Nach Panzer-Misere: Warum die Ukraine in einer Region zögert - und wo Russland den Großangriff erwartet
VonPatrick Mayer
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Die Ukraine hält sich bei ihrer Gegenoffensive an einem Frontabschnitt aktuell offenbar zurück. Genau dorthin verlegt Russland wohl Tausende Soldaten. Ein Indiz?
München/Saporischschja - Wird im Ukraine-Krieg hier eine der größten Schlachten seit dem russischen Einmarsch stattfinden? Die ukrainischen Streitkräfte haben die Rückeroberung eines weiteren Dorfes bekannt gegeben. Nach Angaben der stellvertretenden Verteidigungsministerin Hanna Maliar wurde das Dorf Pjatychatky südlich von Saporischschja befreit.
Gegenoffensive der Ukraine: Großangriff südlich von Saporischschja?
Es sei die achte Siedlung, welche die Ukraine nach Beginn der Gegenoffensive eingenommen habe, hieß es aus Kiew. Die Angaben lassen sich unabhängig nicht überprüfen. Dennoch fällt auf: Die Ukrainer habe in den vergangenen Tagen Tempo und Intensität aus ihren militärischen Bemühungen herausgenommen.
Darauf lassen unter anderem Beobachtungen des viel zitierten „Institute for the Study of War“ (ISW) schließen. Zeitgleich bekräftigte der Berater des ukrainischen Präsidialamts, Mychajlo Podoljak, dass die Gegenoffensive „als solche“ noch nicht gestartet sei. Dass die russische Invasionsarmee offenbar immens viele Truppen an jenem Frontabschnitt rund um Pjatychatky zusammenzieht, deutet an, dass Moskau hier wohl den ukrainischen Großangriff erwartet, den Militärexperten voraussagen. Heißt, südlich von Saporischschja zwischen dem Ufer des Kachowkaer Stausees und der Kleinstadt Orichiw nördlich von Melitopol.
Aktuell versuchen die ukrainischen Streitkräfte offenbar auf diesem mehr als 50 Kilometer langen Frontabschnitt, wo sie zuletzt mindestens einen Leopard-2-Kampfpanzer sowie mehrere Bradley-Schützenpanzer verloren, Stellungen an der russischen Hauptverteidigungslinie einzurichten. Sie tun dies offenbar vor allem nachts. Das schreibt die Welt. Und darauf lässt ein Video schließen, das bei Twitter kursiert und aus der Region Saporischschja stammen soll.
Es zeigt, wie angeblich die Besatzung eines von den USA gelieferten Bradley-Schützenpanzers per Nachtsichtgerät eine russische Stellung beschießt. Ehe es schließlich zu einer Explosion kommt. „Nach ersten Vorstößen konzentrierte sich die Ukraine auf Schläge gegen russische Artillerie und Reserven“, schrieb zudem Militärexperte Nico Lange bei Twitter.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Gegenoffensive der Ukraine: Kiews Truppen loten russische Schwachstellen aus
Die Ukraine wolle aktuell russische Schwachstellen testen, schreibt die Welt. Ein Reporter des TV-Senders Kabel1 berichtete am Wochenende wiederum direkt von der Saporischschja-Front, dass sich die ukrainische Gegenoffensive in diesem Bereich auch wegen des Wetters verlangsamt habe. So habe es teils stärker geregnet und der Boden sei stellenweise verschlammt. Der ukrainische Bürgermeister des besetzten Melitopol am Asowschen Meer, Iwan Fedorow, erklärte laut ISW indes, dass russische Truppen durch seine Stadt hindurch schwere militärische Ausrüstung aus der Gegend von Kachowka in der Region Cherson bis zur Frontlinie südlich von Saporischschja verlegen.
Die ukrainischen Streitkräfte unterbrechen möglicherweise vorübergehend ihre Gegenoffensive, um ihre Taktik für künftige Operationen neu zu überdenken.
Das britische Verteidigungsministerium veröffentlichte an diesem Montag (19. Juni) dazu passend eine Einschätzung seines Geheimdienstes, wonach Russland in den vergangenen zehn Tagen damit begonnen habe, Teile seiner Dnipro-Truppen vom Ostufer des riesigen Flusses abzuziehen, um die Front bei Saporischschja und im Osten bei Bachmut zu verstärken. Laut London soll es sich um mehrere Tausende Soldaten der 49. Armee handeln, einschließlich der 34. motorisierten Brigade (Panzer, d. Red.) sowie Marine-Infanterieeinheiten. Diese Verlegung „spiegelt wahrscheinlich die Einschätzung Russlands wider, dass ein größerer ukrainischer Angriff über den Dnipro nach dem Zusammenbruch des Kachowka-Staudamms und den daraus resultierenden Überschwemmungen nun weniger wahrscheinlich ist“, schreibt das Ministerium.
Gegenoffensive der Ukraine: Gefechtspause für einen Großangriff?
„Die ukrainischen Streitkräfte unterbrechen möglicherweise vorübergehend ihre Gegenoffensive, um ihre Taktik für künftige Operationen neu zu überdenken“, erklärt das ISW zur Gegenoffensive: „Die Ukraine hat noch nicht den Großteil ihrer verfügbaren Streitkräfte für die Gegenoffensive eingesetzt und ihre Hauptanstrengung noch nicht eingeleitet. Einsatzpausen sind ein häufiges Merkmal großer Offensivvorhaben.“ Ein solches erwartet auch Ben Hodges, der einstige Oberkommandierende der US-Landstreitkräfte in Europa.
„Wartet, bis die schweren Brigaden kommen“, schrieb der US-General a.D. in einer Analyse für die US-Denkfabrik Zentrum für europäische Politikanalyse (Cepa), „wenn Hunderte gepanzerte Fahrzeuge auf die russischen Linien treffen“. Auch wenn die Gegenoffensive begonnen habe, „so glaube ich jedoch nicht, dass der Hauptangriff schon erfolgt ist“, erklärte er der Washington Post: „Der ukrainische Generalstab will, dass die Russen so lange wie möglich raten müssen, wo er tatsächlich stattfindet.“ Südlich von Saporischschja?
Gegenoffensive der Ukraine: Will Kiew einen Keil zwischen die russische Armee schlagen?
Die Hinweise mehren sich, dass die ukrainischen Streitkräfte versuchen, die russischen Einheiten hier zwischen der östlichen Uferseite des Dnipro, den Küsten des Asowschen Meeres sowie der südukrainischen Großstadt Melitopol aufzureiben und einen Keil zwischen die russische Armee zu schlagen. Und dass sie dieses Vorhaben wohl geduldig angehen. (pm)