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Wenn er in der Ukraine verliert: Experte sieht nächstes Land in Putins Fadenkreuz

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Wladimir Putin könnte seine Ziele in der Ukraine krachend verfehlen. Laut einem Osteuropa-Experten würde eine russische Niederlage ein anderes Land auf Moskaus Agenda bringen.

Moskau – Untergrabene Autonomierechte, hohe Verluste im Ukraine-Krieg, internationale Ausgrenzung: Wladimir Putins Macht wankt, selbst in Tatarstan im westlichen Teil Russlands, macht sich wohl große Unzufriedenheit breit.

Während russische Truppen wegen der ukrainischen Gegenoffensive etwa in Bachmut für die imperialistischen Gelüste des Moskau-Machthabers einen hohen Blutzoll bezahlen, glaubt ein Osteuropa-Experte, dass ein anderes Land bei einem militärischen Scheitern in der Ukraine wieder in den Fokus des Kreml geraten könnte: Georgien im Südkaukasus.

Nach Niederlagen im Ukraine-Krieg: Rückt Georgien wieder in den Fokus von Wladimir Putin?

„Aktuell wissen wir nicht, wie der Ukraine-Krieg ausgehen wird. Russland wird in jedem Fall enorme ökonomische Probleme bewältigen müssen. Ein autokratisch-repressiver Staat versucht häufig, mit außenpolitischen Erfolgen über innenpolitische Probleme hinwegzutäuschen“, erklärt Prof. Dr. Klaus Gestwa von der Universität Tübingen im Gespräch mit Merkur.de von IPPEN.MEDIA: „Die verpasste innergesellschaftliche Modernisierungspolitik führt folglich zu einer aggressiv-konfrontativen internationalen Politik nach außen.“ Ein mögliches theoretisches Ziel wäre laut dem Historiker in diesem Fall Georgien.

Hauptstadt Georgiens: Tiflis, das rund 1,1 Millionen Einwohner zählt.

Gestwa ist an der Uni Tübingen Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde. Der 60-Jährige hat einst in Moskau sowie in Sankt Petersburg studiert, und er hält auch in den Kriegswirren informelle Kontakte nach Russland.

Russlands Präsident Wladimir Putin: Kriege als wichtiges Mittel der Macht

„Bei Putin ließ sich von Beginn seiner Herrschaft an beobachten, dass immer dann, wenn es innenpolitische Probleme gab und es um seine Zustimmungswerte nicht gut bestellt war, Kriege ausbrachen, um dadurch die Legitimität seines Syndikats zu festigen. Krieg ist für Putin nicht das Versagen von Politik, sondern vielmehr ein wichtiges Mittel, um seine Macht zu erhalten und auszubauen“, sagt Gestwa, der seit vielen Jahren zur politischen Kultur in der Russischen Föderation forscht. Der Geschichtswissenschaftler nennt als Beispiel den Einmarsch russischer Truppen in zwei nördliche Provinzen Georgiens: „Seine Popularität war niemals größer als 2008 nach dem russisch-georgischen Krieg und 2014 nach der Krim-Annexion.“

Krieg ist für Putin nicht das Versagen von Politik, sondern vielmehr ein wichtiges Mittel, um seine Macht zu erhalten und auszubauen.

Prof. Dr. Klaus Gestwa von der Uni Tübingen

Ein Rückblick: Zwischen dem 7. und 12. August 2008 waren im sogenannten Kaukasuskrieg um die Unabhängigkeit der international nicht anerkannten Republiken Südossetien und Abchasien nach einer georgischen Offensive gegen die abtrünnigen Regionen, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 unter dem Protektorat Moskaus stehen, Tausende russische Soldaten einmarschiert und bis wenige Kilometer vor die Hauptstadt Tiflis vorgerückt. Mindestens 15 georgische Städte sollen durch die russische Luftwaffe bombardiert worden sein.

