Nordirak

Genozid an Jesiden: „Das Machtvakuum war ein Problem“

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Politologe Thomas Schmidinger.
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Politologe Thomas Schmidinger zur Vorgeschichte des Völkermords an den Jesiden, zu den Folgen der aktuellen türkischen Luftangriffe und zur Zukunft der jesidischen Diaspora. Ein Interview von Tom Gath

Herr Schmidinger, die jesidische Religionsgemeinschaft im heutigen Nordirak war bereits im Osmanischen Reich Verfolgung ausgesetzt. Wie war die Situation der Jesid:innen unter dem irakischen Diktator Saddam Hussein?

In den 1970er Jahren versuchte Saddam Hussein nicht nur die jesidische, sondern auch die kurdische und teilweise arabische Bevölkerung in neu errichtete Modelldörfer umzusiedeln. Ziel war einerseits eine gewisse Modernisierung. Dem totalitären Baath-Regime ging es aber auch um die Kontrolle der Bevölkerung. Unter anderem im Sindschar-Gebirge wurden sehr viele Dörfer zerstört und die Bewohner an den Fuß des Berges umgesiedelt. Dadurch war die Bevölkerung 2014 ein leichtes Ziel für den IS.

Diese Politik richtete sich also nicht gezielt gegen das Jesidentum?

Es gab den Versuch, die Jesiden zum Beispiel bei Volkszählungen als Teil der arabischen Mehrheit zu zählen. Diese Arabisierungspolitik war aber nicht spezifisch antijesidisch motiviert, sondern ein allgemeines Phänomen des arabischen Nationalismus.

Wie war das Verhältnis zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Nordirak?

In der muslimischen Bevölkerung des Irak gab und gibt es Ressentiments gegenüber den Jesiden, etwa dass sie unrein seien oder den Teufel verehrten. Anders als das Christentum und das Judentum ist das Jesidentum keine Buchreligion und wird daher von einigen Muslimen nicht respektiert. Bis zum Sturz Husseins 2003 wurden die Jesiden aber nicht massiv verfolgt. Das Narrativ einer permanent verfolgten Minderheit hat sicher mehr mit dem Trauma des Genozids von 2014 zu tun als mit der historischen Realität.

Aber ab 2003 nahm die Verfolgung zu, weil mit dem Sturz Saddam Husseins auch die sunnitischen Eliten entmachtet wurden und sich der Dschihadismus ausbreitete?

Ja, das Erstarken des sunnitischen Islamismus hat die Situation für Jesiden, aber auch für Schiiten im Irak, deutlich verschlechtert. So gab es 2007 Anschläge auf zwei jesidische Dörfer in Sindschar, mutmaßlich von der Vorgängerorganisation des IS, bei denen fast 800 Menschen starben. Zudem liegt Sindschar in den sogenannten Umstrittenen Gebieten, auf die sowohl die irakische Zentralregierung in Bagdad als auch die kurdische Autonomieregierung in Erbil Anspruch erheben.

Welche Rolle spielten diese unklaren Zuständigkeiten bei dem Genozid durch den IS?

Das Machtvakuum in der Region war sicherlich ein Problem. Offiziell war die irakische Armee für Sindschar verantwortlich, de facto waren dort aber Peschmerga der kurdischen Regierungspartei PDK stationiert. Die Jesiden hatten dem Sicherheitsversprechen der Peschmerga vertraut, die sich dann aber plötzlich zurückgezogen haben. Wären die Peschmerga nur ein paar Stunden länger in Sindschar geblieben, hätten die Menschen Zeit gehabt, ihre wichtigsten Dokumente und Wasser mitzunehmen. Es wären wahrscheinlich nur sehr wenige Jesiden gestorben. Dies wird von den Jesiden verständlicherweise bis heute als Verrat angesehen.

Manche wittern eine Verschwörung zwischen der kurdischen Autonomieregierung und dem IS. Andere glauben eher an Missmanagement und Kommunikationsfehler. Auch die mangelnde Bindung der überwiegend sunnitischen Peschmerga-Kämpfer an die Region wird als Grund für den Rückzug vermutet. Was denken Sie, warum sich die Peschmerga zurückgezogen haben?

Es war auf jeden Fall ein organisierter Rückzug, den jemand angeordnet hat. Ich glaube nicht, dass man das mit Einzelentscheidungen von Sunniten erklären kann. Aber der ganze Vorgang ist bis heute nicht aufgearbeitet. Niemand hat Verantwortung übernommen. Ich verstehe nicht, warum die Peschmerga nicht so lange geblieben sind, bis die Zivilisten sich zurückziehen konnten. In der benachbarten Ninive-Ebene ist das Gleiche passiert, da mussten sich die Peschmerga auch zurückziehen. Aber da wurde den Christen, die dort lebten, schon Tage vorher gesagt: „Es könnte eng werden. Macht euch bereit.“ Dann haben mitten in der Nacht die Kirchenglocken geläutet und die Leute sind fast alle weggekommen.

