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Fliehende Peschmerga und mordende Islamisten: Die Jesiden Mirza Dinnayi und Khalaf Qeerani erinnern sich an Tage des Grauens im August 2014.
Neun Tage kämpft der jesidische Aktivist Mirza Dinnayi um die Rettung seines Volkes. Er spricht mit der internationalen Presse, kontaktiert Diplomaten, telefoniert mit seinen belagerten Verwandten und fliegt mit der irakischen Armee Hilfsgüter ins Sindschar-Gebirge. Am zehnten Tag, begraben unter mehr als 40 anderen Menschen, kann er nicht mehr atmen. Dinnayi liegt ganz unten im Wrack eines abgestürzten Militärhubschraubers.
Am Morgen des 3. August 2014 erobert die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) weitere Gebiete im Irak und greift Dinnayis Heimat Sindschar (kurdisch: Shingal) an, um die jesidische Religionsgemeinschaft zu vernichten. Hunderttausende Jesid:innen, Christ:innen und schiitische Muslim:innen der Region haben sich auf das Versprechen der Peschmerga-Kämpfer – der später auch von Deutschland unterstützten Streitkräfte der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak – verlassen, sie vor den sunnitischen Mördern des IS zu schützen.
Ich habe die Phasen des Sterbens selbst erlebt, mein Leben lief wie ein Videofilm vor mir ab.
Zehn Jahre später macht Dinnayi einen Spaziergang in Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Autonomieregion. Er beschreibt am Telefon die Minuten nach dem Hubschrauberabsturz: Begraben unter den Körpern hört er Schreie und spürt die Hitze. „In meinem Psychologie-Studium habe ich gelernt, dass es fünf Phasen des Sterbens geben soll. An diesem Tag habe ich die Phasen selbst erlebt, mein Leben lief wie ein Videofilm vor mir ab“, sagt der 50-Jährige. Damals fragt sich Dinnayi, warum er, der sein ganzes Leben der Hilfe anderer Menschen widmete, nun beim Helfen sterben soll, noch dazu am Geburtstag seines Sohnes. Vielleicht haben die Terroristen des IS recht und er glaubt tatsächlich an den falschen Gott?
Peschmerga ziehen sich überraschend zurück
„Peschmerga“ bedeutet übersetzt: Die dem Tod ins Auge sehen. Doch am 3. August 2014 kehren die Streitkräfte dem herannahenden Tod nur ihren Rücken zu. Die 8000 in Sindschar stationierten Soldaten überlassen den Islamisten das Gebiet kampflos und ziehen ab. Der Rückzug erfolgt koordiniert, doch bis heute ist unklar, wer den Befehl dazu gegeben hat. Kurz nach Sonnenaufgang wehen in den ersten jesidischen Dörfern südlich des Sindschar-Gebirges die schwarzen IS-Flaggen mit weißer Schrift. Das Gebirge, das aus der flachen irakischen Steppe emporragt, wird für Zehntausende zur letzten Zuflucht – wie schon oft in der jesidischen Geschichte.
„Die Berge sind Vater und Mutter der Jesiden“, sagt ein Überlebender des Massakers, Khalaf Qeerani. Fast sein ganzes Leben verbrachte der 69-Jährige als Fahrer und Kleinbauer in Sindschar. Im Juli 2024 sitzt Qeerani im Büro eines jesidischen Gemeindezentrums in seiner neuen Heimat Oldenburg und schildert aufgeregt seine Erinnerungen: In der Nacht zum 3. August 2014 hört er Gewehrsalven und das Donnern von Granateneinschlägen. Als er am Morgen ganz in der Nähe seines Hauses südlich der Berge drei Lastwagen mit den Peschmerga vorbeifahren sieht, freut er sich und eilt zur Hauptstraße. Dreimal fragt er sie, was los sei. Dreimal bekommt er keine Antwort. Einer der überwiegend muslimischen Peschmerga ist selbst Jeside und erbarmt sich. Mit einem Maschinengewehr in der Hand spricht er das Unfassbare aus: „Lass uns in Ruhe, wir ergreifen die Flucht.“
Kleinbauer Qeerani zögert nicht lange. Er stapelt mehr als 35 Familienmitglieder auf der Ladefläche seines weißen Toyota-Pickups, „über- und untereinander“, wie er sagt. Gegen 7.30 Uhr sitzt er am Steuer und betet, dass der Motor des völlig überladenen Wagens auf den steilen Straßen ins Gebirge nicht schlapp macht. Ein Geschoss der islamistischen Angreifer verfehlt den Pickup nur knapp, die Familie kann sich zunächst retten.
