VonMaria Sterklschließen
Vier Geiseln sind frei, 116 werden vermisst, und Premier Netanjahu macht wenig Anstalten, diesen Missstand zu beheben. Und auch im Kriegskabinett ruckelt es.
Auch am Tag nach der spektakulären Geiselbefreiung durch die israelischen Streitkräfte in Nuseirat im Zentrum des Gazastreifens war der Jubel in Israel groß. Überall wurden Bilder der vier Zurückgekehrten geteilt – man sah Umarmungen unter Tränen, überglückliche Verwandte. Noa Argamani, Almog Meir Jan, Andrey Kozlov und Shlomi Ziv waren nach acht Monaten Folter und Geiselterror wieder in Freiheit. Sie alle waren am 7. Oktober vom Gelände des Nova-Musikfestivals in Re’im im Süden Israels von Terroristen nach Gaza verschleppt worden.
Unter die Wiedersehensfreude mischten sich aber gleich wieder schmerzvolle Nachrichten: Noa Argamanis Mutter Liora leidet an einer Krebserkrankung im Endstadium. Und Almog Meir Jan musste erfahren, dass sein Vater nur wenige Stunden vor der Rückkehr seines Sohnes nach Israel verstorben war – an den Folgen einer langen Krankheit.
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Am Sonntag gab es zwar viel Lob für den höchst komplexen Einsatz von Armee, Inlandsgeheimdienst und Antiterroreinheit der Grenzpolizei. Es mischten sich jedoch zunehmend kritische Stimmen in den Jubel. Der massive Aufwand, der betrieben wurde, um vier Gekidnappte mittels eines militärischen Einsatzes zurückzuholen, zeigte umso deutlicher, wie dringend es eine Verhandlungslösung braucht, um die verbleibenden 116 Geiseln aus der Gefangenschaft der Hamas zu befreien. Und eine solche Lösung ist auch am Tag nach dem Freudensamstag so weit entfernt wie zuvor.
„Es ist realitätsfremd zu glauben, dass auch alle anderen Geiseln durch militärische Maßnahmen befreit werden können“, sagt Avi Kalo, früher Verantwortlicher für Befreiungsaktionen im Militärgeheimdienst der israelischen Armee. Schon zuvor gab es Fälle, in denen Israels Geheimdiensten zwar der Ort bekannt war, wo sich die Geiseln befanden – eine Befreiungsaktion aber zu riskant gewesen wäre.
Dass es diesmal gelang, stärke zwar die Moral der Armee wie die der Bevölkerung, sagt der frühere Nationale Sicherheitsberater Giora Eiland. „Es ändert aber nichts an der Ausgangsposition: Die Hamas könnte einem Deal in mehreren Etappen zustimmen – aber nur, wenn er das Ende des Kriegs bringt.“ Das ist für Israels derzeitige Regierung.
Benjamin Netanjahus Koalition verändert sich derweil etwas- Wegen Meinungsverschiedenheiten über die Zukunft des Gazastreifens verlässt Minister Benny Gantz die nach dem 7. Oktober gebildete Notstandsregierung. Gantz verkündete dies am Sonntagabend. Der 65-jährige Ex-Verteidigungsminister hatte den Schritt bereits angedroht, sollte von der Regierung kein Plan für eine Nachkriegsordnung im Gazastreifen erarbeitet werden.
Gantz’ Ultimatum in der Sache war am Samstag ausgelaufen. Wegen der Geiselbefreiung verschob er jedoch eine geplante Pressekonferenz in letzter Minute. Der Austritt aus der Regierung betrifft laut Gantz auch weitere Mitglieder seiner Partei. Israels Führung wird er mit dem Schritt aber nicht stürzen. Denn Netanjahus rechtsreligiöses Kabinett verfügt auch ohne Gantz’ Partei weiterhin über eine Mehrheit
Gegenwind gab es am Samstagabend auch von den Angehörigen jener Geiseln, die sich immer noch in Gaza befinden. Die Geiselfamilien-Plattform und ihre Sympathisant:innen gingen in allen größeren Städten Israels auf die Straßen; die Polizei schritt gewaltsam ein.
Die Wut der Demonstrierenden zielte auf Netanjahu ab: Der ließ sich Samstagabend ausgiebig auf Fotos und Videos mit den zurückgekehrten Geiseln zeigen. Das erzürnte die Familien der übrigen Geiseln. Sie beklagten sich darüber, dass Netanjahu zwar jedwede Erfolge sich selbst zuschanzt, aber nicht mal nominell Verantwortung für das monatelange Scheitern aller Verhandlungen übernimmt.
Anders als viele andere Geiseln wurden die am Samstag Befreiten nicht in Tunneln festgehalten, sondern in Privatwohnungen in dicht besiedeltem Gebiet. Laut palästinensischen Angaben wurden bei Luftschlägen im Vorfeld der Befreiungsaktion und bei Schusswechseln nach dem Einsatz mehr als 200 Menschen getötet.
Israel dementiert diese Opferzahl. Auch von Berichten, wonach sich Israels Armee humanitärer Infrastruktur bedient habe, um den Einsatz unbemerkt durchführen zu können, distanzieren sich die Streitkräfte. Diese wie auch palästinensische Angaben können nicht geprüft werden.
Am Sonntag gab es Meldungen, denen zufolge es palästinensische Zivilpersonen waren, die die Geiseln in ihren Wohnungen festgehalten hatten. Diese Berichte sollte man skeptisch sehen, mahnt Experte Avi Kalo: Die Hamas verbreite solche Gerüchte, um sich damit zu brüsten, wie stark sie in der Bevölkerung verankert sei. Einen Bericht, wonach Argamani im Haus eines „Al Jazeera“-Journalisten gefangen war, weist der Nachrichtensender zurück. mit dpa