Die kurdischen Kämpfer:innen der PKK und ihre nordsyrischen Verbündeten der YPG genießen dagegen bis heute hohes Ansehen bei den jesidischen Überlebenden. PKK und YPG sicherten einen Korridor vom Gebirge ins benachbarte Syrien und retteten so Zehntausenden das Leben. Augenzeugen berichten, dass dabei kein einziger Schuss gefallen sei und die YPG einen Deal mit dem IS ausgehandelt habe. Was wissen Sie über diesen Einsatz?

Es haben dort definitiv Einheiten der PKK und der YPG gekämpft. Auf dem Heldenfriedhof im Sindschar-Gebirge sind die Namen und Einheiten der Gefallenen verzeichnet. Fast 100 Kämpferinnen und Kämpfer aus Rojava (von der YPG kontrollierte Gebiete im Nordosten Syriens, Anm. d. Red.) haben die Rettungsaktion mit ihrem Leben bezahlt. Ich gehe aber auch davon aus, dass es irgendeine Kommunikation zwischen der YPG und dem IS gab. Vielleicht hatte der IS gehofft, dass alle fliehen und sie dann die Berge einnehmen können. Aber das ist nicht passiert. Etwa 5000 Zivilisten und lokale Kämpfer sind dort geblieben. Das war eine enorm wichtige Basis für die spätere Rückeroberung

2017 wurde die Region vollständig vom IS befreit. Wer kontrolliert Sindschar heute?

Den Süden des Gebirges und große Teile des Nordostens kontrolliert die irakische Armee gemeinsam mit den von Bagdad offiziell anerkannten Volksmobilisierungseinheiten. In Sindschar sind das jesidische Volksmobilisierungseinheiten, teilweise auch lokale schiitische Gruppen. Innerhalb dieses Gebietes gibt es eine Enklave, die von einer unabhängigen jesidischen Miliz unter dem Kommando von Haydar Shesho kontrolliert wird. Dann gibt es vor allem im Nordwesten ein Gebiet, das von der YBS kontrolliert wird. Die YBS ist ebenfalls eine lokale jesidische Miliz, wird aber von der YPG und der PKK unterstützt. Die YBS kooperiert mit der irakischen Armee und den Volksmobilisierungseinheiten.

Das „Sindschar-Abkommen“ von 2020 sollte für klare Verhältnisse sorgen. Was ist aus den Plänen geworden?

2020 haben sich die Regionalregierung Kurdistans, also die die PDK, und die irakische Regierung in Bagdad darauf geeinigt, dass die anderen Milizen dort verschwinden sollen, ohne dass man diese eingebunden hat. Es war aber absehbar, dass die YBS und die Miliz von Haydar Shesho nicht gehen, weil sie aus lokalen Kämpfern bestehen. Die Menschen in der Region können sich nicht in Luft auflösen. Dieses Abkommen war von Anfang an Schwachsinn und niemand vor Ort glaubt, dass es jemals umgesetzt wird.

Ein weiterer Akteur ist das türkische Militär. Welche Rolle spielt die Türkei für die Zukunft von Sindschar?

Die Türkei fliegt seit Jahren regelmäßig Luftangriffe auf Sindschar. Offiziell will sie damit die - aus türkischer Sicht - Terrororganisation PKK treffen. Es mag sein, dass sich einzelne Militärberater der PKK in Sindschar aufhalten. Aber der überwiegende Teil der PKK-nahen YBS sind lokale Jesiden. Wer mit ihnen spricht, merkt, dass den meisten ihre jesidische Identität viel wichtiger ist als die Ideologie der PKK. Selbst Kommandeurinnen der YBS haben mir gegenüber die konservativen jesidischen Heiratsregeln verteidigt, die mit den feministischen Vorstellungen der PKK nur schwer vereinbar sind. Neben den lokalen YBS-Milizionären kommen bei den türkischen Angriffen auch immer wieder Zivilisten ums Leben. Diese Angriffe sind sicherlich ein Grund dafür, dass bisher so wenige Menschen zurückgekehrt sind und bis heute zehntausende Jesiden in Zeltlagern leben.

Wie weit war der zivile Wiederaufbau von Sindschar bei Ihrem letzten Besuch?