IS tötet bis zu 10.000 Menschen
Wer es nicht rechtzeitig in den Norden des Landes oder in die schützenden Berge schafft, dem droht ein Martyrium: Jesidische Männer müssen ihre eigenen Massengräber ausheben und werden an den Rändern der Gruben erschossen. Insgesamt ermordet der IS zwischen 5000 und 10.000 Menschen, manche Dörfer löscht er fast vollständig aus. 7000 Frauen und Mädchen werden systematisch vergewaltigt und auf Sklavenmärkten verkauft. 2700 von ihnen gelten bis heute als vermisst. Ein Völkermord, wie später unter anderem die Vereinten Nationen und der Deutsche Bundestag anerkennen werden.
Der in Sindschar aufgewachsene Aktivist Mirza Dinnayi lebt seit 30 Jahren in Deutschland, ist aber noch regelmäßig im Irak. Er war 2005 Berater des damaligen irakischen Präsidenten Dschalal Talabani und arbeitet heute für die Regionalregierung Kurdistan im Nordirak als jesidischer Experte für Minderheitenrechte. Die meiste Zeit verbringt er jedoch mit ehrenamtlicher Arbeit für die von ihm gegründeten Hilfsorganisationen „Luftbrücke Irak“ und „House of Coexistence“. Schon im Juni 2014, als der IS die Großstadt Mossul einnimmt und dort am 29. Juni das Kalifat ausruft, ahnt er, dass sich für die Jesid:innen eine Katastrophe anbahnt.
Als der IS am 3. August angreift, ist Aktivist Dinnayi bei Verwandten in Erbil. Dinnayi hasst Waffen, sein Telefonbuch ist stattdessen voll mit Kontakten. Am 5. August kommt jemand auf die Idee, die Hals über Kopf geflüchteten Menschen in den Bergen mithilfe von Hubschraubern zu versorgen und so viele wie möglich auszufliegen. Iraks Premier stimmt zu, drei Helikopter der Armee zu schicken. „Ich bin freiwillig mitgeflogen, weil ich die Region sehr gut kenne“, sagt Dinnayi.
Zurückschicken trotz Völkermords?
Die Zahl der Jesidinnen und Jesiden wird weltweit auf etwa eine Million geschätzt. Davon sollen rund 250.000 in Deutschland leben. Damit ist hierzulande die weltweit zweitgrößte jesidische Gemeinschaft nach dem Irak beheimatet. Viele von ihnen kamen schon in den 1980er Jahren aus der Türkei in die Bundesrepublik.
Einen Schutzstatus in Deutschland hat das Bundesamt für Flucht und Migration (Bamf) seit dem Jahr des Genozids 2014 mehr als 100.000 Jesid:innen zuerkannt. Laut dem Mediendienst Integration ging das Bamf zunächst von einer sogenannten Gruppenverfolgung aus, was eine Schutzquote von über 90 Prozent zur Folge hatte. Ab 2017 war es damit vorbei, ein Bleiberecht für irakische Jesid:innen wird seither öfter abgelehnt – im ersten Halbjahr 2024 bereits in jedem zweiten Fall. Begründung: Die Sicherheitslage im Irak habe sich verbessert.
Bessere Schutzchancen haben bisher syrische Jesiden und Jesidinnen: Sie erhielten bis einschließlich 2023 in fast allen Fällen ein Bleiberecht – aber nicht wegen ihrer Religion, sondern wegen der generellen Bewertung der Gefährdungslage in Syrien.
