verteidigung genauso kreativ sind wie bei diesem schrecklichen, barbarischen, unaussprechlichen Angriff, dann werden Sie Selbstmordattentäter sehen, Sie werden improvisierte Sprengkörper sehen, es wird Hinterhalte, Sprengfallen und so weiter geben“, prognostiziert Petreus. Seine persönliche Erfahrung „mit der Führung von Armeen in brutalen Aufstandsbekämpfungskampagnen“ sollte für Israel als Warnung dienen, schreibt Politico weiter.
„Es fällt mir schwer, mir eine kompliziertere Situation als diese vorzustellen, und ich war einer, der Streitkräfte bei einer Reihe großer städtischer Operationen befehligte“, so Petraeus weiter. „Aufstandsbekämpfung gewinnt man nicht in ein oder zwei Jahren. Normalerweise dauert es ein Jahrzehnt oder länger, wie wir im Irak und in Afghanistan gesehen haben.“
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
Bodenoffensive in Gaza: US-Denkfabrik warnt Isreals Armee
Die unabhängige Denkfabrik Stimson sieht ebenfalls Probleme auf die IDF zukommen. In einer Analyse vom 17. Oktober verweist Stimson auf die enorme Bevölkerungsdichte in Gaza. Zwei Millionen Menschen leben dort auf nur 365 Quadratkilometern (vergleichbar mit Bremen). Ein direkter Angriff könne „katastrophale Auswirkungen“ auf die Zivilbevölkerung und die Infrastruktur haben, wie bereits mehrfach bei ähnlichen Konflikten beobachtet wurde.
Militärisch lässt sich aus urbanen Konflikten der Vergangenheit allerdings nur wenig auf die aktuelle Situation übertragen. Jede Stadt habe ihre „eigene, einzigartige Identität“, die durch „Stadtstruktur, kulturelle Traditionen, religiöse Praktiken, Sprachen, ethnische Hintergründe, Baumaterialien, Klima und Regierungsführung“ geprägt sei. „In einer Stadt zu agieren bedeutet also, sich in relativ unbekanntes Terrain vorzuwagen. Methoden, die in einer Stadt erfolgreich sind, können in einer anderen scheitern.“ (spr)