Ich war das letzte Mal im Frühjahr dort. Der Norden von Sindschar, wo der IS nur kurz war, ist relativ gut wieder aufgebaut. Im Süden der Berge sieht es katastrophal aus. Da laufen Hunderudel durch die leeren Häuser. In manchen Dörfern gibt es auch einfach keine Menschen mehr, weil fast alle getötet wurden. In der Stadt Sindschar sind die neueren Stadtteile teilweise wieder aufgebaut, aber die Altstadt ist nach wie vor komplett zerstört und voller Blindgänger und Minen. Interessant ist, dass von den Menschen, die auf den Berg geflüchtet sind, viele begonnen haben, Häuser zu bauen. Zum Teil sogar in den Dörfern, aus denen ihre Familien kommen und die in den 1970er Jahren zerstört wurden. Der IS hat somit indirekt die Zerstörung der Dörfer durch Saddam Hussein teilweise wieder rückgängig gemacht.

Welche Auswirkungen hat der Völkermord auf die jesidische Religion?

Eine der Auswirkungen ist, dass es eine viel größere Diaspora gibt, vor allem in Deutschland. In der Diaspora verändert sich auch die Religion. Religionswissenschaftlich könnte man die zu erwartende Transformation mit dem Judentum nach der Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer vergleichen. Das Judentum hat sich in der europäischen Diaspora ebenfalls stark verändert. Themen wie die strikten Heiratsvorschriften im Jesidentum werden sicher noch zu Konflikten führen. Ich glaube, wenn sich die Jesiden hier nicht flexibel zeigen, besteht die Gefahr, dass das Jesidentum in der Diaspora verschwindet, weil sich junge Jesiden in Deutschland natürlich auch in Nicht-Jesiden verlieben. Kinder aus gemischten Ehen können derzeit keine Jesiden sein.

Wie sieht die Zukunft der Jesid:innen im Irak aus?

Ich glaube nicht, dass das Jesidentum im Irak verschwinden wird. Aber bei vielen hat das Trauma des Genozids zu einer starken Verhärtung der Identität geführt. Insbesondere das Verhältnis zu den Muslimen ist natürlich sehr angespannt. Auch die innerjesidische Diskussion, ob die Jesiden Kurden oder eine eigene Ethnie sind, hat nach 2014 eine neue Dynamik bekommen. Die Gruppe, die behauptet, eine eigene Ethnie zu sein, ist nach dem Verrat der Peschmerga deutlich größer geworden. Zudem gibt es heute nicht nur die alten Stammeskonflikte unter Jesiden, sondern durch die neuen Verbündeten auch Verschränkungen mit anderen regionalen Konflikten. Zum Beispiel ist eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen Bagdad und der PKK jetzt sofort auch in Sindschar spürbar.

Nach dem Holocaust haben die jüdischen Überlebenden an die jahrzehntelange Vorarbeit der zionistischen Bewegung angeknüpft und den Staat Israel als Schutzraum gegründet. Wäre ein eigener jesidischer Staat ebenfalls denkbar?

Einige extreme Gruppen, vor allem in der Diaspora, träumen von einem eigenen Staat, aber das ist völlig unrealistisch. Erstens war die zionistische Bewegung damals politisch sehr viel geeinter. Es gab zwar verschiedene Parteien, aber die Sozialdemokratie war der Kern der zionistischen Bewegung. Zweitens war das heutige Israel damals ein britisches Protektorat und kein unabhängiger Staat. Sindschar jetzt aus dem Irak herauszulösen, wäre ein Himmelfahrtskommando, aber das will keine ernstzunehmende politische Gruppierung. Es gibt aber viele, die eine eigene autonome Region wollen. Eine gewisse Selbstverwaltung oder eine eigene Provinz innerhalb des Iraks könnte realistisch sein.

Zur Person

Thomas Schmidinger ist Politikwissenschaftler und Kulturanthropologe. Er lehrt an der Universität Wien und seit 2023 an der University of Kurdistan im nordirakischen Erbil. Seit 1999 bereist er alle Teile Kurdistans und forscht auch zum Jesidentum.

Das Jesidentum ist eine monotheistische Religion, die vor fast 1000 Jahren erstmals schriftlich erwähnt wurde. Der mündlich überlieferte Glaube entwickelte sich mutmaßlich aus vorislamischen iranischen Religionen.

Der wichtigste Engel dieser Religion wird von vielen im Islam fälschlicherweise als Satan identifiziert. Auch das Fehlen einer Heiligen Schrift diente Muslimen als Legitimation für die Ausgrenzung der jesidischen Gemeinscahft. Der Genozid des IS gilt Jesid:innen als der 74. Völkermord, auch wenn das historisch nicht belegbar ist. gat

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