Der Bundestag hat Anfang 2023 die IS-Gräuel an den Jesid:innen als Völkermord anerkannt. Im März 2023 erklärte die Bundesregierung, für Angehörige der Gruppe sei es „nicht zumutbar, in den früheren Verfolgerstaat zurückzukehren“. Doch kurz darauf vereinbarten Berlin und Bagdad mehr Kooperation bei Abschiebungen. Seither wurden gut 300 Menschen in den Irak abgeschoben – darunter auch Jesidinnen und Jesiden.
Dabei müssen im Irak nach Schätzungen von Pro Asyl weiterhin mindestens 200.000 Jesid:innen in Flüchtlingscamps leben, weil die Infrastruktur in ihren Siedlungsgebieten immer noch fast völlig zerstört ist. Nach wie vor gibt es Kämpfe zwischen verschiedenen bewaffneten Gruppen und es komme laut der NRW-Landesregierung „immer wieder zu Zwangsprostitution, Rekrutierung von Kindersoldaten und Versklavung“ von Jesid:innen.
Nordrhein-Westfalen fordert deshalb, wie auch zahlreiche Menschenrechtsorganisationen, einen bundesweiten Abschiebestopp für Jesiden und Jesidinnen. Ein landeseigener Abschiebestopp in NRW ist nach sechs Monaten im Juni ausgelaufen, eine Verlängerung wäre nur mit Einverständnis des Bundesinnenministeriums möglich. Derzeit sind Abschiebungen von Jesid:innen nur noch in Niedersachsen und Rheinland-Pfalz ausgesetzt. rü
Oft können sie nicht landen, weil die Berghänge voller Geflüchteter sind und die bei 41 Grad Lufttemperatur verdurstenden Menschen sofort zum Helikopter stürzen. Dann werfen sie die Wasserflaschen einfach runter, doch die meisten zerplatzen auf dem harten Fels. Einmal, kurz nach dem Start, klammert sich ein Mann am Rand des Hubschraubers fest. Dinnayi lehnt sich aus der offenen Tür und versucht ihn zu fassen. Doch der Mann ist zu weit weg, einen Moment später stürzt er ins Tal und stirbt in den Bäumen. „Monatelang habe ich jedes Mal geweint, wenn ich seine Schreie in meinem Kopf gehört habe“, sagt Dinnayi heute.
Bei einem Rückflug am 12. August drängen zu viele Menschen in den Helikopter. Kurz nach dem Start verliert der Pilot das Gleichgewicht, ein Rotorblatt zerschellt an einem Felsen. Geistesgegenwärtig stoppt der Co-Pilot die Maschine, damit der Hubschrauber nicht explodiert, sondern nur aus wenigen Metern Höhe auf den Boden kracht. Dennoch sterben vier Menschen, darunter der arabische Pilot. Die Flüchtlinge, die Dinnayi retten wollte, retten nun Dinnayi. Sie können ihn mit gebrochenem Bein und kaputten Rippen aus dem Wrack befreien. Zwei Stunden später holt ihn ein anderer Helikopter ab.
YPG und PKK sichern Fluchtkorridor ab
Kleinbauer Khalaf Qeerani befindet sich wenige Tage zuvor irgendwo auf dem Bergplateau. Ihm stehen bis heute die Tränen in den Augen, sagt er, „wenn ich an die alten Frauen denke, die für einen Tropfen Wasser ihre Hand aufgehalten haben“. Er und seine drei Dutzend Verwandten konnten selbst nur wenig mit auf den Berg nehmen. Trotzdem geben sie manchmal etwas ab, sparsam dosiert in den Deckeln der Flaschen. Acht Tage überleben Qeerani und seine Familie die Hitze, acht Nächte überstehen sie die Kälte. Dann kommen andere Kämpfer:innen in die Berge, um die verzweifelten Menschen zu retten.
Die waren gut ausgebildet und sehr tapfer, so etwas habe ich noch nie erlebt.
