Durchbruch der ukrainischen Gegenoffensive in Gefahr? Russland startet wohl „Überraschungsangriff“
VonHelmi Krappitz
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Die Ukraine soll im Zuge der Gegenoffensive russisches Militär in die Flucht geschlagen haben. Der Weg in den Süden wird damit immer zugänglicher.
Update vom 1. Juli, 15.54 Uhr: Offenbar wurde ein strategisch wichtiger Stützpunkt ukrainischer Truppen am Ostufer des Flusses Dnipro in der Südukraine nach fast einer Woche schwerer Kämpfe beseitigt. Das meldete der von Russland ernannte Gouverneur der besetzten Stadt Cherson am Samstag. Demnach starteten russische Spezialeinheiten einen „Überraschungsangriff“ von der Rückseite der ukrainischen Truppen, die in der Nähe der Antoniwskyi-Brücke stationiert waren. Dann habe man sich vom Fluss aus mit einem Boot genähert, sagte der Beamte Vladimir Saldo in einem Telegrampost. „Um 3 Uhr morgens waren der Stützpunkt und das Hotel, in dem sich die ukrainischen Kämpfer verschanzt hatten, eingenommen worden“, schrieb Saldo. „Das war‘s, keine (ukrainischen) ‚Brückenköpfe‘ auf dem linken Ufer“, fügte er hinzu.
Die Antoniwka-Brücke über den Fluss Dnipro in Cherson wurde Anfang November 2022 von russischen Truppen zerstört. Trotzdem ist es der Ukraine jetzt wohl gelungen, den Fluss zu überqueren.
Ärger für Russland? Ukraine meldet Errichtung eines Brückenkopfes an strategisch wichtigem Fluss Dnipro
Update vom 1. Juli, 12.15 Uhr: Die Gegenoffensive der Ukraine gewinnt langsam an Fahrt. Für den langfristigen Erfolg im Ukraine-Krieg könnten dabei die Kämpfe in der Region Cherson im Süden des Landes von besonderer Bedeutung sein. Schon seit der Befreiung des westlichen Teils des Gebiets im November 2022 operieren ukrainische Streitkräfte regelmäßig im Delta des Dnipro. Nun ist der Ukraine dort wohl ein Durchbruch gelungen. Nach britischer Einschätzung hat das ukrainische Militär einen Brückenkopf am Ostufer des Dnipro errichten und den Fluss überqueren können. Nun versuchen die Truppen, am linken Ufer Fuß zu fassen.
Seit rund einer Woche bringen die Ukrainer Truppen nahe der zerstörten Antoniwka-Brücke bei Cherson ans Ufer, wie das britische Verteidigungsministerium am Samstag (1. Juli) mitteilte. „Die Kämpfe um den Brückenkopf werden mit ziemlicher Sicherheit durch Überschwemmungen, Zerstörungen und Schlammrückstände nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms am 6. Juni 2023 erschwert“, hieß es in London weiter. Unter den russischen Truppen dort seien auch Einheiten der 7. Garde-Luftsturm-Division, die zur Armeegruppe Dnipro gehören. „In den vergangenen Wochen hatte Russland sehr wahrscheinlich Teile der Armeegruppe Dnipro, die das Dnipro-Ufer verteidigen, verlegt, um die Front bei Saporischschja zu verstärken“, hieß es.
Ukrainischer Gegenoffensive gelingt gegen Russland wohl taktischer Durchbruch an Schlüsselstelle
Zugleich berichtete das „Institute for the Study of War“ in seinem aktuellen Bericht, dass es den russischen Truppen nicht gelungen sei, die bis zu 70 Mann starke Einheit der Ukrainer aus ihren befestigten Stellungen unter dem östlichen Bogen der Antoniwka-Brücke zu vertreiben. Ein ukrainischer Brückenkopf am Dnipro ist für Russland heikel, da die im östlichen Teil der Region Cherson errichteten russischen Befestigungen entlang einer Ost-West-Achse gebaut wurden, um einen ukrainischen Angriff von Norden her aufzuhalten. Eine mögliche Attacke von Westen her stellt daher eine ernste Bedrohung für die russischen Streitkräfte in der Region dar.