Russisch-georgischer Krieg 2008: Wladimir Putin konnte Sieg für sich beanspruchen

Der militärische Konflikt endete mit einer Niederlage der georgischen Armee. Seit Februar 2022 gab es in dem kleinen Land mit seinen geschätzt 4,9 Millionen Einwohnern anti-russische und pro-europäische sowie umgekehrt auch pro-russische Demonstrationen. Die Gesellschaft gilt als gespalten.

Land:Georgien
Einwohner:ca. 4,9 Millionen
Lage:Südkaukasus am Schwarzen Meer
Grenzen mit:Russland, Türkei, Armenien und Aserbaidschan
Hauptstadt:Tiflis (ca. 1,1 Millionen Einwohner)
politisches System:parlamentarische Republik
Staatsoberhaupt:Präsidentin Salome Surabischwili
Regierungschef:Premierminister Irakli Gharibaschwili
Verteidigungskräfte: 61.200 Berufssoldaten in Heer und Luftwaffe; geschätzt 120.000 Reservisten

„In Georgien ist die Situation deshalb angespannt, weil dort viele temporär Schutzsuchende aus Russland untergekommen sind. Sie kaufen sich Immobilien oder suchen nach Wohnungen. Das hat die Preise für Wohnraum und Gewerbeflächen hochgetrieben und schürt den Unmut der georgischen Bevölkerung gegenüber den Zugewanderten“, erzählt Gestwa Merkur.de von IPPEN.MEDIA: „Viele Menschen in Georgien haben zudem die Sorge, dass sich in ihrem Land eine kremlkritische Diaspora gründen könnte. Das böte Moskau einen weiteren Grund, um in Georgien militärisch aktiv zu werden, wenn russische Truppen dafür mobilisiert werden können.“

Sorge vor Wladimir Putin: Georgien hat lange Grenze mit Russland

Georgien habe nicht zuletzt eine lange Grenze mit der Russischen Föderation, erklärt der Historiker: „Der russisch-georgische Krieg von 2008 zeigte, dass russische Truppen innerhalb weniger Tage die Hauptstadt Tiflis erreichen können.“ Aktuell halte er besagtes Szenario aber nicht für möglich, „selbst die Hauptstadt Moskau lässt sich gegen 6000 bis 8000 Söldner kaum mehr verteidigen. Die russischen Streitkräfte sind an der ukrainischen Front gebunden“, sagt er, das habe die Wagner-Meuterei deutlich gemacht.

Vergangenes Jahr hatte die georgische Politikerin Tina Khidashel einen möglichen russischen Überfall auf Georgien eingeordnet. „Die Besetzung von 20 Prozent des georgischen Territoriums war nicht nur ein politischer Akt, um die Unabhängigkeit Abchasiens und Südossetiens anzuerkennen, sondern auch die konsequente Erfüllung zweier sehr wichtiger Aufgaben - sowohl die Stationierung russischen Militärs unweit der Nato-Grenze zu gewährleisten als auch den Beitritt Georgiens zur Nato zu behindern“, erklärte Khidashel der Friedrich-Naumann-Stiftung zu 2008.

19. August 2008: russische Panzer in Georgien.

Georgien: Trotz Drucks aus Russland strebt die Regierung nach Westeuropa

Die genannten Regionen mit zusammen gerade mal 300.000 Einwohnern sind völkerrechtlich Teil Georgiens, entziehen sich aber der Kontrolle der Regierung in Tiflis. Ihr Land „könnte als Nächstes an der Reihe sein, das fürchten alle. Aber ich halte das nicht für das wahrscheinlichste Szenario“, hatte die georgische Präsidentin Salomé Surabischwili Anfang Mai 2022 im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung (SZ) beschwichtigt: „Wir sollten uns nicht von der Vorstellung beherrschen lassen, dass es noch eine russische Invasion in Georgien geben könnte. Wir haben gelernt, mit verschiedenen Arten russischer Aggression zu leben, aber das hat uns nicht vom Kurs europäischer und transatlantischer Integration abgebracht.“

Derweil droht in Russland ein Machtkampf um das Prigoschin-Imperium: Präsident Putin schlägt offenbar zurück. (pm)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Westend61

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