Einheiten der kurdischen YPG, die den Nordosten des benachbarten Syriens kontrollieren, sichern gemeinsam mit der PKK-Guerilla einen Korridor ins Nachbarland, durch den Zehntausende Menschen evakuiert werden. Sie bringen den Menschen Mehl und Wasser, geben laut Qeerani sogar ihre eigenen Wasservorräte ab. „Die waren gut ausgebildet und sehr tapfer, so etwas habe ich noch nie erlebt“, erinnnert er sich. In Rojava, wie das von der YPG kontrollierte Gebiet genannt wird, stehen Ärzt:innen und Freiwillige bereit, um die völlig erschöpften Menschen zu versorgen.
Von dort gelangt auch Qeerani mit seiner Familie zurück in eine sichere Region des Nordiraks, wo bis heute mehr als 200.000 Menschen in Zeltstädten ausharren. Konflikte zwischen Milizen, Drohnenangriffe der Türkei, Schläferzellen des IS und die stark zerstörte Infrastruktur verhindern bis heute, sieben Jahre nach der Befreiung vom IS, ihre Heimkehr. Dennoch schieben einige deutsche Bundesländer wieder Jesiden in den Irak ab.
Lokale Milizen verteidigen den Berg
Im Jahr 2014 kehrt Qeerani nur wenige Tage, nachdem er seine Familie in Sicherheit gebracht hat, in die Berge zurück. Er will seine Heimat verteidigen und schließt sich mit etwa 80 Nachbarn einer lokalen Widerstandsgruppe an. Mehr als Kalaschnikows und ein paar Panzerfäuste haben die Verteidiger von Sindschar nicht, viele Männer sterben bei den Gefechten. Drei lange Jahre bleibt Qeerani dort und kämpft.
Mit Erfolg, denn dem IS gelingt es nicht, das unwegsame Bergland mit seinen zahlreichen jesidischen Heiligtümern einzunehmen. Doch nach der Befreiung der Region 2017 ist Qeeranis Haus in der Ebene nur noch ein Trümmerhaufen, sein Traktor ist weg, und auch die 170 Schafe der Familie hat der IS mitgenommen. 2018 folgt Qeerani seinem Sohn nach Deutschland, der es in einem Schlauchboot über das Mittelmeer geschafft hat.
Aktivist Dinnayi setzt sich für entführte Frauen ein
Auch Aktivist Dinnayi kämpft kurz nach dem Helikopterabsturz mit seinen Mitteln weiter. Wenige Tage nach einer Operation in Deutschland reist er nach Genf und hält dort am 1. September 2014 die erste jesidische Rede vor der UN-Menschenrechtskommission. Danach fliegt er in den Irak und besucht, im Rollstuhl sitzend, die Flüchtlingslager. Als er die Berichte der ersten Mädchen hört, die dem IS entkommen sind, schämt er sich, ein Mann zu sein.
Er fürchtet, dass die vergewaltigten Frauen und Kinder von der konservativen jesidischen Gesellschaft im Irak verstoßen werden und spricht mit dem religiösen Oberhaupt. „Zum Glück war der Baba Sheikh sehr verständnisvoll und hat entschieden, sie wieder in die Gemeinschaft aufzunehmen“, sagt Dinnayi. Zudem kann er Ministerpräsident Winfried Kretschmann überzeugen, 1100 dieser Frauen nach Baden-Württemberg zu holen, wo sie nicht nur einen Aufenthaltstitel, sondern auch eine Traumatherapie erhalten.
Mehr denn je sei Deutschland nach dem Genozid zum „zweiten Flügel der Jesiden“ geworden, sagt Dinnayi. Trotzdem halte er es für einen Fehler, wenn alle Jesid:innen den Irak verlassen würden. Und so kämpft der Aktivist weiter, unter anderem mit einem multireligiösen Begegnungszentrum in Sindschar, das Wunden heilen und die zerbrochene Gesellschaft versöhnen soll. Denn zehn Jahre nach dem Völkermord ist Dinnayi sicher: Er glaubt nicht an den falschen Gott. Und er glaubt an eine Zukunft des jesidischen Volkes, wie auch immer diese aussehen mag.
Interview mit dem Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger
Der Politologe und Jesiden-Experte Thomas Schmidinger spricht im Interview über die Vorgeschichte des Völkermords an den Jesiden, die Folgen der aktuellen türkischen Luftangriffe und die Zukunft der jesidischen Diaspora in Deutschland.