Frontdurchbruch gegen Russland? Ukraine überquert offenbar den Fluss Dnipro Richtung Cherson
Erstmeldung vom 26. Juni: Dachi – Besonders von russischer Seite häuften sich in den vergangenen Tagen die Meldung, dass das ukrainische Militär weiter Richtung Süden vorstoße. Die eher schleppend angelaufene Gegenoffensive im Ukraine-Krieg sei nun am Ostufer des Dnipro im Oblast Cherson intensiviert worden. Berichte von russischen Militärbloggern auf Twitter und Telegram verkündeten Angriffe auf die Frontlinie. Den Fluss sollen die Truppen überquert haben, aber bis Cherson gebe es noch einige Hürden.
Demnach soll sich das ukrainische Militär nahe der Antoniwka-Brücke nordöstlich von Cherson verschanzt haben. Seit Ende vergangener Woche hätten sich Soldaten dort aufgehalten, den Dnipro mit Schnellbooten überquert und Artillerie auf die russischen Soldaten gefeuert. Die Überreste der Brücke hätten als Deckung gedient. Die Kämpfe dauern seit Samstag an, so die russischen Quellen. Offiziell wurden die Kämpfe und Überquerung des Dnipro nicht verifiziert, so das Institute for the Study of War (ISW).
Die Überquerung des Flusses ist zwar nicht bestätigt, das erfolgreiche Vorgehen der Ukraine in der Gegenoffensive hingegen: „Ukrainische Kräfte haben sowohl an der nördlichen als auch an der südlichen Flanke Fortschritte gemacht“, hieß es im täglichen Geheimdienstbericht zum Krieg in der Ukraine des Verteidigungsministeriums in London am 26. Juni. Das zeigen auch die nicht verifizierten Aufnahmen auf Twitter. Sie sollen den Beschuss in der Ortschaft Dachi zeigen. Ein russischer Panzer soll auf die ukrainischen Stellungen am Südende der Antoniwka-Brücke zielen, um den Russen einen Rückzug zu ermöglichen.
Militär: Russland verteilt Truppen im Ukraine-Krieg neu - Krim soll gehalten werden
Russland hatte bereits in den vergangenen Wochen angefangen, Teile seiner Dnipro-Truppen vom Ostufer anzuziehen. Damit soll laut britischem Geheimdienst die Front bei Saporischschja und Bachmut gestärkt werden. Darunter seien tausende Soldaten der 49. Armee gewesen. Mit der offenbaren Überquerung des Dnipro sieht Russland vermutlich auch die in 2014 völkerrechtswidrig annektierte Halbinsel Krim in Gefahr. Dort habe Russland seine Verteidigungsanlagen ausgebaut – besonders im Verbindungsgebiet von Cherson und der Krim, schätzte das britische Verteidigungsministerium am 21. Juni die Lage ein. Das zeige, dass Moskau der Ukraine einen direkten Angriff zutraue. „Für Russland hat die Aufrechterhaltung der Kontrolle über die Halbinsel weiterhin höchste politische Priorität“, hieß es weiter.
Dnipro im Ukraine-Krieg: Gebiet nach Fluss soll sumpfig und die Konka-Brücke vermint sein
So einfach ist der Weg nach Süden jedoch nicht. Denn viele Twitter-User gehen davon aus, dass das russische Militär die Konka-Brücke vermint habe – und bei einem Vormarsch der Ukraine sprengen werde. Das taten sie bereits mit der Antoniwka-Brücke, die durch Kämpfe jedoch schon stark beschädigt war, berichteten russische Militärblogger. Den Weitermarsch würde auch das nach dem Dnipro folgende Sumpfgebiet erschweren, schrieb ein Twitter-Nutzer, der laut eigenen Angaben aus Cherson stamme. Das Gelände sei zwar unwegsam, unmöglich sei es dennoch nicht.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Aber auch in anderen Gebieten erweist sich die Gegenoffensive als erfolgreich, so auch um die Stadt Bachmut, hieß es in dem Bericht des britischen Verteidigungsministeriums. Russland hätte kaum Kapazitäten, ihre Truppen um die Hunderte Kilometer lange Frontlinie zu verstärken. Die ukrainische Vizeverteidigungsministerin Hanna Maljar gab via Telegram bekannt, dass die Ukraine inzwischen 130 Quadratkilometer im Süden des Landes von russischen Besatzern befreit habe. (hk)