Gefährliche Influencer

„Soziale Isolierung“ über TikTok: Islamisten missbrauchen Jugendliche für Terroranschläge in Deutschland

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Immer öfter planen Jugendliche Terroranschläge. Dahinter steckt ein perfides Rekrutierungssystem islamistischer Influencer, sagt ein Experte.

Berlin – Sie wollten in Kirchen eindringen, Menschen erstechen und erschießen – das wirft ihnen die Anklage in Düsseldorf vor. Seit Mitte Dezember stehen drei Jugendliche wegen Terrorverdachts vor dem Landgericht: eine 16-Jährige aus Düsseldorf, eine 17-Jährige aus Iserlohn und ein 15-Jähriger aus Lippstadt. Über Messengerdienste planten die beiden Mädchen und der Junge die islamistisch motivierten Anschläge.

Es ist nicht das erste Mal, dass Jugendliche Terrortaten planten. In Brandenburg etwa wurde im August ein Teenager verurteilt, weil er einen Anschlag im Namen des Islamischen Staats auf einem Weihnachtsmarkt begehen wollte. Und ein 15-Jähriger wollte Ende 2023 auf einem Weihnachtsmarkt in Leverkusen „Ungläubige töten“. Wie kommt es, dass junge Menschen, manche von ihnen fast noch Kinder, sich zu solchen Taten entschließen?

„Soziale Isolierung“ über TikTok: Islamisten werben Jugendliche für Terroranschläge in Deutschland an

Die Sicherheitsbehörden beobachten mit Sorge, dass extremistische Influencer in den sozialen Netzwerken immer mehr Einfluss haben und gezielt Jugendliche radikalisieren. Der NRW-Verfassungsschutz etwa hat zuletzt zig Videos ausgewertet: In den Clips geben Hassprediger ihren Zuschauerinnen und Zuschauern vermeintliche Lebenstipps, zugeschnitten auf Alltagssorgen von Jugendlichen.

Es geht um Liebe, Ausbildung, Lifestyle. Eine Laufbahn als Polizist? Auf keinen Fall, das sei „haram“, also nach den Gesetzen der islamischen Scharia verboten, heißt es dann. Einer Frau die Hand geben? Nein, lieber nicht. Musik hören? „Musik vergiftet dich von innen“, verkündet ein bärtiger TikToker in einem der Videos. Die Clips von Influencern mit Namen wie El Azzazi oder Asanov werden millionenfach aufgerufen und gelikt.

Hans-Jakob Schindler vom Counter Extremism Project in der Berliner Redaktion von IPPEN.MEDIA.

„Extremistische Ideologien bieten immer sehr einfache Schemata und Lösungsansätze. Die komplexe Realität der modernen Gesellschaft wird auf binäre Antworten reduziert: wahr oder falsch, schwarz oder weiß, Freund oder Feind“, sagt Hans-Jakob Schindler. Der Terrorismus-Experte ist Senior Advisor beim Counter Extremism Project (CEP). „Solche ideologischen Narrative geben gerade auch jungen Menschen, die auf Sinnsuche sind, einen gewissen Halt und Führung“, so Schindler im Gespräch mit IPPEN.MEDIA.

„Radikalisierung beginnt fast nie direkt mit terroristischen Inhalten“

„Eine Radikalisierung beginnt fast nie direkt mit terroristischen Inhalten, sondern mit Aussagen und Lösungsvorschlägen zu ganz alltäglichen Problemen, bei welchen das binäre Denken der extremistischen Ideologie beim Nutzer eingeübt wird“, so Schindler. „Es gibt immer nur eine richtige Antwort, eine richtige Verhaltensweise. Damit wird auch immer wieder, oft sehr geschickt und unterschwellig, das Bild vermittelt, dass Menschen, welche diesem Schema nicht anhängen, Gegner sind oder die ‚Reinheit‘ des Glaubens gefährden.“

Ziel sei, die Nutzerinnen und Nutzer vom bisherigen sozialen Umfeld zu isolieren und immer mehr in extremistische Kreise zu drängen. „Diese soziale Isolation ist ein Kernelement der Radikalisierung“, macht Schindler deutlich. So werde schließlich auch im Offline-Leben eine Informationsblase geschaffen, aus der ein Ausbrechen oft nur noch schwer möglich sei.

Islamischer Staat will Einzeltäter-Terroristen rekrutieren

Terrorgruppierungen wie der Islamische Staat Provinz Khorasan (ISPK) nutzen solche Radikalisierungsmethoden schließlich, um potenzielle Einzeltäter zu rekrutieren. Die zynische Rechnung: Das ist einfacher und billiger, als konzertierte Anschläge zu planen – aber mindestens genauso wirksam. „Das Milieu nutzt dabei alle Arten der Online-Kommunikation, von den klassischen Plattformen wie Facebook und Instagram über Messengerdienste wie Telegram bis hin zu Streaming-Diensten wie TikTok und Crowdfunding-Plattformen, um ein möglichst breites Publikum zu erreichen“, sagt Schindler. „Leider unterstützen die Algorithmen der Plattformen die Radikalisierung, da sie dem jeweiligen Nutzer automatisch immer extremere Inhalte vorschlagen, um den Nutzer auf der Plattform zu halten.“

Rubriklistenbild: © Axel Heimken/dpa

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