VonYannick Hankeschließen
Russland gehen die Experten aus. Etwa 100.00 IT-Spezialisten sollen das Land seit Beginn des Ukraine-Kriegs verlassen haben. Auch Wissenschaftler ziehen ab. Und nun, Putin?
Moskau – Eine kaum greifbare Zahl: Etwa 100.000 russische IT-Spezialisten haben seit Beginn des Ukraine-Kriegs das von Präsident Wladimir Putin regierte Land verlassen. „Tatsächlich sind, wenn wir beide Ausreisewellen betrachten, bis zu zehn Prozent der Mitarbeiter von IT-Unternehmen aus dem Land ausgereist und nicht wiedergekommen“, hieß es von Digitalisierungsminister Maxut Schadajew am Dienstag, 20. Dezember 2022, in Moskau bei einer Anhörung vor dem Parlament.
Wegen des Ukraine-Kriegs: 100.000 IT-Spezialisten verlassen Wladimir Putins Russland
Doch wären 80 Prozent dieser IT-Spezialisten weiterhin bei russischen Unternehmen beschäftigt. Deshalb sei Schadajew auch dagegen, diesen Russen die Arbeit aus dem Homeoffice zu untersagen. Der springende Punkt ist in dieser Hinsicht jedoch die massive Abwanderungswelle, die mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs Ende Februar 2022 begonnen hat. Die erste Welle erfolgte bereits kurz nach der Kriegserklärung durch Russlands Präsident Wladimir Putin. Die zweite dann, als der Kreml-Herrscher eine Teilmobilisierung in Russland ausgerufen hatte.
Vor dem Hintergrund, dass die Europäische Union (EU) diese Russen nicht als Kriegsgegner anerkennt und ihre Grenzen größtenteils geschlossen hat, sind viele von ihnen in die angrenzenden Ex-Sowjetrepubliken ausgereist. In ihrer Heimat werden sie indes als „Vaterlandsverräter“ bezeichnet. Die Regierung und das Parlament, das russische Staatsduma, beraten nun über ein Gesetz, welches den Ausgereisten verbieten soll, weiterhin für russische Unternehmen zu arbeiten. Auf diesem Wege will Moskau möglichen Kriegsdienstverweigerern die Basis für ihre Existenz im Ausland nehmen.
IT-Experten in Russland sollen für Ukraine-Krieg eingezogen werden – und kehren ihrem Land den Rücken
Aktuell dreht sich die Diskussion in Russland darum, welche Sektoren von dem Verbot ausgenommen werden sollen. Aufgrund des Mangels an IT-Experten in Russland, waren diese zuletzt offiziell von der Einberufung zum Kriegsdienst ausgenommen worden. Doch trauen viele Russen den Beteuerungen des Kremls nicht. Sie bleiben ihrer Heimat lieber fern und fürchten um ihr Leben. Schließlich sollen sie für den Ukraine-Krieg eingezogen werden, es wartet der sichere Tod an der Front.
Doch nicht nur IT-Experten aus Russland reagieren auf den von Putin geführten Ukraine-Krieg und verlassen ihr Land. Selbiges gilt auch für russische Wissenschaftler. Immer mehr verlassen ihre Heimat. Die Folge: Die Forschung in Russland wird durch den russischen Geheimdienst FSB und die Sanktionen des Westens gegen Putins Land zunehmend schwierig. Schließlich ist der Inlandsgeheimdienst „an Hochschulen wieder aktiv. Um ausländische Kollegen einzuladen oder im Ausland zu veröffentlichen, braucht man jetzt eine Genehmigung“, heißt es vom russischen Wissenschaftskolumnisten Ilya Kolmanovsky.
Russischer Geheimdienst FSB setzt Wissenschaftler im Land unter Druck – auch sie wenden sich von Putin ab
Wie unter anderem der MDR berichtet, hat Kolmanovsky Russland am 1. März verlassen. Er lebt mittlerweile in Tiflis und Tel-Aviv. „Heute muss die Kandidatur eines Rektors an jeder russischen Universität mit dem FSB abgestimmt werden“, stimmt ihm der Wissenschaftsjournalist Elia Kabanov zu. Eine Umfrage russischer Wissenschaftler vom Institut für Psychologie der Russischen Wissenschaftsakademie und dem soziologischen Dienst „Reschajuchij golos“ im Frühjahr hatte ergeben, dass sich die Migrationswünsche bei 31,6 Prozent der Befragten seit Beginn des Ukraine-Kriegs verstärkt haben.
Bei Wissenschaftlern, die jünger als 39 Jahre alt sind, würden 51 Prozent verstärkt über eine Auswanderung nachdenken. Die Migrationsstimmung in Russland sei in den Regionen mit vielen wissenschaftlichen Einrichtungen besonders ausgeprägt: Moskau, der Region Nowosibirsk und St. Petersburg. Der Ukraine-Krieg würde der russischen Wissenschaft einen vernichtenden Schlag versetzen, heißt es von Kabanov. Wissenschaftler sähen sich mit Repressionen konfrontiert, im Grunde schon seit Putins Machtantritt. Und ein Ende ist nicht in Sicht.
