„Suche nach Halt“

Islamistische Geheimbotschaften und IS-Flaggen in den Zellen – JVA kämpft gegen Radikalisierung

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In der JVA Wuppertal soll ein einzigartiges Projekt junge Männer vor islamistischer Propaganda bewahren. Doch TikTok bringt neue Herausforderungen.

Wuppertal – Kovu ist immer auf der Suche. „Ich merke, dass mir irgendwas fehlt, aber ich weiß nicht was“, erzählt er. Der 22-Jährige stammt aus Sambia, ist vor elf Jahren mit seiner Familie nach Deutschland gekommen. Jetzt ist er Gefängnisinsasse in der JVA Wuppertal-Ronsdorf, seit fast zwei Jahren schon. Bis August muss er noch bleiben.

Gut bewachte Schleusen und ein langer, dunkler Gang zwischen Stacheldrahtzäunen und Panzertüren führen in den Gebetsraum, in dem Kovu mit anderen jungen Männern beim Gesprächskreis sitzt. Das Licht ist gedämpft, der dicke rote Teppich schluckt den Schall, es gibt Tee aus kleinen Glastassen. Einmal wöchentlich findet der Kreis statt, der sich vor allem an junge Muslime in der JVA richtet. Die meisten sind mehrere Jahre hier, weil sie teils schwere Verbrechen begangen haben: Raubüberfälle, Körperverletzung, Mord. Das Ziel des Projekts, das in dieser Form bundesweit einzigartig ist: Radikalisierung frühzeitig verhindern. Auf recht engem Raum leben über 500 Menschen – das Risiko, dass sich extremistisches Gedankengut schnell verbreite, sei hoch, heißt es von der Gefängnisleitung. Neben Rechtsextremismus gehe es dabei in erster Linie um Islamismus.

IS-Flaggen in der Zelle: Präventionsprogramm soll Radikalisierung verhindern

Präventionsbeauftragte achten deshalb auf kleinste Anzeichen und intervenieren. Mal finden sie in den Zellen IS-Flaggen, mal Bilder mit durchgestrichenen Politikerköpfen oder Hassbotschaften in arabischer Schrift. Im Gesprächskreis sollen die Häftlinge sich öffnen, Fragen stellen. Oft geht es um den Koran, darum, was erlaubt ist und was nicht. Und Imam Abdulassah El Hamroumi, der den Gesprächskreis zusammen mit Sozialarbeitern leitet, gibt geduldig Antworten. „Stimmt es, dass man vier Frauen haben darf?“, fragt einer. „Wenn meine Frau sowas hört, krieg‘ ich Ärger“, sagt der Imam und erklärt: „Das gab es in alten Kulturen, aber heutzutage weiß man, dass das menschenverachtend und in Deutschland nicht erlaubt ist.“

Ahmad sitzt wegen versuchten Mordes in der JVA Wuppertal – und ist auf der Suche nach Antworten.

Die Fragen von Kovu, dessen echter Name hier nicht steht, gehen tiefer. Wegen Raub und Betrug ist er im Gefängnis. Als Jugendlicher sei er an die falschen Leute geraten, erzählt er. Sie seien die einzigen gewesen, bei denen er im neuen fremden Land Anschluss finden konnte. Taxifahrer hat er dann überfallen, in Häuser ist er eingestiegen. Um dazuzugehören. Jetzt sucht Kovu Antworten. „Ich suche nach etwas, an dem ich mich festhalten kann“, sagt er. „Aber ich hab nix.“ Es gebe nun mal keine einfachen Antworten und nicht die eine Wahrheit, sagt Imam El Hamroumi. „Bei Tiktok wollen sie euch weismachen, dass sie euch die Welt in 15 Sekunden erklären können. Aber das funktioniert nicht.“

Islamistische Influencer ködern Jugendliche bei Tiktok

Auch darum geht es hier: Medienkompetenz. Seit Jahren beobachten Sicherheitsbehörden, dass radikale Islamisten vor allem junge Menschen mit vermeintlich einfachen Antworten auf Sinnfragen und Scheinlösungen für Alltagssorgen ködern. Hier lernen die Jungen, skeptisch zu sein und die Propaganda von extremistischen Influencern zu hinterfragen.

Auch Ahmad, der eigentlich anders heißt, hat Fragen. Er muss eine Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren absitzen, wegen versuchten Mordes. „Bei einer Massenschlägerei hab ich immer wieder auf einen eingestochen“, erzählt der breit gebaute junge Mann mit den nach hinten gegelten langen Locken. Warum er so ist, wie er ist, will er wissen. Wie er besser werden kann. Besser werden, das wollen sie alle. Ahmad hat eine Ausbildung im Gefängnis gemacht, Kovu will im Sommer seinen Schulabschluss nachholen. Eine Arbeit finden, reisen, die Welt erkunden und vielleicht eine Familie gründen. Davon träumen sie hier.

„Ich vermittle ihnen, dass das ein langer Weg sein kann, sie Geduld haben müssen“, sagt El Hamroumi. Und dass es noch andere Gesetze und Wege neben dem Koran gibt. Dann liest er ihnen zum Beispiel Artikel eins des Grundgesetzes vor: Die Würde des Menschen ist unantastbar. „Wenn ich frage, wer das gesagt haben könnte, sagen die meisten: Mohammed. Wenn ich sie dann aufkläre, ist das ein Aha-Moment.“

Rubriklistenbild: © Peter Sieben (Montage)

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